Exchange 2 – Der Saisonauftakt des Neuen Kollektivs München im Ampere


(nmz) -
Hundert Jahre neue Musik – Was nun? Fragte süffisant und aus damals aktuellem Anlass Thema Musik Live, die diskursive Gesprächsreihe des Bayerischen Rundfunks in der Höhle des Löwen direkt vor Ort. In Donaueschingen also. Der Weltzentrale für die ästhetischen Auseinandersetzungen um das Neue in der neuen und neuesten Musik. Ohne dass dabei verbindlich-Ideologisches herauszudestillieren gewesen wäre. Das war 2008. Und die Frage stellt sich heute genau so aktuell.
17.10.2017 - Von Wolf Loeckle

Das Experiment steht im Mittelpunkt, die politische Relevanz, die Einbindung neuer Techniken, Denkmuster, Befreiungsstrategien, das Gemeinschaftliche aller Künste in spartenübergreifender gegenseitiger Befruchtung, die wissenschaftliche Fundierung, die Faszination rein technischer, via Computer gesteuerter, Verfahrensweisen, Fragen der Lautstärke, die sich aus der Perspektive des Publikums durchaus anders darstellen als aus der Sicht der Urheber. Die ihrerseits psychologisch Analysieren – gesellschaftlich wie egozentriert. Und dem Publikum als Wahlmöglichkeit den Ohrstöpsel offerieren.

Doch wer schon im Eingangsbereich zum Münchner Ampere, der partyfreundlichen Experimentierhalle im Verbund mit dem Muffatwerk direkt an der Isar, idyllisch und einmalig zu Füssen des Gasteigkulturzentrums mit seiner Hochkulturdominanz überaus freundlich mit der Formel Viel Spaß begrüßt wird, der stellt all diese Hinterfragerei ein und öffnet sich dem, was kommen soll. Lässt sich verführen zu dem, was ein junges Ensemble höchst engagierter Musiker eminent konzentriert und lustvoll erarbeitet hat – wie sich weisen wird.

An diesem Abend zum Saisonauftakt von NKM – Neues Kollektiv München. Wo das seit ein paar Jahren aufgegriffen und weitergedacht, weitergemacht wird, was die Leute von piano possibile als impossible erleben mussten. Zwar weht ein Hauch von Altachtundsechziger Aura durch den Tempel der auch lautstarken Jugendkultur. Das Flair der guten alten Avantgarde west durch das subkulturelle Ambiente. Befreit freilich von der Pression des Ideologischen.

Freundlich und neugierig und entspannt öffnet sich das Publikum. Lässt sich mitnehmen in strukturell verzahnte Klanglinien, minimalistisch sich verändernde Klangmuster, in das Terrain sanft ansteigender Lautstärken, die gewaltfrei bleiben. Manches ist witzig, humorvoll, unverkrampft. Auch das Gesuchte und nicht Gefundene wurschtelt sich durchs Gestrüpp. Langweilig ist´s an keiner Stelle. Und obwohl auch hier das seit hundert Jahren vertraute Spiel auf der Suche nach dem Neuen im Klangreiz gespielt wird und nicht DAS NEUE plötzlich entdeckt wird, überzeugt die Freude am Vermitteln, das Eintauchen ins rein Musikalische, die körperliche Aktion im Spiel der wechselnden Emotionen – was sich in den Gesichtern der Interpreten wonniglich spiegelt. Das war sinnvoll geplant, dem technischen Aufwand dramaturgisch begegnend. Denn es gibt ja kaum Schlimmeres, als die Umbaupausen bei neuer Musik. Allein das Wort schon. Doch die Leute vom NKM packen das.

Sie bauen ihr Programm so, dass einzig in der Pause eine Veränderung des Aufbaus nötig wird. Es gab Stücke zu hören von Richard Barrett, Lois V Vierk, Michael Maierhof, wassiljew, Klaus K Hübler und Paul Hübner. Mit und ohne Zuspielungen, visuellen wie akustischen. Die einzelnen Stücke waren angemessen knapp formuliert und in der öffentlichen Darbietung frei von Langatmigkeit. Oft genug sind zeitgenössische Komponisten ja so erzählwütig, dass sie kein Ende finden. Das war hier nicht so. Keiner konnte sich von Langatmigkeit übertölpelt fühlen. Das ist der Konzeption und den einzelnen Machern vom Neuen Kollektiv München zu danken. Christoph Reiserer also, dem fulminanten Saxophonisten, dem virtuosen Schlagzeuger Stefan Blum, der hellwachen Pianistin Julia Schölzel und dem Hans-Dampf-in-allen-Gassen und jungen Altmeister der Klangregie Zoro Babel. Der Philosophie von NKM folgend und dem Motto des Abends gab es Gäste, den fulminanten Trompeter wie höchst begabten Junkkomponisten Paul Hübner aus Frankfurt am Main und den 1984 in der damaligen UdSSR geborenen wassiljew, der aus dem Bereich der konzeptuellen, algorithmischen Verfahren heraus agiert. Ohne zu langweilen. Ein knapper, präziser, sinnlicher, letztlich begeisternder Abend.

Das könnte Sie auch interessieren: