„Die Sache Makropulos“ in Dessau: Triumph für Iordanka Derilova


(nmz) -
Es besagt viel über gegenseitiges Vertrauen, wenn sich ein Haus mit Gastspielbetrieb wie das Theater Schweinfurt aus dem Angebot eines langjährigen Partners, des Anhaltischen Theaters Dessau, gezielt Leoš Janáčeks intensive, aber vom breiten Publikum ungeliebte Oper „Die Sache Makropulos“ heraussucht: Dieses Vertrauen in Qualität, Leistung, Überzeugungskraft und Publikumsbindung ist vollauf berechtigt. Die zweite Vorstellung der Neuproduktion im sträflich leeren Dessauer Theater am Friedensplatz wurde zu einem Triumph des Ensembles des Anhaltischen Theaters und vor allem der Sopranistin Iordanka Derilova.
04.02.2020 - Von Roland H. Dippel

Sie ist faszinierend, durchsetzungsstark, charismatisch – und eiskalt. Die Opernsängerin Emilia Marty vereint in sich alle Eigenschaften einer bestens optimierten Zivilisationsnomadin. Tausende von ihr abstammenden Bälger bevölkern die Erde. (Fast) Unsterblich ist sie – und gut vernetzt: Das Ideal jedes Recruiters. Janaceks 1926 am Theater Brünn uraufgeführte Oper nach Karel Capeks Komödie (1922) wagt eine Prognose darüber, wie es sein könnte, wenn sich der Wunsch nach ewigem Leben erfüllt: Dann wird alles noch schlimmer als in der zeitlichen Begrenztheit. Denn da hat jeder Spaß ein Ende, weil alles zum monoton-nervigen Allerlei gerinnt.

Wenn die 337 Jahre alte Emilia Marty endlich das Rezept für die Verlängerung ihres Lebens um weitere 300 Jahre in der Hand hält, will sie es nicht mehr. Sie liefert sich dem nach ihr mit orthodoxen Gebetsversen rufenden Jenseits aus. Zurück bleiben die in einem langen Erbschaftsprozess verflochtenen Gegner Prus und Gregor: Die Marty machte sich aus Kalkül zur freudlosen Geliebten ihrer eigenen Nachkommen. Sie treibt den jungen Prus in den Selbstmord und dennoch weicht das Entsetzen aller im Strudel der Ermittlungen Mitgerissenen dem Mitleid mit ihr.

Die Dessauer Produktion versucht, die Sprödigkeit von Janaceks neben „Totenhaus“ melodisch kargster und abgehackter Oper mit visueller Opulenz auszugleichen. Schauplatz ist ein zerstörter Theatersaal, auf dessen weißer Bühne die junge Emilia Marty im zeitspezifisch schwarzen Kleid, eine andere Julia Capulet, das Elixier trinkt. Alles haben Jakob Peters-Messer, der Bühnenbildner Markus Meyer und der vor allem mit den Roben und Accessoires der Marty voll beschäftigte Sven Bindseil auf ihre überragende Hauptdarstellerin zugeschnitten, immer tänzelnd im freien Fall zwischen Revue-Operette und Requiem. Das bekommt den Konversationssequenzen recht gut, schafft allerdings keine Ausnahmesituation. Diese, unerlässlich für Janáčeks meisterhaft zerklüftete Partitur, schafft nur Iordanka Derilova! Denn sie hat zu viel künstlerische Intelligenz, um sich mit der sehr gut gemeinten Hommage an sich zu begnügen. Dieser ist sie also mit einer durch unterschiedlichste Partien von Agathe bis Brünnhilde immensen Erfahrung immer um eine Kronenzacke voraus. An Persönlichkeit, Ausstrahlung und Darstellung kann sich Iordanka Derilova als Emila Marty mit prominenten Kolleginnen wie Hildegard Behrens, Nadja Michael oder Evelyn Herlitzius problemlos messen, sängerisch bietet sie die mit Abstand glänzendste Leistung.

Warum? Jedes expressionistisch gemeinte Bellen und Skandieren ist ihr fremd. Die Bögen in der Schlussszene werden durchpulst von einer Wärme, welche die Stimme auch vorher nicht negiert, aber durch geschärfte Konsonanten abkühlt. Das Risiko des Hinübergleitens in eine exaltierte Hysterie-Studie war groß, weil Peters-Messer offenbar von Derilova forderte, in dieser Rolle möglichst viele weibliche Archetypen zwischen Backfisch und Kanaille mindestens einmal zu streifen. Aber genau das Gegenteil trat ein. Die von Prus an Emilia Marty mit Schaudern festgestellte Kälte macht Derilova ebenso glaubhaft wie die Verführungsgewalt, welche den jungen Prus die Besinnung verlieren lässt.

Neben dieser bezwingenden Spitzenleistung bestehen vor allem Ulf Paulsen (Prus) und Christian Sturm (Janek Prus), die Peters-Messer als einzige Männerfiguren nicht in den Schatten Derilovas zwingt. Tillmann Unger (Albert Gregor) muss den Schwächling übertreiben und Alexander Nikolic wirkt als vergreister Liebhaber neutral, die Ähnlichkeit mit Peter Maffay ist wohl Zufall. Die atmosphärische Blässe von David Ameln und Kostadin Argirov liegt am Rollenprofil. Die Produktion bekommt auch deshalb starke Momente, weil Derilova nie unkollegial auftrumpft und aus der Unentschlossenheit der Regie, die Konversationsflächen Richtung Komödie, Groteske und Krimi zu überspitzen, keinerlei Vorteile zieht. Stark Cornelia Marschall als Christa.

Markus L. Frank erarbeitete mit der Anhaltischen Philharmonie einen verhältnismäßig dunklen Klang, aus dessen lastender Dichte sich die Janáčekschen Bläserfiguren nur mit etwas Anstrengung herauswinden. Ein überzeugender Ansatz ist das, weil sich der orchestrale Grauschleier im dritten Akt lichtet. Aus dem Orchestergraben hört man also genau jene Nebel, die sich zunehmend zwischen Emilia Marty und ihre Mitwelt drängen. Großartiger Gesamteindruck.


  • Musikalische Leitung: Markus L. Frank, Wolfgang Kluge (27.3., 9.5.) – Inszenierung: Jakob Peters-Messer – Bühne: Markus Meyer – Kostüme: Sven Bindseil – Dramaturgie: Felix Losert – Emilia Marty: KS Iordanka Derilova – Albert Gregor: Tilmann Unger – Vítek, Kanzleigehilfe: David Ameln – Krista, Víteks Tochter: Cornelia Marschall – Jaroslav Prus: KS Ulf Paulsen – Janek, sein Sohn: Christian Sturm – Dr. Kolenaty, Rechtsanwalt: Kostadin Argirov – Bühnenarbeiter: Don Lee – Putzfrau: Ines Peter, Constanze Wilhelm – Hauk-Schendorf: Alexander Nikolić – Kammerzofe: Gerit Ada Hammer, Jagna Rotkiewicz – Herren des Opernchors des Anhaltischen Theaters Dessau (Toneinspielung III. Akt) – Anhaltische Philharmonie Dessau
  • Premiere: Sa 25.1.2020 – besuchte Vorstellung: So 2.2., 16 Uhr – Sa 8.2., 17 Uhr – So 1.3., 17 Uhr – Fr, 27.3., 19.30 Uhr – So 19.4., 17 Uhr – Sa 9.5., 17 Uhr – Gastspiele im Theater Schweinfurt: Mi 29.4., 19.30 Uhr und Do 30.4. 19.30 Uhr

Das könnte Sie auch interessieren: