„Galakonzerte sind wirklich eine Herausforderung für mich“ – Kristine Opolais im Gespräch


(nmz) -
Kristine Opolais gehört zu den weltweit gefragtesten Sopranistinnen. In der Silvestergala im Festspielhaus Baden-Baden singt sie Arien von Giacomo Puccini, Antonín Dvorák, Giuseppe Verdi und Arrigo Boito. Georg Rudiger hat sich mit der 39-jährigen Lettin unterhalten über musikalische Freiheit, ihre Trennung von Ehemann Andris Nelsons und den Zusammenhang zwischen Stimme und Stimmung.
31.12.2018 - Von Georg Rudiger

Georg Rudiger: Mit der Silvestergala werden Sie ins Festspielhaus Baden-Baden zurückkehren, wo Sie bei den Osterfestspielen 2017 mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle Ihr Debüt gaben. Welche Erinnerungen haben Sie an jene „Tosca“ und an diesen Ort?

Kristine Opolais: Es war für mich wirklich eine Ehre, bei dieser Produktion dabei zu sein. Mit solch einem Orchester und diesem großartigen Dirigenten eine meiner Lieblingsrollen in Baden-Baden zu singen, gehört bisher zu meinen stärksten musikalischen Erfahrungen. Auch das Festspielhaus hat eine besondere Energie.

Georg Rudiger: Sie singen alle tragische Partien von Puccini. Die meisten dieser Frauen sterben auf der Bühne – auch Mimì, von der Sie in Baden-Baden das Duett mit Rodolfo „O soava fanciulla“ singen. Warum faszinieren Sie diese Charaktere?

Kristine Opolais: Faszinierend ist wirklich das richtige Wort dafür. Ich bin verliebt in Puccini – er kennt mich sehr gut (lacht). Die Musik von Puccini bedeutet für mich absolute Freiheit. Dabei ist der große Orchesterklang durchaus herausfordernd. Damit meine ich nicht „La Bohème“ oder „La Rondine“, sondern „Manon Lescaut“, „Tosca“ oder „La Fanciulla del West“ – das ist eine der Partien, die ich zukünftig singen werde. Puccinis Musik ist sehr leidenschaftlich. Die Frauen, die er musikalisch charakterisiert, haben sehr viel erlebt. Man braucht für Puccini auch einen Dirigenten, der dir vertraut. In dieser Musik lässt sich nichts fixieren. Ich hasse sowieso alles, was mit Kontrolle zu tun hat. Sobald ich das Gefühl habe, jemand lässt mir keine Freiheit, dann gehe ich. Auch meine musikalische Ausbildung in Riga habe ich nicht zu Ende geführt, weil ich mich an diesem Ort nicht weiterentwickelte. Ein starres System tötet jede Kunst und jede Persönlichkeit.

Georg Rudiger: Die letzten Wochen haben Sie in New York City verbracht und an der Metropolitan Opera in Puccinis „Suor Angelica“ gesungen. Ist die Stadt Ihre zweite Heimat?

Kristine Opolais: Ich habe seit 2013 wirklich viel in New York gesungen – manches Mal war ich pro Saison fast drei Monate dort. Ich mag die Stadt und auch das Publikum sehr. Ein Jahr bin ich jetzt dort nicht mehr aufgetreten, weil ich auch insgesamt weniger gesungen und mich auf mein Privatleben konzentriert habe. Jetzt kam ich wieder zurück und habe viele positive Reaktionen bekommen – von der Presse, vom Publikum, aber auch von den Mitarbeitern der MET.

Georg Rudiger: Sie sind in Lettland geboren und begannen Ihre Karriere als Opernsängerin im Opernhaus von Riga. Was bedeutet Ihre Heimat für Ihr Leben und Ihre Persönlichkeit?

Kristine Opolais: Die ersten beiden Jahre im Opernhaus von Riga war ich im Chor, wollte aber schon damals Solistin werden. Ich saß immer in den Solistenproben und habe dabei vor allem darauf geachtet, wie die Sängerinnen und Sänger ihre Rolle gespielt haben. Mein Traum war es nämlich, Filmschauspielerin zu werden – leider wurde der Traum bis heute noch nicht erfüllt (lacht). Aber das Singen mit dem Darstellerischen zu verbinden, war mir damals schon sehr wichtig. Die ganzen großen Sopranpartien habe ich in Riga erstmals gesungen – Lady Macbeth von Mzensk, Senta, Aida, Tosca, alles im Alter von 27 Jahren. So ich war ich gut vorbereitet für die internationale Karriere.

Georg Rudiger: Der damalige musikalische Leiter der Oper in Riga war Andris Nelsons. Welchen Einfluss hatte er auf Ihre musikalische Entwicklung?

Kristine Opolais: Ich kannte Andris schon zwei Jahre, bevor er musikalischer Direktor im Opernhaus Riga wurde. Er hat mich aber nicht besonders gefördert oder gepusht – darüber bin ich sehr froh. Ich wollte immer mein eigenes Ding machen. Es war eher der Intendant der Oper, der mich sehr schätzte und mir als Regisseur die Rollen gab. Einige dieser Produktionen dirigierte Andris, aber bei weitem nicht alle. Es waren drei von zehn, glaube ich. Unsere erste Zusammenarbeit am Haus war „La Bohème“. Andris ist auch ein großer Puccini-Fan und hat eine enorme Begabung für diese Musik. Wir hatten die gleiche Wellenlänge. Später habe ich noch „Madame Butterfly“ und „Tosca“ unter seiner musikalischen Leitung in Riga gesungen.

Georg Rudiger: Sie heirateten 2011 und haben eine gemeinsame Tochter. In diesem Frühjahr ließen sie sich scheiden, werden aber auch im neuen Jahr in Boston und Leipzig viel zusammenarbeiten. Das ist ungewöhnlich, oder?

Kristine Opolais: Zunächst einmal haben wir eine gemeinsame Tochter – das bedeutet viel! Wir sind eine Familie, wenn wir uns treffen. Was die musikalische Zusammenarbeit angeht, führen wir die Projekte durch, die wir langfristig geplant haben. Wir sind die gleichen Musiker geblieben und fühlen uns wohl miteinander. Auch seine Orchester, das Gewandorchester Leipzig und das Boston Symphony Orchester, mögen mich – und ich mag sie ebenfalls. Ob wir auch zukünftig viel zusammenarbeiten werden, weiß ich nicht. Er ist ja mit den beiden Orchestern vor allem ein symphonischer Dirigent und macht viele Konzerttourneen. Mein Schwerpunkt ist aber die Oper. Unser Privatleben ist nun vorbei. Wir versuchen aber, unsere Tochter glücklich zu machen. Und natürlich ist es immer eine Freude, mit ihm zu arbeiten, weil er ein großartiger Musiker ist.

Georg Rudiger: Im Deutschen hat das Wort Stimme und Stimmung die gleiche Wurzel. Reagieren Sie mit der Stimme auf persönliche Gefühle?

Kristine Opolais: Absolut. Ich kann gar nicht singen ohne echte Emotionen. Der Klang, den ich mit meiner Stimme produziere, ist durch meine Gefühle erst möglich. Eine schöne Stimme allein bedeutet für mich noch nichts. Wenn ich singe, öffne ich meine Seele – meinen Schmerz, meine Freude, meine Ängste. Ich rege mich auf, wenn Kritiker eine Interpretation rein technisch beurteilen. Ein hoher Ton ist viel mehr als ein möglichst perfekter, gut gestützter Klang. Ohne Emotion ist er nichts. Stimme und Stimmung gehören ganz eng zusammen.

Georg Rudiger: Sie sind nicht nur bekannt geworden wegen Ihrer Stimme, sondern auch wegen Ihrer packenden darstellerischen Interpretationen. Als wir uns vor zwei Jahren in Baden-Baden trafen, sagten Sie mir, Sie können nicht auf der Bühne sein, ohne eine Rolle zu spielen. Beim Galakonzert an Silvester steht auch das „Lied an den Mond“ aus Antonín Dvoráks Oper „Rusalka“ auf dem Programm. Diese Szene haben Sie in der Inszenierung von Martin Kusej an der Bayerischen Staatsoper 2012 mit enormer darstellerischer Präsenz im Wasser gesungen. Wie gestalten Sie das konzertant in Baden-Baden?

Kristine Opolais: Galakonzerte sind wirklich eine Herausforderung für mich. Aber auch hier geht es mir nicht nur um die Musik, sondern ich versuche, für diesen Moment die jeweilige Rolle zu verkörpern. Schwierig ist dann der schnelle Wechsel zwischen den verschiedenen Charakteren. Meine Konzerte sind Miniopern. Deshalb mag ich lange Arien oder größere Duette, in denen man auch etwas über die Figuren erzählen kann. Wir singen ja noch ein Duett aus der letzten Szene von „Rusalka“. Dvoráks Musik ist mir ganz nah. Wenn ich Puccini singe, dann habe ich das Gefühl, mein Blut beginnt zu kochen. „Rusalka“ spüre ich tief im Herzen und in meinem Atem. Auch die Arie „L’altra notte“ aus „Mefistofele“ trifft mich emotional.

Georg Rudiger: Ihr Partner auf der Bühne des Festspielhauses Baden-Baden ist der Tenor Pavel Cernoch. Was mögen Sie an ihm?

Kristine Opolais: Wir haben 2007 in Riga zusammen in „La Traviata“ debütiert. Seit damals kennen und mögen wir uns. Wir telefonieren nicht jeden Tag miteinander, aber wissen schon, was in unserem Leben gerade vorgeht. Wenn ich mit ihm die Musik Dvoráks singe – er ist ja Tscheche wie der Komponist – dann ist das natürlich etwas ganz Vertrautes. Und das Duett „Oh! Qual pallor! …voi qui“ aus „La Traviata“ erinnert uns natürlich an unsere erste gemeinsame Oper in Riga. Auch die Dirigentin Oksana Lyniv kennen wir sehr gut – es wird also auch ein sehr persönlicher Abend.

Georg Rudiger: Es gibt zwei Arten, Silvester zu feiern. Die einen möchten eine große Party. Die anderen mögen es eher ruhig und werden auch ein wenig melancholisch, wenn das alte Jahr zu Ende geht und ein neues beginnt. Zu welcher Gruppe gehören Sie?

Kristine Opolais: Ich hatte bisher noch nichts von diesen beiden Gruppen gehört (lacht). In Baden-Baden gibt es vielleicht nach dem Konzert, das ja schon früh beginnt, einen kleinen Empfang. Danach, glaube ich, würde ich eher auf die laute Party gehen und auch gerne tanzen (lacht). Es gab viele Veränderungen in meinem Leben, aber ich habe neue Pläne und viel Energie.

Georg Rudiger: Was ist Ihr Wunsch für 2019?

Kristine Opolais: Der wichtigste Wunsch ist, dass mein einziges Kind, meine wunderbare Tochter, glücklich und gesund ist. Wenn es ihr gut geht, dann bin ich die stärkste Person in der Welt.


  • Silvester-Gala mit Kristine Opolais (Sopran) und Pavel Cernoch (Tenor), Deutsche Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Leitung: Oksana Lyniv. 31. Dezember 2018, 16 Uhr, Festspielhaus Baden-Baden. Karten unter www.festspielhaus.de oder tel. unter 072 21/30 13-101