Lautstarker Mahner, schwieriger Freund: Udo Zimmermann zum 70. Geburtstag


(nmz) -
Heute ist er einmal Sonntagskind. Der Dresdner Komponist und Dirigent Udo Zimmermann wird am 6. Oktober 70 Jahre alt, ist aller Ämter ledig und widmet sich – wie stets – der Neuen Musik, nun aber vor allem wieder den eigenen Werken.
06.10.2013 - Von Michael Ernst

Mit Udo Zimmermann zu arbeiten, das war ganz gewiss nicht immer nur eine lustige Angelegenheit. Das können Orchestermusiker, die von ihm dirigiert wurden, ebenso bestätigen wie Mitarbeiter in den Kollegien der von ihm geleiteten Institutionen sowie eine ganze Reihe von Dirigenten, Regisseuren und Ausstattern. Zu schweigen erst von der Politikerriege, die er mit lautstarken Forderungen oft so lange verfolgte, bis sie eingesehen haben, einsehen mussten, welchen Wert die Kultur in ihrer Stadt, ihrer Region, ja in Europa hat. Insbesondere Kulturjournalisten und deren Chefredakteure können heute noch Lieder von Udo Zimmermann singen!

Doch selbst nach schärfsten Disputen überwog am Ende zumeist die Einsicht, dass dieses Ringen im Dienste der Sache geschah – und das Resultat konnte sich stets sehen lassen. Mal war es ein musiktheatrales Ereignis, mal ein neues Stück Musik aus Zimmermanns Feder, manchmal auch der Erhalt eines Theaters oder zumindest einer Sparte.

In den vergangenen Jahren ist es ziemlich still geworden um Udo Zimmermann, der am 6. Oktober 1943 in Dresden zur Welt kam. Zwar hat er im zurückliegenden Sommer ein neues Violinkonzert herausgebracht, uraufgeführt von Elena Denisova beim Wörthersee-Festival, zwar werden seine Opern, allen voran „Die weiße Rose“ um das Schicksal der 1943 von den Nazis ermordeten Geschwister Scholl, in aller Welt gespielt – doch der einstige Mahner und Rufer mischt sich schon längst nicht mehr ein. Der Drang nach Selbstdarstellung, seine Sprachmacht und die wortgewaltige Eloquenz, sie sind ihm zusehends abhanden gekommen.

Am Vorabend seines 70. Geburtstags stimmt die Dresdner Philharmonie im Verbund mit dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau im Festspielhaus konzertant seine „Weiße Rose“ an. Die Landesbühnen Sachsen folgen am 19. Oktober mit einem Sonderkonzert zu Ehren des einstigen Kruzianers. MDR Figaro widmet sich dem Jubilar in Konzertmitschnitten und einem großen Porträt, beim Fernsehen schafft es immerhin BR-alpha, in seinem Forum der Gegenwartsmusik auf diesen Geburtstag einzugehen.

Im Dresdner Kreuzchor liegen tatsächlich die musikalischen Wurzeln des Dresdners. Von 1954 bis 1962 genoss er dort die Vermittlung von Rüstzeug, das ihm auf seinem kompositorischen Weg fortan begleiten sollte. Kreuzkantor Rudolf Mauersberger förderte erste Kompositionsversuche und setzte sich für deren Aufführung ein. Religiösen Prägungen wie im „Vaterunserlied“ von 1959 ist Udo Zimmermann zeitlebens treu geblieben und hat den Humanismus späterer Werke nicht zuletzt aus seinem Glauben gespeist. Bei allem handschriftlichen Wandel haftet ihnen über all die Jahrzehnte hinweg eine starke Wirkungsmacht an.

Weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt geworden ist der einstige Assistent Walter Felsensteins an der Komischen Oper Berlin, der von 1970 an recht komfortabel als Dramaturg für zeitgenössisches Musiktheater an der Sächsischen Staatsoper seiner Kreativität frönen durfte, neben dem wiederholt bearbeiteten und mehr als 200 mal inszenierten Scholl-Stoff vor allem mit Opern wie „Levins Mühle“ (nach Johannes Bobrowski), „Der Schuhu und die fliegende Prinzessin“ (Peter Hacks) sowie „Die wundersame Schustersfrau“ (Federico Garcia Lorca). Selbstbewusst trieb er frühzeitig schon parallele Uraufführungen seiner Werke an ost- wie westdeutschen Bühnen voran und organisierte zudem die gesamtdeutsche Berichterstattung von der F.A.Z. bis zum Neuen Deutschland. Diese Kontaktpflege – medial, politisch, aber auch künstlerisch – sollte ihm in den Jahren nach der Wiedervereinigung sehr hilfreich sein. Udo Zimmermann, der bereits ab 1985 die Werkstatt für zeitgenössisches Musiktheater an der Oper Bonn leiten und bedeutende europäische Orchester dirigieren durfte, sah sich stets als Europäer mit grenzenlosem Sendungsbewusstsein.

Von 1990 an sorgte er elf Jahre lang als Intendant der Oper Leipzig für deren überregionale Wahrnehmung, heimste mehrfach den Titel „Opernhaus des Jahres“ ein und holte Lichtgestalten wie Ruth Berghaus, George Tabori, Karlheinz Stockhausen, György Ligeti und viele andere an die Pleiße. Das Magazin „Der Spiegel“ erhob ihn zum „Hochstapler auf der Rostkutsche“, respektierte aber, dass ein Großteil seiner vollmundigen Ankündigungen Realität wurde. Steven Spielberg als „Ring“-Regisseur blieb zwar Sprechblase, die 300-Jahr-Feier der Leipziger Oper ging 1993 jedoch mit einem Premierenreigen und mehreren Uraufführungen über die Bühne. Mit dem aus Zürich nach Leipzig verpflichteten und von Zimmermann auch persönlich unterstützten Ballettchef Uwe Scholz erlebte zudem der Tanz eine Blütezeit.

Weniger glückhaft war Zimmermann in Dirigentenfragen. Er verschliss in seiner Amtszeit wohl ein halbes Dutzend Chefdirigenten. Irgendwann schielte er gen München und Zürich, wurde 1997 zum Aufschwung verheißenden Chef der musica viva am Bayrischen Rundfunk gekürt, die er zu künstlerischen Höhenflügen durchstartete (von 175 Uraufführungen ist die Rede!), und übernahm 2001 als Generalintendant die Deutsche Oper Berlin. All die Jahre visionären Musiktheaters, das ihm stets Musik aus dem Geist des Theaters und Theater aus dem Geist der Musik bedeutete, sie sollten wohl an der Spree gipfeln. Dieser Traum scheiterte sehr rasch im hauptstädtischen Intrigantenstadl – Zimmermann fand sich mit seinem nicht mal halb umgesetzten Konzept rasch auf Charlottenburgs Straßen gesetzt.

Selbst Intimkenner, die beizeiten ein Scheitern in Berlin voraussagten, waren von einem so raschen Sturz überrascht. Doch Zimmermann zauberte selbst aus Krisen noch stets Erfolgsmeldungen und ließ sich in den Medien umgehend als Gründungsintendanten des „Europäischen Zentrums der Künste“ titeln, das er in Hellerau als „Grünen Hügel der Moderne“ zu errichten gedachte. Damit knüpfte der Macher und Feingeist an sein 1986 gegründetes Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik an, das ein anerkannter Hort musikalischer Moderne war und zu Zeiten des Kalten Kriegs als Drehscheibe zwischen Ost- und West fungierte. Bis 2008 leitete Udo Zimmermann dieses alsdann im Festspielhaus Hellerau residierende Institut, drei Jahre später gab er in München die Leitung der musica viva und in Dresden das Amt als Präsident der Sächsischen Akademie der Künste auf. Letzteres hatte er 2008 von seinem Bruder Ingo übernommen.

In all diesen Jahren hat sich Udo Zimmermann seine Freundschaften eher pragmatisch gewählt und viel Energie in Beziehungspflege gesteckt, doch meist im Dienst der Sache. Seit er die Vernetzungen qua Amt nicht mehr braucht, findet er wieder mehr Freiraum zum Komponieren. Ein Cellokonzert wurde von Jan Vogler in der Dresdner Frauenkirche uraufgeführt, momentan wird an einem Stück zum 800-jährigen Bestehen des Kreuzchors gearbeitet. Zu wünschen wäre ihm die Kraft, das lang gehegte Projekt der Oper „Gantenbein“ nach Max Frisch fertigzustellen.

Der Autor arbeitete während Zimmermanns Intendanz als Pressereferent an der Oper Leipzig.