Da swingt der Drache – Giovanni Martinis „Don Quijote bei den Amazonen“ beim Festival Sommeroper Schloss Britz


(nmz) -
Eine Besonderheit in der Berliner Opern-Landschaft stellt die Sommeroper Britz dar, die im malerischen Ambiente des Schloss- und Gutshofgeländes ihren Hauptwirkungsort zumeist im ehemaligen Kuhstall hat und als Festival für die Bereicherung des Kulturangebots der Hauptstadt sorgt. Inhaltlich sind die hier zur Aufführung gelangenden Werke häufig Entdeckungen, gerne mit Bezug zu Mozart oder aus dessen Zeitepoche. So auch, nach einem Pause-Jahr, in diesem Sommer „Don Quijote bei den Amazonen“.
01.08.2021 - Von Peter P. Pachl

Diesmal hat der rührige Dirigent Stefan R. Kelber eine Oper von Mozarts Lehrer Giovanni Battista Martini (1706 – 1784) aufgetan. „Il Don Chisciotte“, ein tragikomisches Intermezzo, das im Jahre 1746 in Bologna seine Uraufführung erlebt hatte.

In einem liebedienernden Schreiben aus dem April 1776 bezeichnet Wolfgang Amadeus Mozart den Padre Martini in Bologna als „Person, die in der Welt ich am meisten liebe, verehrte und achte, und erkläre mich ihrer hochwürdigen Väterlichkeit gegenüber unverbrüchlich zum bescheidensten und ergebensten Diener…“ Das sagt allerdings nichts über Martinis Musik aus, doch deren Hören erweitert akustisch das Spektrum um Wolfgang Amadeus Mozart und zeigt wieder einmal, wie hoch Letzterer den qualitativen Standard seiner Zeit überragte.

Martini, bei dem Mozart 1770 in Bologna Unterricht genommen hatte, verwendete zur Komposition ein Libretto von Apostolo Zeno, welches auch von anderen Komponisten vertont wurde. Es setzt zwei Kunstfiguren, eine aus dem Mythos und die Titelfigur aus Cervantes‘ Heldenroman zueinander in Bezug: Don Quijote mitsamt Diener Sancho Pansa und einer Amazone, die Nerina genannt wird. In der deutschen Fassung heißt die Oper „Don Quijote bei den Amazonen“, und wieder hat das textliche Bearbeiter-Gespann Bettina Bartz und Jürgen Hinz das Libretto in eine heutige Sprache transformiert. Die Amazone fordert Don Quijote zum Zweikampf heraus, doch der ist hier letztlich genauso ängstlich wie sein Diener. Und doch machen sich beide mit Nerina auf in einen finsteren Wald um dort einen Drachen zu bekämpfen und einen Schatz zu finden.

Gespielt wird diesmal nicht im Kultur-Kuhstall, sondern auf einer überdachten Freilichtbühne daneben, auf jenem Gelände, wo viele Räumlichkeiten für die Aktivitäten der Musikschule Neukölln, weitere für Festivitäten und als Restaurant genutzt werden.

Regisseurin Ludivine Petit hat die Oper mit Bezug zur klassischen Rahmenhandlung des Don Alonso de Cigana kurzweilig in Szene gesetzt, mit dem zum Goldhelm umfunktionierten Barbierbecken des fahrenden Ritters, welches von der Amazone auch als Kochtopf benutzt wird und einer von Qujote geklauten Verkehrsschild-Stange als Lanze – sowie mit einem von Sponsor Amazon überbrachten Bücherpäckchen von Amazon.

Die Ausstatter Francesca Ercoli und Lena Tiffert erzählen die Geschichte vor dem breiten Fotopanorama einer Straße durch die Sierra Nevada, wobei diese Straße als Teppich, bis zum Portal ausgerollt, fortgeführt wird. Am Straßenrand steht eine Pommesbude „Alcinas Imbiss“, deren Rückseite zuvor die Bibliothek des erkrankt in seinem Bett liegenden und vom Arzt aufgesuchten Haupthandlungsträgers gebildet hatte. Mit gereimten Versen führt dieser in der Eingangsszene in die Haupthandlung ein, wobei auch zu erfahren ist, dass die Zauberin Alcina Männer in Schweine verwandelt.

Kompetent prüft und erkennt Don Qujote, dass es sich bei der Dame mit der fehlenden Brust nur um eine Amazone handeln kann – denn diese schneiden sich grundsätzlich ihre rechte Brust ab, um besser Bogenschießen zu können.

Mit einer Würstchenzange als Waffe hantiert die Amazonin Nerina, doch der Zweikampf findet als Kartenspiel am Bistro-Tisch statt, während das Double Don Quijotes im Bett, welches für die Haupthandlung vor die Bühne gehievt wurde, die Handlung nun weiterfiebert. Nerina umwickelt Don Quijote und Sancho mit einem Stromkabel, ihre Arie singt sie als Psychoanalytikerin um Sancho zu analysieren. Vor dem Drachenkampf gibt es ein Schnäpschen, dann tritt ein Indigener mit Federbusch auf und tanzt mit den Protagonisten.

Stefan Kelber leitet als Dirigent das in einer Reihe hintereinander an der rechten Bühnenseite positionierte Streichquintett von Dozent*innen der Musikschule Neukölln, zum Bühnengeschehen durch einen die potenziellen Aureolen der Singenden abweisenden Vorhang getrennt.

Als Nerina den Männern erklärt, dass der Drache von Alcina in eine Tänzerin verwandelt wurde, ist diese Verwandlung für den musikalischen Bearbeiter der Grund, die Musik ebenfalls zu verwandeln und swingen zu lassen; dabei zeigt sich der Dirigent und Pädagoge Kelber in seinem Element.

Dann fällt auch noch der Fotoprospekt zu Boden um den Blick auf ein hölzernes, goldenes Pferd freizugeben, auf eine zweite Amazone und den auf dem Pferderücken schlafenden Don Qiujote.

Irgendwie hängt dieses Bild zusammen mit der Schatzsuche. Und als deren Ergebnis werden die gefundenen Mozart-Notenblätter des „Bandel-Terzetts“ gedeutet: das KV 441, selbstredend völlig neu getextet, bildet dann in orchestrierter Form ein weiteres Finale des Opernabends. Dabei wird Nerina zu Pamina, Sancho zu Papageno und Quijote mit silberner Flöte zu Tamino. Doch diese Flöte wird nicht angespielt, während sich zuvor der Sängerdarsteller des Sancho Pansa mit umgehängtem Violoncello trefflich selbst begleitet hatte: es ist der namhafte deutsch-britische Bariton Simon Wallfisch, der sein Studium am Royal College of Music mit Konzert-Examina als Cellist und Sänger abgeschlossen hat. In der Tenorpartie ist der in den vergangenen Jahren bei der Sommeroper bereits mehrfach reüssierende Julian Rohde zu erleben, nunmehr stimmlich merklich gewachsen. Diverse weitere Partien verkörpert der Schauspieler Björn Wunsch, und für die Sommeroper nicht wegzudenken ist Andrea Chudak, die seit 2008 die Hauptrollen der hier dargebotenen Werke verkörpert und die auch der Amazone Nerina ein quirliges Spiel und entsprechende Stimmfärbungen zuzuordnen versteht.

Nach 59 Minuten ist das Intermezzo beendet; doch die dankbar applaudierenden Zuschauer*innen haben außen dabei mehr an Action und Querverweisen zwischen Dichtung und Musik erlebt als an manchem anderen, viel länger dauernden Opernabend.

  • Weitere Vorstellungen: 1., 6., 7. und 8. August 2021.

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