Das Schaf im Wolfspelz – Im Anhaltischen Theater Dessau gibt es Carl Maria von Webers „Freischütz“ als romantisches Märchen


(nmz) -
Carl Maria von Webers „Freischütz“ hat sein Päckchen zu tragen. Dass der Wurf von 1821 gar als deutsche Nationaloper apostrophiert wird und das Stück ist, in dem heute besonders gerne nach der deutschen Seele und vor allem nach den kollektiven Traumata im individuellen Schicksal gesucht wird – ist das eine. Dass er beim Publikum anhaltend beliebt ist, das andere. Trotz der viel mehr als die Musik von Weber deutlich vernehmbar gealterten, obendrein auch noch zum Teil gesprochenen Texte von Friedrich Kind. Aber welche Oper hat schon eine ganze Handvoll von wiedererkennbaren und (wenn man es könnte) sogar mitsingbaren Hits? Angeführt von Jungfernkranz, Jägerchor und Wolfsschlucht-Spektakel.
28.10.2018 - Von Joachim Lange

Max und Agathe sind Zwei, die als Heldenpärchen in ihrem menschlichen Format allemal nachvollziehbar bleiben und so gar nichts Heroisches haben. Das verbindet. Weil es bei ihm mit dem Gottvertrauen auf dem Weg ins Eheglück etwas hapert, lässt er sich mit dem Bösewicht Kaspar ein. Er will sicherheitshalber an die immer treffenden Freikugeln kommen, die ihm beim traditionellen Probeschuss das Ja-Wort der Braut und die dazugehörige Erbförsterei sichern. Eine Tradition mit doppeltem Boden. Agathes lebenspraktische Freundin Ännchen (durchweg frisch und klar: Cornelia Marschall) fühlt sich ertappt, als sie gedankenverloren mit ihrer Schürze einen Gewehrlauf poliert, den sie zwischen ihren Beinen hält, bevor Max mit der Waffe in die Wolfsschlucht aufbricht. Diese Art von erhellendem, sozusagen postfreudianischem Deutungsehrgeiz bleibt freilich in der Inszenierung von Saskia Kuhlmann eine seltene Ausnahme. So wie die Umdeutung von Samuel in eine Samuela (Constanze Wilhelm). Laszive Weiblichkeit mit Totenkopf-Diadem und silbernem Gerippe überm roten Samtkleid, der Kaspar ganz am Ende willig folgt. Eine heimliche Geliebte der besonderen Art? Das Teuflische schlechthin ein Weib? Und das nicht als Projektion, sondern tatsächlich? Hat sich da etwa jemand doch auf die Wolfsschlucht als Alptraumlandschaft eingelassen? Oder doch nur für einen raren Inszenierungsgag im dunklen Deutungswald ein klein wenig verirrt? 

Für die Wolfsschlucht öffnen sich die zwischen Holz- und Betonanmutung changierenden, stilisierten Seitenwände, mit denen Dietrich von Grebmer die Spielfläche bedrohlich begrenzt. Hier wird dem projizierten Wald im Hintergrund noch eine Gazeleinwand an der Rampe hinzugefügt. Für wallende Videonebel- und Jagdprojektionen (von Angela Zumpe). Was man halt so macht, wenn man nicht den ganzen Etat für eine Kulissenschlucht verbraten will, wie es einst der Nachwendepatriarch des Hauses Johannes Felsenstein – der Erinnerung nach – ziemlich eindrucksvoll gemacht hat. Wenn jetzt auf der Gazewand ein überlebensgroßes Schaf erscheint und langsam seinen Kopf bewegt, dann hofft man noch für einen Moment, dass es zum Wolf mutiert. Die Musik würde nicht dagegen sprechen. Aber Schaf bleibt Schaf und diese Wolfsschlucht eine Gegend, aus der selbst ein verirrtes echtes Schaf unbeschadet herausgefunden hätte. Wie in dieser zur Schafsschlucht mutierten Wolfsschlucht Kaspar und Max die teuflischen Kugeln produzieren, wird uns – recht einfallslos – optisch vorenthalten! Das ist regelrecht ärgerlich, denn Ulf Paulsen hätte es als Kaspar nun wirklich darauf, auch aus den Hokuspokus-Sprüchen etwas Eindrucksvolles zu machen. So wie er es mit seiner vokalen Autorität und charismatischen Erscheinung beim Singen ja allemal hinbekommt. Das komödiantische Talent dieses Allround-Sängers muss die Regisseurin irgendwie übersehen haben. Während sie Iordanka Derilova als Agathe bis dicht an die Parodie übertreiben lässt und es bei Max gar nicht erst versucht. Dass Ray M. Wade, jr. in dieser Rolle oft in der Mitte der Bühne, Auge in Auge mit Dirigent und Souffleuse, beim Singen wie ein Schüler beim Gedichtaufsagen vor der Klasse dasteht (gibts das eigentlich noch?), kann nicht an ihm liegen. Der ausgesprochen stattliche Mann hat in Dessau schon deutlich beweglicher und differenzierter spielen dürfen. Diesmal hat man den Eindruck, dass er seinen Max zwar mit sicherer Stimme und mit tadelloser Diktion, aber doch wie mit angezogener Handbremse singt. 

Auch mit Jägerchor und Jungfernkranz wird man nicht wirklich froh. Ordentlich gesungen, aber szenisch nicht allzu weit vom weichgespülten schmerzfreien Bauerntheater entfernt. Dass die Brautjungfern wie die aufgescheuchten Hühner vor den Flinten der Trachtengruppenjäger hin und her rennen, könnte man für Parodie halten. Ernst gemeint ist es eine Prüfung in der Disziplin: Aushalten beim Wiederbeleben von lange abgelegten Opernklischees.  

Kurzum: in Dessau kommt die Melange aus Liebe und Gruselromantik vom kritisch diskursiven Gedanken nahezu unbeschädigt, ziemlich direkt vom hübsch kolorierten Blatt im romantischen Opernmärchenbuch auf die Bühne. Dass Katja Schröpfer für die Kostümierung von Jägern und Bauern, Jungfern und übrigem Volk, von Förster, Fürst und Eremit sich in der nostalgischen Ecke des Kostümfundus (gedanklich) inspizieren lässt und im Wesentlichen auf die Entstehungszeit zielt, ist tatsächlich gefälliger anzusehen, als eine Dorfdisco in Secondhand-Klamotten. 

In Zeiten des ästhetischen Pluralismus auch in Sachen Freischütz ist das nicht nur legitim, sondern findet auch breite Zustimmung beim Publikum. Aber es muss eben auch gut gemacht werden. Man konnte gegen Johannes Felsenstein einiges einwenden, aber nie etwas gegen seine immer wirklich auf den musikalischen Punkt gebrachte perfekte Personenführung sagen. So etwas muss man sich diesmal dazu denken. 

Am Ende gehen alle unreflektiert und schwer beeindruckt von der Stimmgewalt Don Lees auf die Knie. Wie ein deus ex machina schafft der die Tradition des Probeschusses ab und führt das Probejahr ein. Wenn sich danach Max und Agathe Hand in Hand einen Schritt aus dem folkloristischen Finaltableau heraus in Richtung Graben gehen, dann ist es leider zu spät, um aus diesem „Freischütz“ ein tatsächliches Gesamtkunstwerk zu machen.

Musikalisch und stimmlich ist er nicht in Gefahr. Vor allem weil der GMD Markus L. Frank seine Anhaltische Philharmonie nach ein paar Einstiegswacklern ziemlich sicher und eindrucksvoll im Griff hat, die Chöre (Sebastian Kennerknecht hat den Opern- und Extrachor einstudiert) ihr bestes tun und das Hausensemble seine Sache bewährt gut macht. In den einhelligen Beifall für alle Beteiligten wurden auch David Amen (als spielfreudiger Kilian), Kostantin Argirov (als Bilderbuchfürst-Ottokar), Cezary Rotkiewicz (als Erbförsterkarritaktur) und Grazyna Fenger, Alexandra Joel, Sabine Jeschke und Jeanette Spexárd als Brautjungfern einbezogen.

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