Ein Chronist der deutschen Gegenwart: Rückblick auf das bewegte Leben von Hans Werner Henze


(nmz) -
Kein anderer Künstler verkörperte in so umfassender Weise die Kultur der alten Bundesrepublik wie Hans Werner Henze, auch nicht ein Grass oder ein Enzensberger, mit dem er um 1970 in „El Cimarrón“ und in der Fernsehoper „La Cubana“ zusammenarbeitete. Es war mehr als bloß aktive Teilnahme am Zeitgeschehen – Henze durchlitt die deutsche Gegenwart mit allen Fasern seiner Existenz, und dass er davon nie loskam, liegt an der blutigen Vorgeschichte, die er als Halbwüchsiger noch selbst erlebt hatte. [aus nmz 11-2012]
01.11.2012 - Von Max Nyffeler

Geboren am 1. Juli 1926 in Gütersloh als Sohn eines nazitreuen Lehrers, war Henze mit 18 Jahren noch zum Kriegsdienst eingezogen worden. Beim Exerzieren und Ausheben von Schützengräben, so bekannte er später, wurde ihm klar, dass er Künstler werden musste. Und er begriff, dass er als Homosexueller tödlich bedroht war. Die Kindheits- und Jugend­erfahrungen während des Hitlerregimes waren für ihn lebenslanges Trauma und künstlerischer Stachel zugleich. Sie prägten seine ästhetischen Auffassungen nachhaltig: Schönheit galt ihm als Protest gegen die Hässlichkeit des Inhumanen, Musik als etwas Geheimnisvolles, Obrigkeitswidriges, das gegen die rohe Außenwelt beschützt werden musste. Damit war auch schon der spätere Konflikt mit den Darmstädter Zeitgenossen vorprogrammiert, die den Kunstcharakter auf erklärbare Materialkonstellationen reduzierten und Schönheit bestenfalls negativ, unter rein ideologiekritischen Aspekten definierten.

Flucht in den Süden

Italien, das klassische Sehnsuchtsziel aller Deutschen, wurde für den jungen Henze zum idealen Fluchtpunkt. 1953 ließ er sich zunächst in Ischia nieder, später in Neapel und Rom. Die Flucht in den Süden hatte auf ihn eine ungeheuer befreiende Wirkung: „Die Strafenden, Prügler, Hetzer in Rudeln, Denunzianten, Stiefelprinzipale, unheilbare Faschisten sollten mich nicht mehr erreichen. Wenn sie mich in Ruhe ließen, würde ich zur Ruhe kommen, würde Italiener werden, mich einigeln in diese alte Kultur, von der die Deutschen nur aus Lesebüchern wissen.“

Schon in Deutschland hatte er 1952 in Hannover seinen ersten Opernerfolg mit „Boulevard Solitude“, doch erst jetzt, mit dem Zugang zu den internationalen Künstlerkreisen von Neapel und Rom und der um sie gescharten Kulturschickeria, setzt seine Karriere ein. Er verkehrt auf Ischia mit den Schönen und Reichen, lernt in Rom durch Nicolas Nabokov Strawinsky kennen und schreibt die Musik zu einem Ballett von Lucchino Visconti. In Neapel führt er einen gemeinsamen Künstlerhaushalt mit Ingeborg Bachmann, wo sie Wand an Wand arbeiten, stets auf respektvoll-freundschaftliche Distanz bedacht.

Gesanglichkeit, eine lyrische Grundhaltung und delikate Farben prägen die Kompositionen jener Jahre, und in der großenteils auf Ischia entstandenen Oper „König Hirsch“ verdichten sie sich zu sinfonischem Überschwang. Den südlich-heiteren, von einem Schuss dunkler Melancholie durchsetzten Tonfall wird Henzes Musik trotz vieler stilistischer Veränderungen nie ganz verlieren. Simon Rattles Bemerkung, in ihr schlage ein deutsches Herz, doch darum herum sei alles andere mediterran, trifft ihren Charakter genau.

Als Komponist blieb Henze in Deutschland präsent, besonders in den Opernhäusern. „König Hirsch“ wurde 1956 in Berlin uraufgeführt, „Der Prinz von Homburg“ 1960 in Hamburg, die „Elegie für junge Liebende“ 1961 in Schwetzingen. Mit seinen zu Hause gebliebenen Kollegen, die seine Opernarbeit kritisierten, kam es zum giftigen Streit. In ihren seriellen Dogmen sah er ein Wiederaufleben der unseligen deutschen Ordnungswut, in ihrem Gruppenzwang ein Mitläufertum schlimmster Sorte: Die deutsche Avantgarde, ein Hort der begeistert praktizierten Unfreiheit. Seine Gegner zahlten es ihm mit Verachtung heim. Die Uraufführung seiner „Nachtstücke und Arien“ 1957 in Donaueschingen störten sie laut Henze – Boulez behauptet, es sei die Generalprobe gewesen – mit lautem Türenschlagen. Anders als für die Serialisten war für Henze Musik stets mehr als klingendes Material. Sie war eine tönende Sprache, die etwas über die Menschen und die heutige Welt erzählen sollte: „musica impura“ im Sinne von Nerudas „poesia impura“, gesättigt mit den Unreinheiten und Widersprüchen des realen Lebens. 

Der 68er-Sympathisant

In den 60er-Jahren, als es in der Bundesrepublik politisch zu rumoren beginnt, taucht der Ausreißer plötzlich in anderer Rolle auf. Der glamouröse Opernkomponist, inzwischen der KPI beigetreten, tritt als Redner bei einer SPD-Versammlung auf, lässt sich be­geis­tern von den Losungen radikaler Studenten, demonstriert 1968 in Berlin gegen den Vietnamkrieg und komponiert Werke revolutionären Inhalts. Bei der Uraufführung seines Che Guevara gewidmeten Oratoriums „Das Floß der Medusa“ kommt es im Dezember 1968 in Hamburg zum Skandal, als militante Studenten mit einer roten Fahne das Konzertpodium stürmen. Henze gerät zwischen die Fronten: Von den Rechten wird er nun als Salonrevoluzzer, von den Linken als bürgerlicher Ästhet verhöhnt. Die misslungene Aufführung bildet indes den Auftakt einer langen Phase des politisch engagierten Komponierens, die erst um 1980 endet und nicht nur Agitpropstücke in der Nachfolge von Hanns Eisler, sondern auch so komplexe Werke wie die 1976 in London uraufgeführte Oper „We Come to the River“ mit dem Libretto von Edward Bond hervorgebracht hat. Unterschwellig wirkte der politische Impuls nach bis zur neunten Sinfonie über Texte von Anna Seghers, in der Henze 1997, ein halbes Jahrhundert nach dem Ende der Nazidiktatur, nochmals einen bitteren Blick auf die verpfuschte deutsche Geschichte wirft. Als düsteres Gegenstück zu Beethovens Neunter steht sie in der Tradition der großen, zeitgeschichtlich bedeutsamen Sinfonien eines Schostakowitsch und Hartmann.

Durch die politischen Erfahrungen wandelte sich Henzes Verständnis von der sozialen Rolle der Musik. Der erfolgsverwöhnte, zwischen Rom, Salzburg und London gefeierte Komponist wurde zum Praktiker, der mit der Musik die Gesellschaft verändern wollte. Seine Musiksprache vereinfachte sich und wurde funktionaler, er schrieb mit jüngeren Kollegen die Kollektivkomposition „Mannesmann-Kantate“ und komponierte Kinderstücke für den 1976 von ihm gegründeten „Cantiere Internationale d’arte“, die Kunstbaustelle in Montepulciano. 

„Das Festival habe ich mir zum 50. Geburtstag geschenkt“, sagte er über seine bemerkenswerte kulturpolitische Initiative in der toskanischen Provinz. Ein ähnliches Unternehmen rief er kurzzeitig auch in der Steiermark ins Leben.

Rückkehr des Abtrünnigen

Höhepunkt seiner kulturpolitischen Aktivitäten war die 1988 gegründete Münchener Biennale, mit der er dem zeitgenössischen Musiktheater ein Jahrzehnt lang wesentliche Impulse vermittelte. Mit seinem Charisma konnte er immer wieder hochkarätige Musiker und Geldgeber an sich binden und seine Unternehmungen gesellschaftlich gut verankern. Zu den Ehrengästen bei der Biennale und in Henzes Münchner Wohnung gehörte auch der damalige Bundespräsident von Weizsäcker.

Mit seiner Heimat schien sich der Abtrünnige nun wieder vorsichtig zu versöhnen. Die letzten Jahre verbrachte Henze zwischen Deutschland, wo er inzwischen als eine über jede Kritik erhabene Autorität verehrt wurde, und seinem Landsitz bei Rom. Ein Porträtfilm von 2001 zeigt den 75-Jährigen, wie er, einen eleganten Strohhut auf dem Kopf, den Blick über die Olivenbäume seines Anwesens schweifen lässt und aus seinem Leben erzählt. Das Komponieren ging indes weiter, vor allem das Musiktheater blieb in seinem Fokus. 

Für Salzburg folgte 2003 „L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe“, ein abgeklärtes Märchenstück aus dem Arabischen, und 2005 vollendete er, bereits gezeichnet durch einen Schlaganfall, für die Berliner Staatsoper eine „Phaedra“. Sein letztes Bühnenwerk, die Kinder- und Jugendoper „Gisela! oder die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks“, geschrieben für die Ruhrtriennale 2010, knüpfte nochmals an seine musikerzieherischen Initiativen der 1970er-Jahre an. 

Musik für ein besseres Leben, als es in der kontaminierten Gegenwart möglich war: Das war das geheime Motto seines ganzen Schaffens.

 

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