„Dann verwandle ich mich in einen Klarinettisten“: Richard Galliano im Interview


(nmz) -
Er hat das Akkordeon zum modernen Jazzinstrument gemacht und mit der „New Musette“ seinen eigenen Stil etabliert: Der französische Akkordeonist Richard Galliano (geb. 1950), der am 18. Juli mit Gonzalo Rubalcaba (Klavier), Richard Bona (Bass) und Clarence Penn (Drums) bei „Jazz an der Donau“ in Straubing auftritt. Im Interview erzählt er, wie ihn sein Freund Astor Piazzolla beeinflusst hat, was den Reiz des Akkordeons als Jazzinstrument ausmacht und warum er demnächst ein Album mit Musik von J. S. Bach aufnimmt.
16.07.2009 - Von Claus Lochbihler

nmz Online: Ist das Akkordeon, das Sie auf Ihren Konzerten spielen, immer noch das, für das Ihre Großmutter ein Grundstück in Italien verkauft hat?

Richard Galliano: Ja. Ich spiele es seit 1963 – eine Victoria aus Italien. Ein wunderbares Instrument. Die Stimmzungen im Inneren, die beim Spielen in Schwingung geraten, sind immer noch original. Das ist das Wichtigste, weil diese Metallplättchen am stärksten den Klang bestimmen. Sie sind so etwas wie die Seele des Instruments.

nmz Online: Sie spielen seit 40 Jahren also das gleiche Instrument?

Galliano: Ja, aber nicht aus Nostalgie, sondern weil es von all meinen Instrumenten einfach das Beste ist. Es hat einen ganz besonderen Klang. Und eine unheimliche Power.

nmz Online: Ist ein altes Akkordeon grundsätzlich besser als ein neues?

Galliano: Natürlich gibt es auch gute neue Instrumente. Aber die aus den 50-er und 60-er Jahren sind von ganz besonderer Qualität - ob Gitarren, Saxofone oder Akkordeons. Erfreulicherweise haben viele Hersteller mittlerweile erkannt, dass man dieses Niveau erst einmal erreichen muss, bevor man sich über irgendwelche Neuerungen Gedanken machen sollte.

nmz Online: Seit diesem Jahr gibt es ein nach Ihnen benanntes und von Ihnen signiertes Jazz-Akkordeon. Hat Ihr altes Instrument damit ausgedient?

Galliano: Nein, dafür ist es einfach zu gut. Bei dem neuen Modell handelt es sich um einen Nachbau meiner Victoria. Es ist nur zwei Kilogramm leichter und hat einen kleineren Tonumfang. Ob ich es auch auf meinen Tourneen spielen werde, ist noch nicht ausgemacht. Nur, wenn es tatsächlich so gut klingt wie mein altes. Aber die Resonanz ist gut: Auf der Musikmesse wurden alle ausgestellten Instrumente geklaut, auch das nach mir benannte Modell. Das darf man wohl als Kompliment werten.

nmz Online: Ihr Vater ist ebenfalls Akkordeonist. Sind Sie durch ihn Musiker geworden?

Galliano: Mein Vater ist ein sehr diskreter, beinahe schüchterner Mensch. Niemand, der jemandem irgendetwas aufdrücken würde – schon gar nicht seinem Sohn. Natürlich stand fest, dass ich ihn eines Tages beim Akkordeonspiel beobachten würde. Insofern war er mein erstes Vorbild. Aber er hat mich nie dazu angehalten, Akkordeonist oder Musiker zu werden. Diesen Wunsch habe ich ganz allein entwickelt. Schon als kleiner Junge habe ich versucht, mir ein Akkordeon aus Papier zu bauen. Gott sei Dank bekam ich bald darauf mein erstes richtiges Instrument.

nmz Online: Wer hat Sie noch beeinflusst?

Galliano: Ein Akkordeonist aus Nizza, der mich mit dem Repertoire der italienischen Orgel-Schule vertraut gemacht hat. Wichtig war auch die Zeit am Konservatorium von Nizza. Der Direktor dort hieß Pierre Cochereau - ein fantastischer Lehrer und Organist, der großartig improvisieren konnte. Im Rückblick waren die guten Lehrer immer diejenigen, die einen dazu gebracht haben, über das Repertoire des eigenen Instruments hinauszuhören. Ein Akkordeonist sollte sich zum Beispiel mit Orgelmusik befassen.

nmz Online: Weil Akkordeon und Orgel sehr viel mehr gemeinsam haben als man allgemein annimmt?

Galliano: Das Akkordeon ist letztlich nichts anderes als eine Orgel – eine Orgel, die man mit sich herumtragen kann. Der Tonumfang ist natürlich geringer. Dafür hat das Akkordeon einen entscheidenden Vorteil: Der Akkordeonist selbst erzeugt den Luftstrom, der das Akkordeon zum Klingen bringt. Ein Akkordeon lässt sich deshalb noch nuancierter und expressiver spielen als eine Orgel.

nmz Online: Kommt daher auch Ihre Begeisterung für Johann Sebastian Bach?

Galliano: Für mich ist Bach der größte Akkordeon-Komponist. Das mag paradox klingen, weil es das Akkordeon zu seinen Lebzeiten noch nicht gab. Jeder, der dieses Instrument spielt, sollte sich mit der Musik von Bach auseinander setzen. Übrigens nicht nur mit dem Orgelwerk. Auch die „Kunst der Fuge“ kann auf dem Akkordeon fantastisch klingen. Wenn ich allein übe, ist immer etwas von Bach dabei. Das bringt etwas für die Technik und ist dabei unglaublich musikalisch. Vielen meiner Freunde geht es genauso, auch wenn sie stilistisch eigentlich etwas ganz anderes machen: Mein Bassist Philippe Aerts, der überwiegend im Jazz zu Hause ist, spielt Bach auf dem Kontrabass. Was Bach geschaffen hat, ist wahrhaft universelle Musik.

nmz Online: Im Herbst wollen Sie eine CD mit Bach-Bearbeitungen aufnehmen.

Galliano: Ich werde mit dem Violinisten Jean-Marc Phillips-Varjabédian und seinem Streichquintett ins Studio gehen. Wahrscheinlich werden wir eines der Klavierkonzerte aufnehmen. Außerdem das Doppelkonzert für Violine, Oboe und Orchester. Darauf bin ich besonders gespannt, weil ich natürlich den Part der Oboe übernehme, also ganz anders spiele als bei einem Orgel- oder Klavierwerk.

nmz Online: Auch bei Ihren Konzerten schlüpfen Sie in sehr unterschiedliche Rollen: Mal lassen Sie das Akkordeon wie eine Klarinette klingen, dann wie eine Mundharmonika, dann mächtig wie eine Kirchenorgel oder brodelnd wie eine Hammond.

Galliano: In diesem Instrument stecken sehr viele Rollen und Möglichkeiten, die man nutzen sollte – stilistisch wie musikalisch. Das Akkordeon kann so mächtig wie ein kleines Orchester klingen und im nächsten Moment zart wie ein Blasinstrument. Wenn ich mit einem Pianisten wie Gonzalo Rubalcaba auftrete, überlasse ich oft ihm die Akkordarbeit – dann verwandle ich mich in einen Klarinettisten, Flötisten oder Saxofonisten und konzentriere mich ganz auf die Phrasierung und die motivische Fortentwicklung meiner Soli. Viele junge Kollegen sind nur darauf fixiert, wie ein Pianist zu klingen. Damit werden sie dem Akkordeon und seiner Vielseitigkeit nicht gerecht. Dann hätten sie gleich Pianist werden können.

nmz Online: Wie kam der Jazz in Ihr Leben?

Galliano: Anfangs vor allem über Aufnahmen. Ich war zehn, als ich zum ersten Mal etwas von Art Van Damme, dem großen Jazz-Akkordeonisten, gehört habe. Für mich, den kleinen Jungen, war das eine Offenbarung, weil ich bis dahin ja nur Jazziges, aber keinen richtig improvisierten, amerikanisch geprägten Jazz kannte. Schon gar nicht Aufnahmen, bei denen das Akkordeon so swingt als ob es schon immer ein klassisches Jazzinstrument gewesen wäre. Mit Art Van Damme stehe ich seit ein paar Jahren in Kontakt. Er war es, der mir den Weg gewiesen hat. Ich bin froh, dass ich ihm das auch sagen konnte.

nmz Online: Als prägenden Jazz-Einfluss haben Sie immer wieder auch den Trompeter Clifford Brown genannt.

Galliano: Clifford Brown war für mich kein Einfluss, sondern ein Schock. Ein befreundeter Schlagzeuger hat mich damals auf seine Aufnahmen mit Max Roach aufmerksam gemacht. Diese Musik hat mich komplett umgehauen: Max Roach mit seinem Cymbal-Sound, aber am meisten natürlich das Trompetenspiel von Clifford Brown. Ich habe seine Soli Ton für Ton runtergehört und dann versucht, sie auf dem Akkordeon nachzuspielen. Am meisten hatte es mir „Jordu“ angetan. Später habe ich andere Aufnahmen nur noch ganz selten runtergehört und nachgespielt. Weil ich schon früh gemerkt habe, dass es viel wichtiger ist, seine eigene Sprache zu entwickeln. Art van Damme habe ich zum Beispiel nie kopiert oder nachgespielt.

nmz Online: Warum?

Galliano: Weil es zu viele junge Musiker gibt, die sich zu intensiv mit der Nachahmung ihrer Vorbilder beschäftigen. Gerade heute. Das gilt besonders für junge Gitarristen, die ihre ganze Karriere darauf verwenden, dem großen Django Reinhardt nachzueifern. Oft geht es nur darum, noch schneller zu spielen als der Django-Imitator vor ihnen. Seinen Ton und seine Phrasierung treffen sie natürlich nicht. Aber das wäre ohnehin vermessen, weil jemand wie er einfach unerreichbar bleibt. Von allen Gitarristen, die einmal als Django Reinhardt-Kopien begonnen haben, hat es nur mein Freund Biréli Lagrène geschafft, aus dem Schatten des großen Vorbilds zu treten und ein ganz großer, eigenständiger Stilist auf der Gitarre zu werden. Er ist die große Ausnahme. Alle anderen sind blasse, gelegentlich auch mal beeindruckende Kopien. Aber was nützt es, eine gute Kopie zu sein? Interessant ist immer nur das Original.

nmz Online: Was hat Ihnen dabei geholfen, Ihren eigenen Stil zu finden?

Galliano: Meine Freundschaft mit Astor Piazzolla. In seiner Gegenwart wurde einem sofort klar, dass man es mit einem Unverwechselbaren zu tun hatte. Den Ernst und die Disziplin, mit der Piazzolla Musik schuf, habe ich seitdem nur noch bei Kollegen aus der Klassik erlebt. Piazzolla war es, der eines Tages zu mir gesagt hat: ‚Pass auf, dass du dich nicht zu sehr dem amerikanischen Jazz annäherst!’ Ich steckte damals tatsächlich bis über beide Ohren im Jazz. Piazzolla wusste, dass sich ein Musiker immer auch mit den Musiktraditionen des eigenen Landes beschäftigen sollte. Er hat das ja vorgelebt. Dank ihm fing ich an, all das zu wiederzuentdecken, was meiner Musik bei allen Jazzeinflüssen eine sehr französische Note verleiht. Die alten Filme mit Jean Gabin, die Musik zu diesen Filmen, das alte Montmartre und seine Chansons, die Musette-Walzer, die Poesie des alten Paris.

nmz Online: Piazzolla war es auch, der Sie auf die Idee der „Nouvelle Musette“ brachte?

Galliano: Ja. Irgendwie lag das ja auch nahe. Piazzolla hatte den Tango sehr künstlerisch zum „Tango Nuevo“ fortentwickelt. Er spielte ein dem Akkordeon sehr ähnliches Instrument, das Bandoneon. Er fand, dass ich versuchen sollte, mit der Musette und dem Akkordeon einen ähnlichen Weg zu gehen. Ich erinnere mich genau an den Tag, an dem er zum ersten Mal davon gesprochen hat. Ich hatte ihn vom Flughafen abgeholt, als er im Auto plötzlich zu mir sagte: ‚Richard, du musst unbedingt die Nouvelle Musette erfinden!’

nmz Online: Was Sie dann ja auch gemacht haben.

Galliano: Natürlich nicht allein. Ohne die Musiker, die sich mit mir darauf eingelassen haben, den Musette-Walzer aus einer modernen Jazzperspektive zu interpretieren, wäre das nicht gegangen: Pierre Michelot, der schon Bass für Django Reinhardt gespielt hatte, und Philippe Catherine und Biréli Lagrène an den Gitarren. Und nicht zu vergessen die Schlagzeuger, Aldo Romano und Daniel Humair. Sie haben die etwas starre Rhythmik der traditionellen Musette in etwas sehr Flüssiges und Dynamisches verwandelt.

nmz Online: Eine Zeitlang konnten Sie selbst nichts mit der Musette und ihrer Akkordeontradition anfangen.

Galliano: Ich mochte nur nicht die vielen schlechten Aufnahmen. Marcel Azzolla hatte das Akkordeon und den Musette-Walzer in Frankreich sehr populär gemacht. Nach ihm gab es eine wahre Akkordeon-Flut. Vieles davon war schlechte Musik, so dass man die frühen Meister unter den französischen Akkordeonisten leicht überhören konnte.

nmz Online: An welche Aufnahmen denken Sie da?

Galliano: An Jo Privat natürlich. Oder an Gus Viseur, der von Django Reinhardt begleitet wurde, als dieser noch Banjo spielte. Viseur ist für mich einer der ganz großen Akkordeonisten. Ein ganz individueller Stilist, bei dem jeder Versuch, ihn zu kopieren, von vornherein scheitern muss. Wenn ich ihn höre, muss ich immer an eine Katze denken: Weil Viseur so gewagt soliert, dass man sich immer wieder denkt: Das wird jetzt aber schief gehen. Aber Gus Viseur landet immer auf seinen Füßen. Wie eine Katze oder ein Akrobat im Zirkus. Ich liebe seinen Walzer „Flambée Montalbanaise“ aus den dreißiger Jahren.

nmz Online: Sie mischen Musette mit Jazz, beim „Tangaria Quintett“ kommen auch Einflüsse aus Südamerika – Tango und brasilianische Musik - hinzu. Bei Ihnen klingt das immer so bruchlos natürlich, als ob es diese Stilmischungen schon lange Zeit gegeben habe. Gibt es ein Rezept dafür?

Galliano: Ich habe jedenfalls keines. Bei mir ergeben sich diese stilistische Mischungen über die Begegnung mit Kollegen, die als Musiker eine eigene Persönlichkeit entwickelt haben. Im „Tangaria Quintett“ spiele ich mit zwei Venezolanern, einem Belgier und einem Brasilianer. Jeder von uns bringt seine musikalischen Erfahrungen ein, die sich zum Teil überlappen. Dann gibt es wieder Bereiche, in denen wir uns unterscheiden: Über die Eigenarten unserer Instrumente etwa, vor allem aber über die Folklore-Traditionen unserer Heimatländer. Wenn ich einen Musette- oder Jazzwalzer komponiere, habe ich natürlich eine bestimmte Vorstellung. Aber mir ist von vornherein klar, dass meine Mitmusiker diesen Walzer in etwas anderes verwandeln werden, weil bei Ihnen der Walzer eben ein klein wenig anders gespielt oder phrasiert wird als bei uns in Frankreich. Auf diese Weise entsteht etwas Neues, was einer allein nie hinbekommen hätte. So etwas lässt sich meines Erachtens auch nicht planen. Und wenn doch, dann klingt es so zusammengesetzt und kalkuliert wie das „Gotan Project“, bei dem der Tango elektronisch aufgemischt wird, weil man ihn einem jüngeren Publikum vorsetzen möchte. So klingt das jedenfalls für mich.

nmz Online: Gibt es einen Traummusiker, mit dem Sie unbedingt einmal arbeiten möchten?

Galliano: Ich hoffe, dass klingt jetzt nicht arrogant, aber eigentlich bin ich sehr glücklich mit all den Musikern, mit denen ich spiele oder schon gespielt habe. Damit meine ich nicht nur die großen Namen wie den Vibraphonisten Gary Burton oder Gonzalo Rubalcaba. Gute Musik braucht Zeit, manchmal auch Freundschaft. Deswegen halte ich auch nichts von diesen Star-Begegnungen, die sich Plattenfirmen gern ausdenken. Mit wem ich zusammen spiele, überlasse ich lieber den Zufällen des Lebens.

nmz Online: Das Akkordeon war immer schon ein Instrument der Auswanderer. Folgt Ihr musikalischer Werdegang den Spuren des Akkordeons?

Galliano: In der Tat gibt es überall auf der Welt Menschen, die Akkordeon spielen oder ein damit verwandtes Instrument. Und überall klingt es anders: In Louisiana haben sie den Zydeco, in Osteuropa die Sinti- und Roma-Akkordeonisten. Vor einiger Zeit war ich in Georgien. Dort gibt es ganz tolle Tänze, die von einem Akkordeonisten und einem Perkussionisten begleitet werden. Es gibt noch so viel zu entdecken. Erst kürzlich habe ich bei einer Fernsehproduktion einen chinesischen Musiker kennen gelernt. Ein Virtuose der Sheng, der chinesischen Mundorgel, einem Jahrtausende alten Instrument, das zu den Vorläufern der Harmonikainstrumente zählt. Wir haben stundenlang miteinander gespielt, ich auf der Accordina, er auf der Sheng. Das hat wunderbar geklappt, obwohl wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Mal schauen – vielleicht wird das eines meiner nächsten Projekte.

Interview: Claus Lochbihler

Konzerttermine:

Richard Galliano Quartet feat. Gonzalo Rubalcaba, Richard Bona & Clarence Penn: Am 17.7. bei Jazz an der Donau in Straubing

Richard Galliano & Tangaria Quartett: Am 31.10.09 beim Jazz Transfer Saarbrücken

Richard Galliano & Tangaria Quartett: Am 2.12.2009 in Wien (Konzerthaus)

Richard Galliano & Tangaria Quartett: Am 19.2.2010 in der Stadthalle Kreuztal

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