Das Irreale der Realität – Uraufführung von Arnulf Herrmanns Psycho-Oper „Der Mieter“ in der Oper Frankfurt


(nmz) -
Wohnungsnot, Anpassungsdruck, soziale Kontrolle, Einengung, Mobbing, Nachbarschaftsterror bis zur Entmietung – das sind bundesrepublikanische Realitäten für Normalverdiener und Alleinstehende. Diese Nöte und Klagen musikdramatisch unbequem groß zu gestalten, sie gar in die Nachbarschaft von Unterdrückten und Gequälten wie in Bergs „Wozzeck“ oder Zimmermanns „Soldaten“ zu rücken… doch das Autorenduo führte Roland Topors Roman “Le Locataire chimérique“ als Ausgangspunkt an und von Ferne grüßte auch Roman Polanskis Film „Der Mieter“.
13.11.2017 - Von Wolf-Dieter Peter

Doch zunächst Reizvolles und Faszinierendes. Beim Betreten des Zuschauerraums schien jenseits des Orchestergrabens die kleine Wohnung zu liegen, in die der junge Neumieter Georg einzieht: eine Video-Projektion auf einen durchsichtigen Zwischenvorhang. Als ihm die Mitbewohner Bach und Zenk als zunächst unsichtbare Stimmen, dann als Figuren im Video erzählen, dass sich die junge Vormieterin zu Tode gestürzt hat, wird auch das Fenster als Projektion auf einem hinteren Vorhang sichtbar – und als Georg in den schmutzigen Spiegel über dem Waschtisch blickt, scheint sein Bild mit dem eines Frauenkopfes zu changieren. Als dann Georg als reale Bühnenfigur ins benachbarte Café geht, umlagern seinen Weg bereits neugierige Mitbewohner an irreal im Bühnenrund stehenden Treppenhausgittern. Der Kellner serviert auf irre kreisenden Tabletts nicht, was Georg wünscht, sondern was seine Vormieterin konsumiert hat. Georgs Zimmer wird dann für alle drei Akte ein weißleuchtendes Viereck, das über dem oft kreisenden Bühnenboden steht, mal von einer „lauten“ Horde aus oberflächlichen Freunden, mal von drohend „Stille“ fordernden Mitbewohnern, mal von der hinter dem Spiegel, dann hinter dem Fenster, dann von im dunklen Bühnenraum auftretenden Vormieterin Johanna umgeistert.

Dem Team Johannes Erath, Bühnenbildner Kaspar Glarner und vor allem der Video-Künstlerin Bibi Abel ist da ein faszinierendes Vexierspiel von Realem und Surrealem geglückt. Das gipfelt im 3. Akt in der scheinbaren Aufhebung der Schwerkraft: der Zimmerboden schwenkt in die Senkrechte und geradezu luftakrobatisch – im sichernden Seilgeschirr hängend – geht, sitzt und fällt Georg auf dieser Senkrechten, während ihn Johanna auf dem Bühnenboden liegend erwartet. Wiederum in einem genau zur Musik getimten Video betritt Georg dann seinen Balkon und springt schließlich als Schatten auf den Balkonmauern in die Tiefe.

Ein Psychodrama

Also kein sozialkritisches Werk, sondern die kafkaeske Außen- und zunehmend Innenwelt eines sensiblen jungen Mannes, der dann parallel zur Realität sein Ich und sein Geschlecht im Kleid Johannas verliert – ein Psychodrama. Dazu hat der mit vielen zeitgenössischen Komponisten arbeitende Librettist Händl Klaus zunächst realistische, dann versucht poetische und schließlich reichlich gekünstelte Textzeilen geschrieben: Satzfetzen, Wortbruchstücke, vertauschte Silben, Einzelbuchstaben – verkünstelt, nicht in Bann schlagend.

Das gelingt Komponist Arnulf Herrmann (*1968) über weite Teile besser. Nach einem eröffnenden spätromantischen Fortissimo-Tutti aus dem Graben öffnet er mit Surround-Soundeffekten wie fallenden Tropfen, brechendem Glas oder beängstigenden Geräuschen aus Lautsprechern den Klangraum in die Totale. Mal sind die Stimmen gut sanglich, mal extrem sprunghaft – das helle „i“ von „hin-“ auf einem tiefen, das runde „aus“ auf einem hohen Ton – geführt, kaum je vom auch mal klassisch harmonischen, dann weitgehend dissonant bis mikrotonalen Orchester- oder Chor-Klang zugedeckt. Die schwierige Vielfalt zwischen allen real Musizierenden und elektronischem Zuspiel hielt Dirigent Kazushi Ono staunenswert zusammen.

Perfekt rollendeckendes Ensemble

Da der Frankfurter Hauschor mit „Trovatore“ und „Peter Grimes“ vollkommen ausgelastet war, übernahm in mehrmonatiger Einstudierungszeit der Philharmonia Chor Wien unter Walter Zeh die hochkomplexen Phrasen der Mitbewohner-Meute, die fast ein Pogrom veranstaltet. Inmitten eines perfekt rollendeckenden Ensembles sang Anja Petersen auch die drei Lieder, die Arnulf Herrmann vorab als Konzertstücke komponiert und nun verteilt eingebaut hatte: als surreal entrückte Kontaktaufnahme zwischen Johanna und Georg. All das trug zwei pausenlose Akte lang als szenisch-musikalisches Zusammenspiel in Richtung Gesamtkunstwerk.

Im 3.Akt mit seinen dreimaligen Fortissimo-Ausbrüchen wirkte das tödliche Finale gewollt hinausgeschoben – da ist kürzende, komprimierende Überarbeitung zu wünschen. Doch auch diese Längen meisterte das junge Ensemblemitglied Björn Bürger mit mal jungmännlichem Kern, dann mit zunehmend bedrängt und ängstlich schlankem Bariton, dazu hochengagiert bis zur Luftnummer agierend. Uneingeschränkter Jubel dafür – der Wunsch, dass zwei heutige Kulturschaffende auch im Bereich Musiktheater mal knallhart sozialkritisch mitten ins Leben greifen würden, blieb beim Kreisen um psychisch Extremes stehen. Nicht eine komponierte „Tagesschau“ wäre zu wünschen, aber Immobilienspekulanten und Miethaie musikdramatisch zu entlarven, reale Not und menschliches Elend in einem der reichsten Länder der Erde Klang werden zu lassen – ein zu banal sozialromantischer Wunsch?

vorne Alfred Reiter (Herr Zenk; stehend) und Björn Bürger (Georg; liegend und in der Projektion) sowie im Hintergrund Philharmonia Chor Wien. Foto: Barbara Aumüller
Björn Bürger (Georg) und Philharmonia Chor Wien. Foto: Barbara Aumüller

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.