Gemeinschaftliches Hörerlebnis „drinnen vor Ort“: Eindrücke vom Festival Rümlingen 2011


(nmz) -
Man nimmt ein Buch, in dem sechzehn Komponisten und Komponistinnen Konzeptideen zu vier Orten in der Umgebung eines kleinen Dorfes im Kanton Basel-Landschaft geschrieben haben, wandert los, und stellt sich innerlich die Musik vor, die für den jeweiligen Ort zu der jeweiligen Jahreszeit geschrieben wurde. Funktioniert das? Ein Festival ohne Aufführungen? Ohne festen Zeitraum, in dem es stattfindet? Ist das nicht alles ein bisschen zu theoretisch, zu abstrakt? Wie verändern sich die Rollen, wenn das Publikum so radikal zu Interpreten umfunktioniert wird und selbst bestimmt, was wann und wo im eigenen Kopf erklingt?
04.10.2011 - Von Heike Lies

„Ein Festival für Fortgeschrittene“ bietet der Jahrgang 2011 des Festivals Rümlingen, stellte Lydia Jeschke in ihrer Begrüßung zu Recht fest, da er sich kompromisslos der Konzeptkunst widmet. Doch genau dies fand viele Interessenten; die Rümlinger Kirche war bei der Eröffnung des Festivals vollbesetzt. Thomas Meyer erklärte dann die ungewohnte Arbeitsteilung: Die Komponisten/-innen haben geschrieben, die Festivalbesucher wandern und imaginieren, Musiker als Interpreten gibt es keine.

Zunächst aber ging man bei der Buchvorstellung sogar konsequent noch einen Schritt weiter: Bevor die Ortsbegehungen stattfanden, wurden vier Texte aus dem Buch vorgelesen, die von vier Schriftstellern dazu geschrieben worden waren. Das heißt, dass die Festivalbesucher zunächst die Orte imaginierten, an denen sie sich später die Musik vorstellen sollten. Diese zusätzliche Abstraktionsebene entführte dank der einfallsreichen Fantasie der Schriftsteller in ein Labyrinth von schrägen, witzigen und absurden Vorstellungen.

Peter Weber nähert sich noch relativ besinnlich mit dem „Duschkopf“ (so der Titel seines Textes) gegen Konzentrationsschwäche und seinem Auto dem Wasserfall in der Juralandschaft. Jürg Laederach lässt sich dann von der Wiese zur Erinnerung an das kindliche Ostereiersuchen im Wald und die das für ihn damit verbundene Tasten durch echtes und gedankliches Unterholz und Gestrüpp inspirieren, während Klaus Merz über die Frage sinniert, wie viele Hombergs es wohl geben mag und wo die Unterschiede zwischen dem Homberg seiner Kindheit und dem Homberg mit der für das Festival ausgewählten Fluh in der Nähe von Rümlingen liegen.

Urs Richle schließlich erzählt „Die Geschichte des Tunnels von Rümlingen“ in einer so rasanten Folge von aberwitzigen, skurrilen Ereignissen, von der Sekte der harmonischen Tunnelerleuchter bis hin zu dem gegerbten Ziegenleder, welches die älteste überlieferte Partitur Rümlingens, archiviert in der Basler Geschichtsbibliothek, sein soll, dass man beim Anhören ganz ungeduldig wurde und selbst nachschauen wollte, ob in dem Tunnel nicht vielleicht doch etwa…

Aber es wurde dann erst noch ein Text von Elfriede Jelinek verlesen, der zwar nicht für das Ereignis geschrieben wurde, aber aus ihrer Sicht gut passt zu diesem Tag und dann durfte/musste/sollte man sich entscheiden, ob man mit Tom Johnson und Daniel Ott zum Wasserfall, mit Hans Wüthrich und Sylwia Zytynska auf die Wiese, mit Manos Tsangaris und Thomas Meyer zur Fluh oder mit Cathy van Eck und Lydia Jeschke in den Tunnel gehen wollte.

Der Wasserfall, zu dem man mit Tom Johnson wanderte, ist eines der vielen verborgenen Naturdenkmäler in der Juralandschaft. Wie eine archaische Bühne oder der Chor einer romanischen Kirche wirkt das ausgewaschene riesige Halbrund, von dessen oberer Kante ein dünner Wasserstrahl auf einen riesigen Stein herunter rieselt, scharf und spitz im Klang - ein kultischer, geheimnisvoller Ort.

Tom Johnson spricht in seinem Text über das menschliche Gedächtnis im Gegensatz zu den digitalen Speichermedien, schlägt vor, den Klang auf unterschiedliche Art zu memorieren, so dass man ihn sich auch Jahre später ohne Aufnahme wieder aus dem Gedächtnis hervorrufen kann. Inmitten dieses Klangraumes nun ein schweigender Chor lauschender Menschen, sitzend, herumwandelnd, manche auch flüsternd und rauchend und mit dem Handy herumspielend. Eines wird klar: So, wie ein Orchester einen andern Klang hervorbringt, als eine einzelne Geige, entsteht auch bei dieser Art von Klangimagination ein anderes Hörerlebnis, wenn es von vielen Menschen gemeinschaftlich ausgeübt wird, als wenn man als einsamer „Hör-Solist“ den Ort aufsucht.

Zum Abschluss es dann noch ein gemeinschaftliches Treffen mit den anderen Festivalbesuchern; gastliche Bewirtung und Gedankenaustausch auf einem Bauernhof.

Nach dieser Eröffnungsveranstaltung gibt es nun noch die Möglichkeit, sich in einem Blog auf der Homepage des Festivals über das Erlebte auszutauschen. Zu dem Zeitpunkt, zu dem dieser Artikel entsteht, ist die Seite des Forums bis auf ein „herzliches Willkommen“ des Veranstalters noch leer. Vielleicht findet bei dieser Art von Konzept auch der Austausch über das Gehörte eher in innerer Zwiesprache statt, denn auf der öffentlichen Plattform.

Das Programmteam von Rümlingen besteht derzeit aus sechs Leuten: Christian Dierstein, Lydia Jeschke, Thomas Meyer, Daniel Ott, Marcus Weiss und Sylvia Zytynska. Dass auch in dieser relativ großen Formation ein so stimmiges Ergebnis erzielt wird, spricht sehr für die Art der Kommunikation und Zusammenarbeit, die diese verbindet.

Ein Festival wie Rümlingen, das sich seit vielen Jahren nicht einfach widerspruchslos in den Musikbetrieb einfügt, sondern jedem Jahr neue Fragen stellt, an Grenzen geht, und innere und äußere Landschaften bespielt, und immer ein bisschen subversiv bleibt, ist ein Glücksfall für die neue Musik. Wer von einem Festival zeitgenössischer Musik erwartet, neue Perspektiven zu erfahren und Denkanstößen in unterschiedlicher Form zu begegnen, sich immer wieder auch der Frage neu stellen möchte, wie Musik denn überhaupt entsteht, den werden das „Festival in Buchform“, das darin integrierte „Lexikon der Klangimagination“ und die dazugehörigen Wanderungen sehr erfreuen.

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