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Moderiert die Treffen der Initiative kulturelle Integration: Olaf Zimmermann. Foto: Deutscher Kulturrat
Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Foto: Deutscher Kulturrat
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Fünf Fragen an Olaf Zimmermann (Deutscher Kulturrat)

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nmz.de hat den Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, zur „Mutter aller Probleme“, das „Stöckchenspringen“, der Wirkung der „Initiative Kulturelle Integration“, #wirsindmehr und den Zusammenhang zwischen schulischer Bildung und Rechtsextremismus befragt.

nmz.de: Kultur lebt vom Pluralismus, vom Durchdringen verschiedenster Erfahrungen, die Menschen jeweils mitbringen. Egal, ob sie aus dem Emsland kommen oder aus Kirgistan – es handelt sich um permanente Migrationsvorgänge. Nun hat der noch amtierende Bundesinnenminister Horst Seehofer gesagt, „Migration sei die Mutter aller Probleme“. Sie, Herr Zimmermann, sagen: Das ist falsch. Wer, meinen Sie, ist der Vater dieses Seehofer-„Gedankens“? Und wer also ist der Großvater aller Probleme?

Olaf Zimmermann: Ich habe gesagt, diese Aussage ist falsch. Punkt. Mehr gibt es dazu nun wirklich nicht zu sagen.

nmz.de: Sie sagen in einem ihrer Kulturrats-Newsletter, dass man nicht über jedes Stöckchen springen muss, was einem hingehalten wird. Doch momentan sieht es so aus, als laufe man über einen Stöckchen-Parcours wie nach einem Sturm. Soll man also den Weg meiden (und schweigen), einen anderen gehen oder – wenn schon nicht springen – die Stöckchen beiseiteräumen, an den Wegrand legen – oder taugt die Stöckchen-Metapher vielleicht auch gar nicht?

Olaf Zimmermann: Ob schweigen eine sinnvolle Alternative ist, ist zumindest zweifelhaft, wenn ein Journalist gerade Fragen stellt.

nmz.de: Sie haben die sogenannte „Initiative Kulturelle Integration“ mitinitiiert, moderiert und schließlich vor anderthalb Jahren schon in Thesenform vorgelegt, auch der Bundeskanzlerin. Beteiligt waren zahlreiche zivilgesellschaftliche Institutionen von Religionsvertretern über Arbeiterorganisationen bis zu Medien. Zu den Initiatoren gehörte auch das Ministerium des Innern unter Thomas de Maiziere. Dazu ein paar Fragen: Haben diese Thesen Horst Seehofer als Nachfolger von Thomas de Maiziere nie erreicht (körperlich oder mental)? Welche Wirkung hat die Initiative überhaupt entfaltet (selbst in den Medien ist einer Moderatorin wie Anne Will der „Deutsche Kulturrat“ anscheinend völlig unbekannt)?

Olaf Zimmermann: Frage 1: Ob die Thesen den Minister selbst erreicht haben, weiß ich nicht, sein Haus hat sie miterarbeitet und steht nach Aussagen des zuständigen Staatssekretärs auch heute dazu.

Frage 2: Alleine in dieser Woche führen wir zwei öffentliche Veranstaltungen der Initiative durch.

Frage 3: Wenn eine Journalistin der ARD den Spitzenverband der Bundeskulturverbände nicht kennt, in dem u.a. auch die ARD Mitglied ist, ist das eher das Problem dieser Journalistin und sollte ihren Auftraggeber, die ARD, zum Nachdenken bringen.

nmz.de: Sie haben das Pop-Rock-Konzert in Chemnitz vom 31. August unter dem Motto #wirsindmehr als Engagement sehr begrüßt. Gleichwohl wurde die Veranstaltung von Annegret Kamp-Karrenbauer (der Generalsekretärin der CDU) oder von Dr. Marc J. (AfD, MdB) kritisiert. Als Kulturrat, was raten Sie den beiden und was raten Sie den Kulturschaffenden überhaupt. Müssten die Kulturträger, die ja übrigens nicht selten auch (Wirtschafts-)Konkurrenten sind, nicht vielmehr die demokratische Flagge hochhalten – auch an anderen Orten und zu jeder Zeit? Welchen Eindruck macht die Kulturlandschaft und -aktivität in Deutschland auf Sie? Kultur ist ja nicht nur Eintracht sondern auch Streit! Oder?

Olaf Zimmermann: Das #wirsindmehr Konzert war ein richtiges Signal zur richtigen Zeit. Zum Glück schauen Künstler eben nicht nur auf ihren Verdienst, sondern sehen auch ihre gesellschaftliche Verantwortung.

nmz.de: Wenn man einmal den Blick nach Sachsen wendet, ein Bundesland, das ja gewissermaßen ins „Visier“ der Demokratiebewahrung geraten ist, so wirft ein Bericht in Sachen Bildung alles andere als Probleme auf. Man kann da in einer dpa-Meldung lesen: „In der Bildung kann seit Jahren kein anderes Bundesland dem Freistaat den Rang ablaufen. Zuletzt landete Sachsen beim Bildungsmonitor 2018 zum 13. Mal in Folge auf Platz 1. Besonders stark sind die Schulen in den Kategorien Förderinfrastruktur und Vermeidung von Bildungsarmut. Auch Kinder mit Migrationshintergrund schaffen immer häufiger das Abitur, das in Sachsen nach 12 Schuljahren abgelegt wird. An den allgemeinbildenden Schulen hatten von den 367.000 Schülern im Schuljahr 2017/18 knapp 35.000 einen Migrationshintergrund. Das waren fast dreimal so viele wie im Schuljahr 2009/10.“ Wie geht das zusammen, wenn man zugleich liest: „Sachsen hat ein Problem mit Rechtsextremen, ihre Zahl bewegt sich seit Jahren auf hohem Niveau. Für 2017 geht der Verfassungsschutz von 2600 Rechtsextremen im Freistaat aus (deutschlandweit: 25.000).“ Gibt es da einen unheimlichen Zusammenhang zwischen Bildung und Rechtsextremismus, den man übersehen hat?

Olaf Zimmermann: Es geht eben nicht nur um die klassischen Schulfächer, sondern um mehr politische und kulturelle Bildung. Zu viel Elite ist genauso gefährlich, wie zu viel Dummheit.


  • Die Fragen formulierte Martin Hufner (nmz.de)

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