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Christian Thielemann, Ensemble Lohengrin, Sächsische Staatskapelle Dresden © OFS/Erika Mayer
Christian Thielemann, Ensemble Lohengrin, Sächsische Staatskapelle Dresden © OFS/Erika Mayer
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Die Sächsische Staatskapelle verabschiedet sich aus Salzburg – Ein Rückblick

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Nach zehn Jahren hat sich die Sächsische Staatskapelle von den Osterfestspielen Salzburg verabschiedet – ganz freiwillig sicherlich nicht. Michael Ernst blickt auf eine künstlerische Erfolgsgeschichte zurück.

Die Sächsische Staatskapelle Dresden hat die Osterfestspiele Salzburg gerettet. Das ist gewiss keine Übertreibung, denn als die Berliner Philharmoniker, mit denen Herbert von Karajan dieses stets vielbeachtete Musikfest 1967 ins Leben gerufen hatte, Salzburg in Richtung Baden-Baden verließen, war die Not groß, blieb die Zukunft erst einmal ungewiss. Doch das Dresdner Orchester war umgehend bereit, ab 2013 als Residenzorchester in die Partnerstadt an der Salzach zu ziehen, und Chefdirigent Christian Thielemann – einst Karajan-Assistent – übernahm die künstlerische Leitung der Osterfestspiele. In kürzester Zeit wurden neue Ideen für Salzburg entwickelt und für die in Dresden entstandenen Vakanzen passender Ersatz koordiniert.

Nach genau einem Jahrzehnt gab es den musikalischen Schlusspunkt zu dieser künstlerischen Erfolgsgeschichte und ist diese Ära mit Richard Wagners Oper „Lohengrin“ verklungen. In Zukunft sollen jährlich wechselnde Klangkörper die Osterfestspiele gestalten, den Auftakt macht zu Ostern 2023 das Gewandhausorchester Leipzig unter Andris Nelsons. Bei aller Zuversicht für den weiteren Werdegang dieses Festivals war das Bedauern über den Abschied unüberhörbar. So schrieben etwa die Salzburger Nachrichten bereits nach Thielemanns erstem diesjährigen Konzertdirigat: „All dem folgen Applaus, Bravo!, Bravo!, Stampfen, Applaus, aber dazu auch der bittere Gedanke: Schade, dass diese Dresdner Opulenz heuer zum letzten Mal in Salzburg österliche Normalität ist.“

„Österliche Normalität“ dieser als elitär geltenden Festspiele sind zehn Jahre lang – mit Ausnahme der pandemiebedingten Absage 2020 und des in den Oktober verlegten Jahrgangs 2021 – herausragende Opernproduktionen (zumeist in Koproduktion mit der Semperoper) sowie Chor- und Orchesterkonzerte gewesen. Ergänzt durch ein regelmäßiges „Konzert für Salzburg“, um einheimischem Publikum mit moderaten Preisen entgegenzukommen, sowie in mehreren Jahren auch durch „Kapelle für Kids“ und musikalischen Streifzügen durch Salzburger Kneipen.

Auf die beiden letztgenannten Inhalte musste auch in diesem Jahr verzichtet werden. Doch mit dem „Lohengrin“ konnte der Wagner-Bezug dieser Festspielgeschichte fortgeschrieben werden, schließlich hatte bereits Herbert von Karajan die Festspiele mit seiner Inszenierung der „Walküre“ eröffnet (im nachgestalteten Original-Bühnenbild wurde dies zum 50jährigen Jubiläum in einer Re-Kreation präsentiert und später auch in Peking gezeigt), zudem gab es neue Produktionen von „Parsifal“ und „Die Meistersinger von Nürnberg“. Kapelle und Thielemann warteten freilich nicht nur mit ihrer wagnerianischen Kernkompetenz auf, sondern erfreuten in Salzburg mit Opern von Richard Strauss („Arabella“), Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo („Cavalleria rusticana“ / „Pagliacci“) sowie von Giuseppe Verdi („Otello“) und Giacomo Puccini („Tosca“). Ambitionierter gestalteten sich die Konzertprogramme des Orchesters sowie seiner Kammermusikvereinigungen mit Ausflügen beispielsweise zu Hanns Eisler, Sofia Gubaidulina, Hans Werner Henze, Bruno Maderna und Salvatore Sciarrino.

Der aktuelle „Abschieds“-Jahrgang umfasste neben Béla Bartóks Konzert für Viola mit einem inbrünstig aufspielenden Antoine Tamastit die Alpensinfonie von Richard Strauss sowie die 9. Sinfonie und das Te Deum von Anton Bruckner. Neben Christian Thielemann war auch der Erste Gastdirigent der Kapelle, Myung-Whun Chung mit von der Partie. Zudem dirigierte Tugan Sokhiev zweimal die 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch, die sogenannte „Leningrader“ – nicht nur musikalisch ein Ereignis, sondern darüber hinaus auch ein Fanal heutiger Zeitgeschichte. Hätte man je für möglich gehalten, dass im 21. Jahrhundert noch einmal so unmittelbar an einen Krieg in Europa gemahnt werden müsste?!

Im ganz offiziellen Dank der Osterfestspiele an das Residenzorchester wurde ein „fulminanter Neustart auf höchstem künstlerischem Niveau“ hervorgehoben: „Der kapelltypische warme und homogene Klang bereitete dem Publikum der Osterfestspiele bei über hundert Veranstaltungen unzählige Sternstunden. Als zentrale Figur dieser Zeit festigte Christian Thielemann an insgesamt 53 Abenden am Pult mit seinen eleganten und zugleich intensiven Dirigaten den Ruf des Festivals als eines der besten der Welt.“

Das internationale Publikum dankte der Staatskapelle, die für ihre Residenz bei den Osterfestspielen mit dem diesjährigen Herbert-von-Karajan-Preis ausgezeichnet worden ist, mit demonstrativem Beifall. Auch nach der letzten Aufführung des „Lohengrin“ sind Solistenensemble, Chöre und Orchester lauthals gefeiert worden. Christian Thielemann wurde so lange applaudiert, bis er noch einmal allein vor dem Vorhang erschien. Doch mit ihm wird es ein Wiedersehen bereits zu den anstehenden Salzburger Festspielen im Sommer geben.

 

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