Dialektisch gewitzter Serienstart – Bei den Bayreuther Festspielen hat der neue Ring mit dem Rheingold vielversprechend begonnen


(nmz) -
Eine ungewöhnlich umfangreiche Premierenfolge auf dem Grünen Hügel mit einer Erholungswoche dazwischen – das passte auf jeden Fall zum Wetter und zu den besonderen Umbesetzungs- und Probenbedingungen dieser Bayreuther Festspiele. Nach der einhellig bejubelten Premiere der kurzfristig ins Programm genommenen „Tristan und Isolde“-Neuinszenierung von Roland Schwab und Einspringer Markus Poschner, nun also mit „Rheingold“ der Auftakt (oder wie Wagner es nannte: der Vorabend) des um zwei (Corona-)Jahre verspäteten neuen Rings von Valentin Schwarz.
01.08.2022 - Von Joachim Lange

Am Pult der eigentlich für „Tristan" angeheuerte Cornelius Meister, der den erkrankten Pietari Inkinen ersetzte. Und der das jetzt schon mal souverän hinbekam. Die Dosierung und das Zusammenspiel mit den Sängern funktionierte jedenfalls. Was man hörte, animierte zum genauen Hinsehen. Die Protagonisten konnten vor allem ihre Stärken ausspielen, manche Schwäche freilich auch nicht völlig ausblenden. Meister ist zwar ein Hügel-Debütant, aber in Sachen Ring gerade in Stuttgart mit seinem dortigen Orchester mittendrin. Er kann jetzt also bei Wagner daheim in Bayreuth mal das Ganze, fast aus dem Stand und hintereinander weg durchexerzieren. Das Publikum honorierte seinen Einsatz (und den des Spezialorchesters im verdeckten Graben versteht sich) einhellig.

Bei den Protagonisten lieferte Okka von der Damerau mit ihrem Untergangsorakel einen kurzen, aber referenzverdächtigen Auftritt. Christa Meyer glänzte als eine glasklare Fricka, bei der man sich schon auf den Clinch mit ihrem Ehemann in der nächsten Folge freut. Elisabeth Teige schillerte nur mit ihrer Freia, spielte aber überzeugender. Lea-ann Dunbar, Stephanie Houtzeel und Katie Stevenson sind hier frische Rheintöchter mit Kindermädchenjob. Bei den Nibelungen überzeugt Olafur Sigurdarson als Alberich, auch mit seinen hinzugefügten vokalen Eigenwilligkeiten, wenn es für ihn hart wird, während Arnold Bezuyen eine gewisse prägnante Leidensfähigkeit als Mime schuldig bleibt. Das gilt auch für Daniel Kirchs übereitel, im Spiel aufdrehenden Loge. Bei den Riesen überzeugt Jens-Erik Aasbø als Fasolt mehr als Wilhelm Schwinghammers Fafner. Egilis Silins’ (Einspringer-)Wotan hat das Clananführerformat, das er braucht, auch stimmlich. Donner (Raimund Nolte) und Froh (Attilio Glaser) zumindest hat er im Griff. Alles in allem schlägt sich das Ensemble gut – das (zum großen Teil ringkundige) Publikum hat seinen Beifall freilich mit Gespür für’s Besondere dosiert.

Die lautstarken Buhs, die es neben den überwiegenden Bravos gleich am Ende gab, können so nur dem Regieteam gegolten haben, das sich beim Ring – im Unterschied zum Dirigenten – nicht nach jedem Teil, sondern erst am Ende, nach der „Götterdämmerung“, dem fachkundigen Publikum (mit den so unterschiedlichen  Erwartungen) stellt. Was dann passiert, werden wir am 5. August wissen.

Bis dahin bleibt es spannend. Mindestens so wie Valentin Schwarz und seinem Team jetzt der Auftakt zu ihrer Miniserie gelungen ist. Es fehlte zwar viel, was eigentlich ins Rheingold gehört – vor allem fehlte der Ring selbst. Dafür gab es aber jede Menge von Personal und Anspielungen, die es bislang dort noch nicht zu sehen gab. Schwarz hatte im Vorfeld angekündigt, dass der Ring für ihn eine Art Gesellschaftsroman oder eine Netflix-Serie ist, mit der eine Familiengeschichte erzählt wird. Dazu gehört, dass man am Ende gespannt auf die Fortsetzung ist und getrost spekulieren kann (und soll) wie es wohl weitergeht.

Wenn also die ins Große zielende Geschichte, mit der sich ganz gut jede Art von Kapitalismus- und Gesellschaftskritik betreiben lässt, oder anhand derer man wie Frank Castorf den Verlust aller großen Utopien abhandeln kann, jetzt auf eine Familiengeschichte herunter gebrochen wird, dann beginnt das Ganze – durchaus nachvollziehbar – nicht auf dem Grund des Rheins, sondern im Mutterleib. Im Video von Luis August Krawen zum sehr leise beginnenden und dann flott eskalierenden Vorspiel zeichnen sich im Fruchtwasser erst zwei Nabelschnüre und dann zwei Embryos ab. Schon die kämpfen miteinander. Da der eine des andere Auge trifft, darf man davon ausgehen, dass es sich hier um die beiden Hauptkontrahenten im Ring Wotan und Alberich handelt. Wenn das Spiel beginnt, dann sind die beiden längst zwei recht verschiedene Mannsbilder. Der eine ein Clanchef, Patriarch im Luxus. Jeans und Lederjacke zum ergrauten Haar bei dem anderen lassen auf einen eher weniger erfolgreichen Lebensweg schließen. Jedenfalls haben die drei Kindermädchen, die am Pool auf ein paar Mädels und einen Buben aufpassen sollen, kein Problem, es dem leicht übergriffigen Typen handfest heimzuzahlen. Toll, wie beweglich Sigurdarson den Grabscher spielt, noch besser, wie die jungen Frauen damit umgehen und ihn am Ende als begossenen Pudel dastehen lassen. (Eine ziemlich moderne Situation, mit ungeplantem Seitenblick auf das Vorfeldskandälchen der diesjährigen Festspiele also!).

Spannende szenische Dialektik

Die entscheidende pfiffige Idee ist aber, dass Alberich nicht nach irgendwelchem Gold grabscht, sondern erkennt, dass der Goldjunge (der spielt seine Rolle wirklich goldig und hat goldfarbene Klamotten an) die Zukunft ist. Er ist der personifizierte Ring. Jeder will nicht ihn, aber das, was er bedeutet. Die Zukunft! Schwarz gelingt hier tatsächlich eine spannende szenische Dialektik. Alberich geht es zwar um die Macht, aber mit dem Knaben geht er geradezu liebevoll um. Was der durchaus auch so zu empfinden scheint, wenn er seinen Entführer (oder zeitweisen Erzieher bzw. Ersatzvater) tröstet, als sich Wotan seiner bemächtigt. Nibelheim ist hier eine helle Kita-Box mit jungen blonden Mädels (in Walkürenzahl!), die schon mal mit kleinen Pferdchen spielen und gruselige Ungeheuer malen. Und denen unser Goldjunge übel mitspielt – wie später (bzw. im vorigen Jahr bei der halbkonzertanten Walküre) Hermann Nitsch die Farben – oder was auch immer – an die Wand klatscht und mit den Walküren rauft. Die können sich freilich wehren und stürzen sich ihrerseits auf den rebellischen Knaben.

Dass Alberich für die Verwandlung in den Riesenwurm einfach nur den Goldjungen auf die Schultern nimmt, ergibt Sinn. Er bedroht seinen Kontrahenten Wotan mit der Zukunft. Und man hat durchaus den Eindruck, dass Wotan nicht nur rumsteht und sich über das antiautoritär enthemmte Früchtchen amüsiert, sondern bereits hier auf die Idee kommt, sich diese Art von Nachwuchs selbst zu verschaffen. Wenn in der Garage der Luxusvilla dann die Riesen mit dem SUV anrücken und ihre Geisel Freia nur gegen den Goldjungen herausrücken, kann man als Zuschauer zwar aus der Verständnis-Kurve fliegen. Oder man freut sich einfach an dieser Art von vorausgreifender origineller Binnenlogik.

Es gibt auch kleinteiligeren Witz. Zwar ist der Aufritt des Goldjungen, der wohl zu Hagen heranreifen wird (und den der Programmzettel ungerechterweise unterschlägt), kaum zu toppen. Aber wenn der Großkotz Donner es plötzlich im Kreuz hat, wenn er mit dem Golfschläger zuschlagen will, muss man lachen. Mindestens grinsen darf man bei Wotans Angeberei in Sachen Prachtgemäuer, das er hier nur imaginiert, während Froh auf die Unterlagen dazu verweist, die in der Mappe sind, die Loge angebracht hatte. … 

Das unsichtbare „Fortsetzung folgt“ auf dem sich schließenden Vorhang ist eine gute Nachricht!  

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