Der allgegenwärtige Tod – Aribert Reimanns „L’ Invisible“ an der Deutschen Oper Berlin


(nmz) -
Die Dramen des belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck, angefangen von „Pelléas et Mélisande“ über „Ariane et Barbe-Bleu“ bis zu „Mona Vanna“, halten sich als Opern auf internationalen Bühnen kontinuierlicher als die originalen Dramen. Aus fünf frühen, ursprünglich fürs Marionettentheater bestimmten Stücken Maurice Maeterlincks hat Aribert Reimann drei ausgewählt um ein pausenloses, neunzigminütiges Musiktheater über den allgegenwärtigen Tod zu komponieren, und das in der Originalsprache des Dichters, einem flämisch akzentuierten Französisch.
09.10.2017 - Von Peter P. Pachl

Die bereits fünfte Reimann-Uraufführung an oder von der Deutschen Oper Berlin, respektive deren Vorgänger-Einrichtung, der Städtischen Oper, wurde – nicht nur als Heimspiel – zu einem vollen Erfolg für den Komponisten.

In den von Aribert Reimann gewählten drei kurzen Dramen, wie so oft bei Maeterlinck Familiengeschichten, geht es um den nahenden Tod. Die drei Spielvorlagen umrahmt und verzahnt Reimann durch gesungene Zwischenspiele dreier Countertenöre mit Textzeilen aus einem Maeterlinck-Gedicht. Ungewöhnlich ist Reimanns instrumentale Umsetzung seines „L’ Invisible“. Die erste Handlung „L’Intruse“ („Der Eindringling“) koppelt den ersten Schrei eines Säuglings mit dem Tod seiner Mutter. Reimann hat sie ausschließlich für Streicher komponiert, die ob der Breite ihres Klangspektrums verblüffen. In „Intérieur“, der zweiten Handlung, räsoniert ein alter Mann darüber, ob er die weihnachtliche Feierstimmung einer Familie durch die Mitteilung, dass deren Tochter im Fluss ertrunken ist, trüben darf; das hat Reimann orchestral ausschließlich für Holzbläser, inklusive Bassflöte, Heckelphon und Kontrabassklarinette, vertont. Erst in „La Mort de Tentagiles“, Maeterlincks typisch geheimnisvoll dräuendem Kunstmärchen über das Attentat an einem jungen Thronfolger, dem dritten und längsten Teil von Reimanns „Trilogie lyrique,“ erklingt das volle Orchester, inklusive Blechbläsern, Schlagwerk und zwei Harfen.

Der junge russische Regisseur Vasily Barkhatov hat die Handlungsfolge in einen Einheitsbühnenraum versetzt. Bühnenbildner Zinovy Margolin hat dafür eine fahrbare Häuserfront mit schaufensterartigem Einblick in den Wohnraum geschaffen. Den Pfiff erlangt diese Bühnendekoration durch Videoprojektionen von Robert Pflanz: Schattenbild-Sequenzen der handelnden Personen, beginnend mit einem Quasi-Zitat der Alten aus dem Vorspann von Lynchs „Mulholland Drive“, dann Rückblenden überlagern die handelnden Personen und bisweilen – besonders wirkungsvoll – mischen sie sich mit Live-Schattenrissen der Protagonisten.

Die dritte Handlung hat der Regisseur auf eine klinische Ebene verlagert: zwei Krankenschwestern und ein Arzt erleichtern einem jungen Knaben den bevorstehenden Tod, indem sie ihm ein Ritterstück vorgaukeln, in welchem der Patient selbst die Hauptrolle, den Prinzen Tentagiles, spielt und rezitiert. Das ist nun auf der Opernbühne wahrlich nicht neu (etwa auch in Peter Sellars’ erster „Pelléas“-Inszenierung), doch ist es gut gearbeitet und endet hier mit einer Rückblende, einem brennenden Pkw und dem schwerverletzt auf der Straße liegenden Knaben. Die Kostüme von Olga Shaishmelashvili rücken die Handlung in die späten Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Mit viel Personalaufwand sorgt die chorlose aber mit zahlreichen Doubles (28 Komparsen gegenüber zehn Solisten) angereicherte szenische Vermittlung auch für verblüffende surreale Momente, etwa wenn vor dem blinden Großvater eine Frauenleiche aus der Essenstafel aufschwebt.

Mit gemäßigten Dissonanzen, einer Klangchiffre als Todesakkord, Flageolettclustern und sehr dankbaren Gesangslinien erweist sich „L’ Invisible“ als eine handwerklich überzeugende Partitur, mit einer die zyklische Idee betonenden Wiederaufnahme des musikalischen Anfangs durch die drei Countertenöre. Allerdings vermisst man in Reimanns Spätwerk jenen Biss, den etwa dessen „Lear“ auszeichnet.

Das engagiert musizierende Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Donald Runnicles macht die Aufführung zum Fest und bereitet dem Komponisten ein klangvolles nachträgliches Wiegentagsgeschenk zum 80. Geburtstag.

Die Solisten verkörpern zumeist mehrere Rollen, herausragend in ihrem stimmlichen und darstellerischen Engagement sind Rachel Hamisch und Stephen Bronk, neben Annika Schlicht, Seth Carico, Thomas Blondelle, Ronnita Miller und dem Knaben Salvador Macedo. Vergleichsweise unprätentiös klingt das Counter-Terzett von Tim Severloh, Matthew Shaw und Martin Wölfel.

Das Premierenpublikum feierte die düstere Todes-Oper mit einhelligem Applaus für das Ensemble, für die Vorstände und insbesondere für den Komponisten.

  • Weitere Aufführungen: 18., 22., 25. und 31. Oktober 2017.

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