Dürftig und reizvoll: Samuel Penderbaynes „Die Schneekönigin“ in Berlin


(nmz) -
Elektronik contra analoge Musikerzeugung – das scheint der zentrale musikalische Kampfplatz für diese Produktion in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin gewesen zu sein. Für unseren Rezensenten Peter p. Pachl ist das ein bisschen wenig. Als Theaterstück ist es gleichwohl gelungen und reizvoll.
24.11.2019 - Von Peter P. Pachl

Dass man auch aus einer Nichtigkeit theatralen Zauber schlagen kann, beweist die jüngste Musiktheater-Produktion „für alle ab 8 Jahren“ in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin. Die neue Version der „Schneekönigin“ erzählt Hans Christian Andersons oft dramatisiertes Kunstmärchen von Kay, dem ein Eissplitter ins Auge fällt und der daraufhin nicht nur zu seiner Liebsten höchst unwirsch wird, sondern alles Das, was er für schön erachtet hatte, negiert, bis ihn seine Gerda, nach einer langen Wanderung – durchs Blumenland, durch eine Räuberhöhle und durchs eisige Lappland – im Palast der Schneekönigin wiederfindet, ihn dort zum Lachen bringt und so erlöst, wieder für sich gewinnt.

Die Komposition des 1989 geborenen, in Berlin auch für die musikalische Einstudierung zuständigen australischen Komponisten Samuel Penderbayne arbeitet mit dem Gegensatz von Elektronik – für das Kalte und Böse der Schneekönigin – und ausgeweiteter Klangerzeugung der analogen Instrumente Klarinette, Violoncello, Tuba Klavier und Schlagzeug – für das Warme und Gute. Gleichwohl erteilt das Libretto von Christian Schönfelder wiederholt die Lehre: „Im Guten steckt das Böse und im Bösen das Gute“. 

Außer der Grundidee Elektronik contra analoge Musikerzeugung erweisen sich die musikalischen Einfälle Penderbaynes leider als dürftig. Und da der Komponist sonst nicht mit Reibungen zu musikalischen Operntopoi arbeitet, wirkt seine Vertonung der Textzeilen „mit sicherem Gang“ und „wer nicht mehr allein“ auf das Motiv von Wagners Walkürenritt als ein Zufallsprodukt, dramaturgisch ohne Belang. Zu den scheinbar improvisatorisch entstehenden und sich zunächst entsprechend jazzig entwickelnden Klängen der Instrumentalsolist*innen gesellen sich bei den Sängerdarsteller*innen musicalartig gesungene Passagen, bis hin zum Terzett.

Wenn auch die kompositorische Substanz des neuen Musiktheaters zu wünschen lässt, so ist doch das gemeinsame Spiel der mit diversen Kostüm- und Rollenwechseln auswendig intonierenden Live-Musiker zwischen Free Style und einer Behandlung ihrer Instrumente á la Lachenmann durchaus gelungen.

In der auf drei Seiten von Zuschauertribünen umgebenen Spielfläche, rund um eine zackige Eisscholle als Bannmeile, sorgt Regisseurin Brigitte Dethier für ein – selbst für die jüngsten Besucher – nachvollziehbares und stets fesselndes Spiel. Sophia Körber als eine ihre Lieder in Text und Melodie erfindende Gerda gefällt da ebenso, wie der auch in die Rollen des jungen Prinzen und des Räubers schlüpfende Martin Gehrke als Kay. Für die vor einem Keyboard regierende, die Welt im Zwang elektronischer Klänge kalt in Beschlag nehmende Schneekönigin (Hanna Plaß) repariert Kay als Techniker defekte Keyboard-Teile.

Individuell ausdrucksstark sind die Instrumentalist*innen, insbesondere die Klarinettistin Jone Bolibar Núñez als Krähe, die Cellistin Louise Leverd als Taube und der auch auf einer Mülltonne virtuose Schlagzeuger Daniel Eichholz. Besonders zauberhaft gestaltet der Tubist Jack Adler McKean das von Gerdas lesbischer Räuberfreundin (Marlena Gaßner) in seine Heimat Lappland entlassene Rentier.

Das intensive, auf diverse Positionen des Raums verteilte Zusammenspiel bedarf nicht einmal eines Dirigenten.

Ausstatterin Carolin Mittler arbeitet mit Projektionen auf einem Bändervorhang und mit vielfarbigen Linestras. Als Natureindruck im Blumenreich senken sich grüne – und manche Besucher sichtbehindernde – klappernde Schlangen herab. Der überhohe Glitzerthron der Schneekönigin mit zwei silbernen Pferden und die bis ins Detail hinein überaus einfallsreich und liebevoll gestalteten Kostüme unterstützten bei der nachmittäglichen zweiten Aufführung am Tag nach der Premiere den Gesamteindruck. Das spielfreudige Ensemble sorgte beim gemischten Familienpublikum für Heiterkeit und zufriedene Kindermienen.

Für Lacher sorgte, nach der Erwähnung eines der Gerda drohenden Bordells, bei den erwachsenen Zuschauern der Kommentar des Räubers, „Puff-Puff-Puff-Puff!“. Bei einer gerafften Version des Märchens bleibt selbstredend manches auf der Strecke, anderes hätte gestrichen werden können (so etwa der unklar bleibende, mehrfache Bezug zum Spinat). Dies steht jedoch auf einem anderen Blatt, wie auch die Frage, ob man ein junges Publikum nicht mit einer gehaltvolleren Komposition als Opernfreunde für die Zukunft gewinnen sollte.

Gleichwohl scheint Penderbaynes Warnung vor kaltem Elektronik-Konsum und Besinnung auf natürliche Klänge ehrenwert. Ob dieser Gedankengang im Bewusstsein der jungen Zuschauer unterschwellig angekommen ist oder gar nachhaltige Reaktionen auslösen kann, ist angesichts des überbordenden elektronischen Konsumierens von Videospielen und TV-Serien allerdings fraglich.

  • Weitere Aufführungen: 24., 26., 27., 28., 29.,  30. 11., 1., 2. ,3. 12. 2019.

Das könnte Sie auch interessieren: