Festliches Oratorienspiel zum Jubiläum: „Luther“ in Halle


(nmz) -
Beim zweiten Konzert dieses Auftragswerks der Weltpremiere „Luther“ in der Georg-Friedrich-Händel-Halle nennt Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff das Opernoratorium einen wichtigen Jubiläumsbeitrag der Kulturhauptstadt. Hier ringt das einstige „Land der Frühaufsteher“ im frischen Akzent als „Ursprungsland der Reformation“ um künstlerischen Nachdruck.
25.10.2017 - Von Roland H. Dippel

Etwas von dem Bemühen um repräsentativ Staatstragendes merkt man dieser aufwändigen Gemeinschaftsproduktion des jetzt zehnjährigen Impuls-Festivals und der Staatskapelle Halle an. Wohl deshalb war der Applaus im vollen Saal eher angemessen als begeistert und so manche Honoratioren signalisierten beim Zuhören vor allem Pflichtbewusstsein.

Das Wesentliche kommt aber noch. Für Arthaus wird in den nächsten Wochen der Regisseur Andreas Morell die Tonspur nach der Lichtinstallation auf dem Podium mit einer nachträglichen Verfilmung überhöhen. Also alles aus einem Guss, auf DVD und Blu-ray: Musik als ein Parameter von mehreren, die künstlerische und didaktische Mehrfachverwertung wie bei einer Fernsehserie mit historischem Verifizierungsprädikat und ein für die Selbstdarstellung lange nutzbares Prestigeprodukt – guter Gedanke.

Ein guter Gedanke ist es auch, in der Händelstadt an die Form von dessen populären Oratorien mit ihren Ebenen von Historie, Heilsbotschaft und Moral anzuknüpfen. Christoph Hein (geb. 1934), der belletristische Realist deutscher Verhältnisse, hat ein pointiertes und facettenreiches Textbuch geschrieben. In acht Szenen von „Rom und Wittenberg 1517“ bis „Reichstag, Speyer 1529“ bündelt er signifikante Lebensstationen Martin Luthers und wölbt mit der Figur eines Sopran-Engels (Josephine Renelt) den sakralen Bogen über das sinnfällig aus der reformatorischen Faktenfülle konzentrierte Geschehen. Nicht nur bei der Aufteilung der geflüchteten Nonnen an ihre selbstbestimmten Bräutigame vor Luthers Trauung mit Katharina von Bora zeigt Christoph Hein dichterischen Pragmatismus und wohldosierten Humor. Luthers Auseinandersetzung mit dem Revolutionär Thomas Müntzer (trefflich markant und rau: Gerd Vogel) beim Ausbruch der Bauernkriege hat neben der dialogischen Stoßkraft auch eine thematische ins Heute. Die Parade der historischen Figuren von Kardinal Cajetan über Kaiser Karl V. und Papst Leo X. gewinnt durch die musikalische Gestaltung. Dieses kompakte, in nur 90 Minuten kurzweilige und abwechslungsreiche Geschichtspanorama wäre gut als Oper vorstellbar. Aber dieser Werkplan kontrastiert kräftig zu den offenen Musiktheatermanifestationen der Oper Halle und der Impuls-Uraufführung „Spiel im Sand“ vor zwei Wochen.

Der französisch-argentinische Komponist Oscar Strasnoy (geb. 1970) mag, nach eigenem Bekunden, Konventionen und geht mit diesem Text in einer für ihn ungewohnten Sprache sehr wirkungsorientiert um. Das kann ein starker Vorteil sein, gerade bei einem für deutschstämmige Künstler derart gehaltsintensiven Sujet und Anlass. Strasnoy, dessen Oper „Le Bal“ nach dem Filmsujet auch als ästhetisches Programm lesbar ist, findet gut ausbalancierte musikalische Bögen und Klammern für das Sujet. Das ist sicher interessierter und ehrlicher als das Bemühen im Vorfeld, dem Oratorienprotagonisten Luther ein eher lockeres Image zu verpassen. Jeder Szene ordnet Strasnoy eine andere musikalische Quelle als sinnhaftes Basement zu. Eine Luther-Hommage ohne Bach-Choräle scheint ihm unmöglich: „Das sind die heiligen zehn Gebot‘“, „Ein feste Burg“.

Mit mehr Hysterie als diplomatischem Schmieröl

In Rücksprache mit Christoph Hein wünschte sich Strasnoy eine bunt-barock, fast trashige Vokalbesetzung. Der Countertenor-Papst tönt wie aus dem Wolkenkuckucksheim der „Carmina burana“ (Johannes Euler mit mehr Hysterie als diplomatischem Schmieröl) und Kardinal Cajetan wird zum Hosenmezzo mit Belcantoqualitäten, deren Tessitur eigentlich schon ein weiblicher Cantus firmus ist (je tiefer, umso besser: Nadja Steinhardt). Tradiert im Sinne des romantisch geprägten Musikdramas sind andere Figuren: Ein Wagner-Heldenbariton als Kaiser Karl V. (fachbewährt: Ralf Lukas), ein frisch-munteres Mezzo-Liebchen als Katharina von Bora (Henriette Gödde), ein (jugendlicher) Heldentenor als predigender Reformer mit Licht und Schatten. Michael Pflumms Strahlen kennt man aus dem „Lied von der Erde“ in Jena und seinem glutvollen Zandonai-Romeo aus Braunschweig. Doch als Luther zeigt er mehr Mäßigung und Zurückhaltung. Es bleibt ungewiss, ob diese Wirkung so beabsichtigt ist: Sein eigentlich alle Expressionen durchmessender Zentralpart bleibt staubtrocken, als sei Pflumm in diesem Reformationspanorama ein eigentlich nicht vorgesehener lebensmüder Doktor Faust, vor der mephistophelischen Verjüngungskur.

Szenisches Arrangement klemmt

Das könnte sicher alles viel eloquenter, virtuoser, prächtiger, kontrastverliebter klingen und geht wenig hinaus über die etwas müde illustrierenden Farbprojektionen mit vage mystischem Lila, mattem Blau und sterilem Weiß. Das szenische Arrangement klemmt bei den Aufstellungen der Figuren auf dem Podium. Die Soli sind noch nicht frei in ihren Parts und legen den Akzent deshalb auf oratorienhafte Distanz, wo Oscar Strasnoy aus seiner Partitur reichlich kantables und oft sehr schönes Sängerstroh in die musikalische Futterkrippe schüttet. Da gab es merkbar wenig Probenzeit. Die intensive Vorbereitung des Ernst-Senff-Chors Berlin durch Steffen Schubert zahlt sich dagegen mustergültig aus. Die kleinen Soli, die stellenweise madrigalartigen Perioden und ihre wellenförmige Balance mit dem Orchester machen klar, dass sich Oscar Strasnoy auch im Chor gestaltungsstarke Interpreten wünschte.

Opernkapellmeister Michael Wendeberg hatte die ehrenvolle und dabei schwierige Aufgabe dieser Uraufführung. Er tut das einzig Richtige und setzt auf die außerordentliche Qualität von Oscar Strasnoys Instrumentation: Jeder Perspektivenwechsel, auch innerhalb der Szenen, hat im Fluss ein anderes Flair. Keine Klanggruppe dominiert über längere Einheiten. Solistisch Instrumente gehen immer wieder neuartig glasierende, weiche Bindungen ein, mit denen Strasnoy sein Opernoratorium letztlich doch vor der Monumentalität schützen kann. Ein weiche Decke von Klängen gegen den kantigen Repräsentationsanlass. Die Staatskapelle Halle will ihm dabei nur bedingt folgen, aber das täuscht vielleicht.

Martin Luther als musikalische Bühnenfigur? Ja und Ja und Ja! Mit Daniel Pacittis Oratorium „Wir sind Bettler“ in Berlin und Wittenberg, gleich zwei Stücken für Kinder in Leipzig, dem Opernmusical „Katharina von Bora“ der Sächsischen Bläserphilharmonie Bad Lausick und einige Jahre nach der neoromantischen Oper Roland Baumgartners am Theater Hof: Es gibt viel Nachdenken über Martin L. im Musiktheater. Schade ist nur, dass man in Halle nach der Festaufführung dem Härtetest ausweicht, ob Oscar Strasnoys und Christoph Heins aufwändiges und populär gedachtes Oratorium die Reformationskernzone tatsächlich erreicht.


INFO: LUTHER - EIN ORATORIUM (Uraufführung) von Christoph Hein (Libretto) und Oscar Strasnoy (Komposition) im 2. Sinfoniekonzert der Staatskapelle Halle / IMPULS-Festivals 2017 – Initiatoren: Manon Bursian (Vorstand der Kunststiftung Sachsen-Anhalt), Torsten Boennhoff (Geschäftsführer Arthaus Musik), Claudia Brinker (Orchesterdirektorin der Staatskapelle Halle), Michael Wendeberg (1. Kapellmeister der Oper Halle), Oscar Strasnoy (Komposition), Christoph Hein (Libretto), Andreas Morell (Regisseur Licht).

Sonntag, 22. Oktober 2017 um 11.00 Uhr  und Montag, 23. Oktober 2017 um 19.30 Uhr - Georg-Friedrich-Händel HALLE

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