Bruder Fidelio, Schwester Psyche und ewiger Eros – Opernpremieren in Wroclaw und Warschau


(nmz) -
Wroclaw legt Beethovens Freiheitsoper in Blei, Warschau entdeckt „Eros und Psyche“ von Ludomir Rózycki. Just während US-Panzer aus Bayern durch Polen gerollt sind, um die „Ost-Flanke“ der Nato zu stärken, wurde an der Oper Wroclaw Beethovens Freiheitsoper „Fidelio“ geprobt. Wer da nun einen schlesischen Aufschrei gegen die, vorsichtig formuliert: bizarre Nationalpolitik der Zentralregierung aus Warschau erwartet, sieht sich getäuscht. Dieser „Fidelio“ bleibt weitgehend unverständlich, was nun wirklich nicht nur an der Sängerbesetzung und deren Umgang mit deutschsprachiger Oper liegt.
04.11.2017 - Von Michael Ernst

Unter der musikalischen Leitung des vorige Spielzeit an die Oder gekommenen Intendanten Marcin Nalecz-Niesiolowski spielt das Orchester des Hauses frisch auf, blüht mit einem farbreichen Klangspektrum, ist aber stellenweise viel zu laut und legt sich über die Stimmen. Die definieren das Wort vom Originalklang auf zumeist ganz eigene Weise, denn Beethoven klingt hier durchaus originell. Nicht mal die Dialoge bleiben verständlich.

Originell ist auch das Herangehen des slowenischen Regisseurs Rocc, der sich dafür auch seine Bühne designte. Mit Zitaten an die „Unsterbliche Geliebte“ sucht er nach einer neuen Ebene für diese Oper, lässt sie mit Projektionen von Piotr Maruszak in eigenem Lichte erscheinen. Da kreist Beethovens Kopf, dem alles entsprang – doch ob er sich je eine derartige Karikatur seines „Fidelio“ hat vorstellen können?

Zwar lastet über allem ein dunkles Quadrat, das alsbald aus dem Lot gerät und bleierne Schwere suggerieren könnte, doch stehen dazu Szenen an der Rampe sowie kaum zu kittende Brüche (just in der todesdunklen Zisterne wird in güldenen Mänteln agiert) in herbem Kontrast. Dass Roccos Tochter Marzelline sterben muss, ist nur eine weitere Eigenmächtigkeit der in sich unschlüssigen Regie. Am ehesten textverständlich zeigt sich der Gefangenenchor – in schwarzen Tutus!

Dieser „Fidelio“ endet als Projektion (unfreiwillig ist man dem Komponisten und seinen Librettisten darin treu geblieben), allerdings als Videoprojektion. Der wolkenumkränzte Kopf des ertaubten Künstlers gebiert weiße Tauben, unzählbar viele Tauben. Dass Pablo Picasso 1948 sein weltberühmt gewordenes Symbol der Friedenstaube nur wenige Schritte neben dem von Carl Ferdinand Langhans errichteten Opernhaus entworfen hat, zum Kongress der Intellektuellen im Hotel Metropol, ist schon wieder eine andere Geschichte. Wie das Militär an der russischen Grenze.

Großes Kino für eine vergessene Oper

Von all dem bekommt man in Polens Hauptstadt Warschau kaum etwas mit. So friedlich wie geschäftig wirkt sie in der Oktobersonne, dass nur einmal mehr die Aufbauleistung der 1944 von den Deutschen komplett zerstörten Altstadt gewürdigt werden muss. Der Nationaloper im Teatr Wielki gelang jetzt ein künstlerischer Brückenschlag ins damalige Breslau, wo vor genau 100 Jahren die Oper „Eros und Psyche“ von Ludomir Rózycki uraufgeführt worden ist. Bis heute ist dieses im Zeichen des späten Impressionismus stehende Opus, das sich freilich von Wagnerschen Leitmotiv-Qualitäten bis in die Avantgarde des 20. Jahrhunderts aufschwingt, eine Rarität in den Spielplänen geblieben. Grzegorz Nowak, neuer Musikdirektor des Hauses, hat das mit Walzerseligkeit und Marsellaise-Zitat gespickte Werk der Vergessenheit entrissen. Mehr noch, Rózycki darf posthum auf die verdiente Wertschätzung hoffen.

Regisseurin Barbara Wysocka hat die fünf höchst unterschiedlichen Szenen von „Eros und Psyche“ in eine Filmwelt der Fellini-Ära gesetzt, die in der Ausstattung von Barbara Hanicka so eindrucksvolle wie verschiedenartige Bilder offeriert. Psyche, die dem Gott Eros mit „jungfräulicher Sehnsucht“ ins Antlitz geblickt hat, zieht zur Strafe durch Zeiten und Welten, sucht ihre Freiheit im sonnigen Arkadien, im spanisch strengen Klosterleben, sieht sie in der Französischen Revolution blutig verraten und wird auch in einer gegenwärtigen Feierlaune nicht glücklich. Dass sie in diesen fünf Akten von einem Kamerateam verfolgt wird, erweist sich durchaus als schlüssig, um dem Schwulst der Vorlage zu entgehen. Das Resultat ist mitunter ganz großes Kino. Wenn Eros zum Schluss als Thanatos in einem roten Sportwagen vorfährt, erinnert diese Adaption eines ewigen Stoffes dennoch ein wenig an den Deutungsversuch der deutschsprachigen Uraufführung in der Neuen Musik-Zeitung von 1917: „Der Sinn der schon im zweiten nachchristlichen Jahrhundert von Apulejus in ein Märchen hineingearbeiteten Sage ist klar: Man soll das Geheimnis des Göttlichen nicht in lüsterner Neugier zu enträtseln trachten, man soll an Gotteswunder glauben, ohne sie zu prüfen.“

Alles andere als ein solches Wunder ist die großartige Joanna Freszel als brillant um ihre Erfüllung ringende Psyche. Das macht die junge Sängerin mit wandelbarer Spielfreude und einem sicher geführten, schlanken Sopran. Als Eros und in weiteren Partien hält der Tenor Tadeusz Szlenkier klanggewaltig dagegen, mit Mikolaj Zalasinski – hier als „Filmidol“ Blaks – ist ein weiterer Protagonist des durchweg leistungsstarken Ensembles präsent. Sternstunden vermittelt der Chor, der sich in den Sets tümmeln und auch mal drastisch überspielen darf, dennoch in jeder Phase der variablen Musikalität der Oper bestens gewachsen ist.

„Eros und Psyche“ ist ein Wagnis, keine Frage. Doch es bleibt zu wünschen, dass sich dieser Oper nach Warschau auch weitere Spielstätten öffnen mögen. Eingedenk der griechischen Mythologie als gültig gebliebener Vorlage wäre dies gewiss mehr im gesamteuropäischen Sinn als die Botschaft der Kriegsgötter Ares und Mars.