Breitkopf & Härtel (300) und Clara Schumann (200): Eine aktive Liaison in einer Ausstellung des Museums für Druckkunst Leipzig


(nmz) -
Diesmal geht es im Leipziger Museum für Druckkunst einmal nicht um Kalligraphie, ihre Reproduktion oder um andere Schnittstellen zwischen Layout und technischer Realisierung, dafür um Musik und ihre Verbreitung. Das macht die Sonderausstellung „Breitkopf & Härtel und Clara Schumann. Eine musikalische Liaison“ außergewöhnlich vor allem für Kultur- und Musikwissenschaftler. Zwei Jubiläen und regionales Traditionsbewusstsein waren die Voraussetzungen für diese Kombination:
07.03.2019 - Von Roland H. Dippel

Zum einen der 200. Geburtstag von Clara Schumann am 13. September 2019, der die Musikstadt Leipzig und viele ihrer Kulturakteure im Projekt CLARA19 ein riesiges Veranstaltungsbouquet widmen, zum anderen das 300jährige Firmenjubiläum des Musikverlags Breitkopf & Härtel.

Der weltweit älteste, in Leipzig gegründete Musikverlag hatte die 2014 zugunsten des Standorts Wiesbaden geschlossene Dependance Leipzig 2017 wieder eröffnet. Und die Komponistin, Klaviervirtuosin, Komponisten-Gattin und -Witwe sowie kinderreiche Mutter Clara Schumann, geb. Wieck (1819-1896) ist eine als sehr authentisch betrachtete Propagandistin von „Kinder, keine Küche, dafür Kunst!“ anstelle von „Kinder, Küche, Kirche!“. Mehr noch als die zugezogene Fanny Hensel oder die temporäre Konservatoriumsstudentin Ethel Smyth ist die gebürtige Leipzigerin Clara also die ideale Galionsfigur der Musikstadt Leipzig für den passgenauen und bisher fehlenden Innovationskick „Gender-Mainstream“. Dabei bestand durchaus das Risiko, dass diese Ausstellung mitsamt der auf den Wellen ihrer Liebe zur Musik schwimmenden Nixe Clara Schumann sich im Netz gefälliger Selbstbespiegelungen hätte verfangen können.

Doch gerade das erlebt man nicht, selbst wenn man bereits mit Hinweisen auf den mit einer Fläche 1880 m² „wahrscheinlich größten Drucksaal der Welt“ des Verlagshauses um 1900 vorwärts Richtung „Jahr der Industriekultur 2020 für ganz Sachsen“ blickt. Dabei sind die zwölf Vitrinen und Rahmungen der Ausstellung eine kompakte, aussagestarke, facettenreiche Konzentration jener Schwerpunkte, die der vom Dohr-Verlag 2015 herausgegebene Verlegerbriefwechsel Claras mit Breitkopf & Härtel als eine berufliche, künstlerische und persönliche gegenseitige Verbundenheit dokumentiert. Krisenmomente wie die Veröffentlichung von Schumanns „Faust-Szenen“ können in der Ausstellung schwerlich zur Darstellung kommen.

Dafür erschließen sich andere Stränge: Die Erfindung und Optimierung jener technischen Verfahren, die seit dem mittleren 18. Jahrhundert Breitkopf zu dem führenden Musikverleger machen sollten, die wirtschaftliche Positionierung durch Mischkalkulationen mittels Bestsellern wie Felix Dahns 'Professorenroman' „Ein Kampf um Rom“, der zeitweilige Betrieb einer Klavierfabrik, die um 1900 für Arbeitnehmer im hochqualifizierten Beruf des Notenstechers optimale Gestaltung des Arbeitsplatzes und die Kommunikation mit Künstlern trotz reduzierter Einnahmen: Clara Schumann war nicht nur beteiligt an der Edition etwa der Hälfte ihrer eigenen Werke und natürlich der Gesamtausgabe derer ihres Mannes Robert, den sie um vierzig Jahre überlebt hatte, sondern auch an einer maßgeblichen Edition von Frederyk Chopin, dessen Klavierwerk sie fast vollständig im Repertoire hatte. Schon allein für den ausgestellten Korrekturabzug von Robert Schumanns „Andante und Variationen op. 46“ mit Claras resoluten blauen Schriftzügen „an der Herrn Stecher“ lohnt sich der Ausstellungsbesuch. Ebenso wichtig wie die ausgestellten Dokumente sind die geöffneten Erkenntnisräume.

Insofern zeigt der Titel „Eine musikalische Liaison.“ ein fast kühl unterspielendes  Selbstverständnis. Denn Clara war für den Verleger Breitkopf, der wie ein Konzertagent deren Auftritte im Leipziger Gewandhaus managte, weitaus mehr als eine Interpretin oder Nachlassverwalterin. Ihre Würdigung lässt sich jetzt noch ohne weiteres um die Berufsfelder Lektorat, Promotion und Recherche erweitern. Claras vermittelnde Interventionen zwischen dem künstlerischen Vermächtnis der Komponisten Chopin und Schumann und dem sich wandelnden Zeitgeschmack im späten 19. Jahrhundert sind dabei äußerst aufschlussreich.

Parallel ist im Ariowitsch-Haus Leipzig eine von Studierenden der Universität Leipzig gestaltete Ausstellung mit Dokumenten aus dem Verlag Breitkopf und Härtel zur Zeit des Nationalsozialismus zu sehen.

Museum für Druckkunst Leipzig · Nonnenstraße 38 · 04229 Leipzig-Plagwitz

03.03.2019 – 23.06.2019, Öffnungszeiten: Mo — Fr 10.00 — 17.00 Uhr, So 11.00 — 17.00 Uhr

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