Erinnerungen an eine postsozialistische Vergangenheit: Umjubelte „Götterdämmerung“ bei den Bayreuther Festspielen


(nmz) -
Gut zehn Minuten langer, heftiger Beifall mit Füßetrampeln und rhythmischem Klatschen, brandete am Ende der „Götterdämmerung“ für ausgezeichnete sängerische Leistungen und für den Dirigenten Marek Janowski auf. Selbst als Frank Castorf mit seinem kompletten Regieteam vor den Vorhang trat, legte sich der Jubel nicht: geballte Buhs hielten sich mit Bravorufen im Applaus die Waage. Somit ist für die Bayreuther „Ring“-Produktion des Wagner-Jahres 2013 zu konstatieren, dass sie sich letztendlich durchgesetzt hat – wenn auch nicht mit einem so grundlegenden Wechsel der Meinungen wie beim Jahrhundert-„Ring“ in der Inszenierung von Patrice Chéreau.
04.08.2017 - Von Peter P. Pachl

Auch an der „Götterdämmerung“ hat Frank Castorf für die letztmalige Wiederholung, der „Werkstatt Bayreuth“ getreu, deutliche Zeichen seiner Weiterarbeit gesetzt, eine Reihe von Veränderungen angebracht. Spannend, dass er entgegen seinem dekonstruktivistischen Ansatz doch eine Reihe optischer Leitmotive eingeführt hat. Das bezieht sich zwar nicht auf das immer wieder zwischen Kalaschnikow, Messer oder Holzlatte neu definierte Schwert Nothung. Aber eine optische Entsprechung von Brünnhildes Runenzauber hat der Regisseur eingeführt, indem er sie wie Carmen zur Kartendeuterin macht und dies über die unterschiedlichen Räume und Zeiten der Erzählung hinweg, beginnend mit einer Herz-Karte, die sich Brünnhilde am Ende der „Walküre“ auf die Brust legt, als sie die auf den Helden als Erwecker wartet, bis hin zum Wegwerfen ihrer „Runen“-Karten nach Siegfrieds Tod.

Hingegen ist der Wohnwagen als Heimat von Alberich, dann von Mime und damit als ein Erbstück Siegfrieds, überaus vielfältig und auch irritierend eingesetzt, zumal in der „Götterdämmerung“ dieser Wagen als Brünnhildes Behausung definiert ist. Zugleich aber bleibt es Siegfrieds Zuhause und ist somit bei den Gibichungen wieder zu finden, wo sich darin – durch Projektion nach außen verlagert – Gutrune als Siegfrieds Objekt der Begierde umkleidet, jenes Cocktailkeid anlegt, mit dem sie Siegfried dann empfängt. Aber in diesem Wagen hängen auch Brünnhildes Kleidungsstücke. Nach Siegfrieds Abschied von ihr, hatte sie diesen Wohnwagen mittels eines Campingvorhangs um eine Veranda ergänzt. Statt in Gestalt Gunthers tritt Siegfried mit Sonnenbrille und ohne Perücke durch eine Hintertür dieses Wagens auf und wirft Brünnhilde beim Kampf um den „Ring“ als Zeichen ihrer Unterwerfung mehrfach brutal und lautstark an die Außenwände des silbern schimmernden Blechwagens. 

Kurioserweise bespielt Brünnhilde in ihrem Schlussgesang den mit diversen Utensilien von außen zu einem im weitesten Sinne als Pferd deutbaren Kunstobjekt umgestalteten Wohnwagen als ihr Ross Grane, während im szenischen Vorspiel anstelle Granes eine Spielzeugpuppe eingeführt worden war – Projektionsobjekt der Gefühle des kinderlos gebliebenen Paars. Bei Brünnhildes Unterwerfung zeigt die Nahaufahme der Kamera an dieser Puppe dann Siegfrieds Augenwischerei in seinen Zwängen zwischen den beiden Frauen.

Sinnvoll löst Castorf die Zeitrafferfunktion des Zwischenspiels von Siegfrieds Rheinfahrt: sobald Siegfried bei Gunther ankommt, trägt er ein neues Outfit, während er seine Reise, an einen realiter kaum mehr als zwei Meter entfernten Ort, offenbar geträumt hatte; dabei hatte er, auf einer über zwei Aluminiumfässer gebreiteten Bank schlafend und von der Kamera als Negativbild übertragen, brennende Streichhölzer, wie eine Abfolge von Tagen und Nächten, entzündet und in einem Eimer entsorgt.

Wie das Walküren-Oktett am Ende der „Walküre“, tritt Waltraute anachronistisch in Erscheinung, in einem silbernen Kostüm, das einem russischen Ballett zu entstammen scheint, mit Pfeil und Bogen. Dass sie mit ihrem Besuch bei der Schwester dabei Wotans Absicht, den Ring von Brünnhilde zu erlangen, vertritt, wird deutlich durch die übergroße Projektion von Wotans Gesicht; allerdings ist diese Szene merklich bereits als Video vorproduziert, so dass Wotans Reaktionen, insbesondere sein Lachen, wenig mit dem Fluss der Szene zu tun haben; obendrein erscheint der Wotan-Darsteller der „Walküre“, nicht der aus dem „Siegfried“ im Bild, während Letzteres, im Sinne der Continuity, sinnvoll erscheinen würde. 

Insbesondere der zweite Aufzug bringt in Castorfs Version erneut eine Aufarbeitung der postsozialistischen Vergangenheit – zwischen Nachholbedarf an Bananen und Festgenuss mit Kartoffelsalat und Döner: so spielt die Handlung nicht am Rhein, sondern in Ost-Berlin, mit Gunther als dem Besitzer einer „Döner Box“. Eine Isetta, die Hagen seiner Halbschwester Gutrune geschenkt hat, wird bestaunt und beklaut; eine Lippenstift-Botschaft, die Gutrune auf die Fensterscheibe gemalt hatte, wird beim Zickenkrieg von der rivalisierenden Brünnhilde verschmiert.

Die Bevölkerung feiert die Doppelhochzeit Gunther-Brünnhilde und Siegfried-Gutrune berauscht und bekifft als ein Volksfest mit Papierfähnchen der vier Besatzermächte Berlins. Einige Herren kommen bei der offenbar nymphomanen Gutrune voll zum Zuge, andere nutzen den Volksauflauf, indem sie politisierend Poster gegen Hunger und Krise plakatieren. Gunthers Wüten gegen Tisch und Wände mit einer Axt versucht die Musik am Ende des zweiten Aufzugs zu übertönen.

Zu Beginn des dritten Aufzugs bricht der Regisseur im Abschlussjahr die bedeutungsschwere Video-Projektion à la David Lynch mit einer Leiche im Kofferraum des Mercedes: nun zeigt er, wie Patric Seibert (wer sonst?) sich zu spät umzieht, blutig schminkt und als Leiche unter den Wohnwagen kriecht; dann wird er von den Rheintöchtern entdeckt und zum Mercedes, der im „Reingold“ Wotan gehörte, geschleift. Später wird Siegfried mit der Leiche im Kofferraum konfrontiert.

Eine Nische hinter Scherengittern, die im ersten und zweiten Aufzug ein mit immer mehr seltsamen Objekten angefüllter Voodoo-Tempel war, ist im dritten Aufzug zu einem Obdachlosen-Unterschlupf geworden. Die dort plakatierte NPD-Werbung übermalt Siegfried mit einem Anarchismus-Zeichen, andererseits lässt er seinen Frust über die negative Prophezeiung der Rheintöchter an einem der Obdachlosen brutal aus. Seine Meinungsverschiedenheit mit den Rheintöchtern hindert ihn nicht, wie später auch Gunther, ausgiebig mit allen Dreien zu koitieren.  Im schwachen Licht nur einer Natriumdampflampe und eines brennenden Ölfasses ist die Straße rund um die „Döner Box“ auch Ort  der von Hagen ausgelösten Rückerinnerungen Siegfrieds, welcher dann von ihm mit wiederholten Hieben eines Baseballschlägers brutal zu Tode gebracht wird.

Der Trauermarsch Siegfrieds, hier pervertiert zum Video-Triumphmarsch Hagens durch eine Winterlandschaft,  läuft dann allerdings ins Leere – leider auch musikalisch. Marek Janowski überzeugt insgesamt an diesem Abend nicht so stark wie an den beiden vorangegangen. Gern hebt er Streichermomente und Soli im Orchester hervor oder setzt auf punktuelle, kurze Akzente; große musikalische Bögen entstehen aber kaum.

Brünnhildes Schlussgesang, von Catherine Foster ebenso makellos umgesetzt wie zuvor ihre Verzweiflung und Rachegefühle, wird zum großen musikalischen Höhepunkt. So gebührt der Publikumsjubel nach der „Götterdämmerung“ in erster Linie Foster und Stephen Milling, der die Partie des Hagen mit unerschöpflichen Kraftreserven seiner runden, wohltönenden und zu Zwischentönen fähigen Bass-Suada interpretiert. Stefan Vinke gestaltet den „Götterdämmerungs“-Siegfried souverän und überzeugend und so schön und mühelos, wie diese Partie schon lange nicht mehr lange nicht mehr zu hören war. Nachdem der Tenor die ersten hohen Cs extrem lang ausgehalten hat, wandelt er den Rest der Partie zu seinem Heimspiel. 

Als Glücksfall erweist sich auch der in seiner Bühnenpräsenz überzeugende Gunther von Markus Eiche. Als extrovertiert notgeile Ost-Braut wirft sich Allison Oaks für Gutrune ins Rennen. Traumhaft schön gestaltet Marina Prudenskaja die Waltraute; dabei tönt sie ihre ohnehin dunkel timbrierte Stimme oft so stark ab, dass Diphtonge wie Triphtonge klingen. Ungewöhnlich, dass die drei Nornen und die drei Rheintöchter diesmal bis auf je eine Stimme (Alexandra Steiner als Woglinde und Christiane Kohl als 3. Norn) identisch besetzt sind: überzeugende Ensemble-Ergebnisse, dank Stephanie Houtzeel und Wiebke Lehmkuhl. Weniger überzeugend als an den Vorabenden ist Albert Dohmens Alberich, hier in keiner Weise Traum-, sondern Realgestalt. 

Das Festspielorchester, das zum Applaus auch auf der Bühne bejubelt wurde, hat stets sauber intoniert und hat sich, aller insbesondere für Bläser witterungsbedingten Erschwernisse zum Trotz, wacker und überdurchschnittlich wohltönend geschlagen. An Homogenität und Schlagkraft überboten wurde der Klangkörper jedoch im zweiten Aufzug der „Götterdämmerung“ durch den von Eberhard Friedrich wiederum trefflich einstudierten Festspielchor, insbesondere durch dessen Herren. 
Schade, dass die diesjährigen Leistungen im „Ring“ zwar vom Bayerischen Rundfunk als Audio-Mitschnitte überdauern werden, aber nicht auch im Bild festgehalten wurden. Denn das szenische Ergebnis liegt doch deutlich über jenem der vor zwei Jahren bereits durchgeführten Live-Übertragung auf Sky.

Die letzten Aufführungen „Götterdämmerung“: 13., und 28. August 2017.

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