Entzug und Abhängigkeit – Der Dirigent als Tod


(nmz) -
György Ligetis „Aventures“ und „Nouvelles Aventures“ umklammern Mauricio Kagels „Sur Scène“ an der Berliner Staatsoper. Das Konzept des Staatsopern-Hausherrn Jürgen Flimm stellt gerne die Klassiker der Nachkriegsavantgarde in der Werkstatt des Schillertheaters neu zur Diskussion. Nunmehr wurden gut 55 Jahre alte Musiktheater-Arbeiten von Ligeti und Kagel aufgemischt.
15.11.2015 - Von Peter P. Pachl

Am Abend nach den geballten Terroranschlägen von Freitag dem Dreizehnten in Paris, die das Magdeburger Theater veranlasst haben, seine Premiere „Pariser Leben“ durch Rossinis „Stabat Mater“ zu ersetzen, begann die Ligeti-Kagel-Premiere im Schiller-Theater politisch korrekt mit einer Gedenkminute für die Opfer des Vorabends. Weniger political correct wirkte das dann Nachfolgende: Der Dirigent Max Renne, als Tod geschminkt und kostümiert und mit einem Knochen als Dirigentenstab in der Hand, leitete auf der Empore die vier ihm gegenüber disponierten Instrumentalisten der Staatskapelle und die unter ihm, beiderseits von Publikum umgebenen drei SängerdarstellerInnen. Als Urwelt-Bewohner im Nackttrikot suchen Lydia Brotherton, Lena Haselmann und Markus Hollop wortlos nach Lauten, umschweifen das in einem Kristall auf einem Müll-Podest gehütete Urfeuer, mal katzenhaft fauchend, mal in Ui-Lauten keuchend. Aus den Trichtern zweier Megaphone entfachen die Frauen das prometheische Feuer und erfreuen sich an einer neuzeitlichen Fackel, bis der männliche Fackelträger eine der beiden Frauen erwürgt. Ligetis im Jahre 1963 komponierte Phoneme und Wortfragmente, mit Verzicht auf deren semantische Bedeutung, schlagen den Bogen zu Kurt Schwitters und zum Dadaismus.

Für das umfangreiche Interludium, Mauricio Kagels „Sur Scène“, fährt das Gitter zur Seitenbühne hoch, und drei weitere Instrumentalisten betreten die Spielfläche: eine Ente in Uniform, ein Schwein in Nonnentracht und ein Frosch im Arztkittel bespielen die auf drei Bühnenwagen angeordneten Schlagwerke, Klaviere, Harmonium, Cembalo, Xylophon und Glockenspiel. Im anschwellenden Licht von Natrium-Dampf-Lampen nimmt ein Schauspieler in Ayatollah-Maske den Urmenschen ihre animalischen Perücken ab und bekleidet sie mit Stofffetzen. Und er schaltet die Monitore aus, denn für Kagels Partitur benötigt man keinen direkten Dirigenten-Kontakt, wohl aber vorproduzierte Tonbänder. Teils fistelnd, teils in grotesker Dialekt-Färbung und besonders gern mit französischem Idiom rezitiert Felix Theissen Kagels groteske Sammlung von Pressestimmen und (Fehl-)Urteilen zur Neuen Musik, wie „Wer das gehört hat und noch schön findet, dem ist nicht zu helfen!“ In drei Teilen hat Kagel in seine 14 Szenen auch die berühmte Erklärung von Max Reger integriert, er sitze im kleinsten Raum seines Hauses, habe die Kritik noch vor sich – und bald hinter sich. Der Frosch schlägt das Becken mit der bloßen Hand, der Ex-Urmensch haucht das Glockenspiel an und bestaunt die neu erzeugten Klangwelten. Dann setzt er den Bühnenwagen in Schwingung – denn Schwingung ist Musik. Die beiden weiblichen Sängerdarstellerinnen zerfetzen und verzehren die musikologischen Vortragszettel des die Neue Musik im islamistischen Outfit verdammenden Exegeten.

Dessen zunächst scheinbar sinnstiftenden, zusehends aber unsinnigen und abstrusen Erläuterungen lässt er an Beispielen dokumentieren. Der Bass, nunmehr mit Rock und Fez, hantiert mit zwei Metronomen, wird an eine Hundekette gelegt und singt als „junger Meister“ die Anfänge berühmter Opern-Bass-Arien auf jeweils demselben Ton – Rocco, Leporello, Waffenschmied Hans Stadinger und Hunding. Die Frauen agieren mit Donnerblechen, dann errichten sie aus den zwei Megaphonen, aus Tamburin und Triangel, eine Musikmaschine – aber per Einspielung ist eine Collage von Theater-Hustern zu erleben.

Nachdem zwei Bühnentechniker (zu einem kontrastierend eingespielten Beatstück) das zentrale Instrumentarium auf den drei Bühnenwagen abgefahren haben, wird der Raum eingedampft und die Dirigenten-Monitore flammen wieder auf. „Nouvelles Aventures“, erst 1966 in Stuttgart uraufgeführt, korrespondiert als Komposition symmetrisch mit dem ersten Teil des Abends – und so auch in der Inszenierung von Michael Höppner und der Ausstattung von Günter Hans Wolf Lemke: Die drei vormaligen Urmenschen lallen erneut. Nun sind sie gehirnamputierte Zeitgenossen, während der Ayatollah die drei Gehirne auf einer silbernen Schüssel demonstriert. Später werden die elefantös angewachsenen Gehirne in drei Kinderbetten hereingefahren. Die Hausschuhe der drei SolistInnen, in Krankengewändern und mit Kopfverbänden, zieren nun Frosch, Ente und Schwein – bezugnehmend auf die Masken der drei Instrumentalisten im Kagelschen Mittelteil.

Der Dirigent, alias der Tod, steht nun auf der Seite der vier Musiker der Staatskapelle, auf den Monitoren interagieren die drei Solisten direkt mit dem ihnen medial per Kabel verbundenen Dirigenten. Schwarzblenden im Bild sorgen wiederholt für Entzug und damit für die gesteigerte Abhängigkeit der Kranken. Im dritten Teil von Ligetis „Nouvelles Aventures“ trägt der Schauspieler ein Elfenkostüm, das vermutlich Bezug nimmt auf das elfenhafte Gebaren der Urmenschen im Eröffnungsstück. Mit Flügeln am blauen Damenkostüm agiert Theissen wie das „Heimchen am Herd“ der am Ende des 19. Jahrhunderts viel gespielten, gleichnamigen Oper von Carl Goldmark. Ein tonloser Countdown des Dirigenten leitet am Ende des gut anderthalbstündigen, pausenlosen Abends mit einigen Längen zum Black-out.

Und was hat der Rezensent sonst noch erlebt? Die Souffleuse zu meiner Linken war immens darauf bedacht, sich nicht in ihr Textbuch sehen zu lassen; am Ende musste sie dann erst einmal einen Schluck aus ihrer mitgeführten Pulle nehmen (Kagel hätte vermutlich daraus das Wortspiel Soufflage–Suffgelage gemacht) und ein eigens aus dem Rheinland angereister Opernfreund zu meiner Rechten, trug aus Anlass der geballten Abenteuer von Ligeti und Kagel schwarz lackierte Fingernägel. So wurde mir am Ende Alles klar.

  • Weitere Aufführungen: 15., 17., 19., 21., 24. November 2015.

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