Großes Gurgeln für die Restauration


(nmz) -
Christoph Marthaler lässt Rossinis „Viaggio a Reims“ in Zürich stranden, meint Frieder Reininghaus.
09.12.2015 - Von Frieder Reininghaus

Zuletzt, Anfang November 2012, präsentierte Christoph Marthaler am Züricher Opernhaus mit „Sale“ ein für seine Denk- und Arbeitsweise charakteristisches Pasticcio-Projekt: Zwei Dutzend Musikstücke von Georg Friedrich Händel – neu montiert und mit einem Text von E.A. Poe versehen sowie mit der Installation eines Kaufhauses. In dem lebte die Familie der Besitzer ihre Kommunikationsprobleme und Ticks aus. Mit „Sale“ entfalteten sich genaue Charakterstudien und subtil kritische Potentiale. Nun hat Marthaler wieder „richtig“ Oper inszeniert: Eine überdrehte Rossini-Buffa aus dem Jahr 1825 mit einer riesigen Sänger-Besetzung, uraufgeführt anlässlich der Krönung des französischen Königs Charles X im Pariser Théàtre Italien: „Il viaggio a Reims“ – eine Reise von Schönen, Reichen und halbwegs Prominenten zu den Krönungsfeierlichkeiten eben jenes Karls X., die in einem ziemlich trostlosen lothringischen Kaff westlich des Vogesenkamms scheitert.

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Wer zunächst noch fehlte, war der Kapellmeister. Vielleicht blieb auch er im elenden Stau der potentiellen Weihnachtsmarktbesucher auf dem Züricher Westring stecken. Der Chor überbrückte die Zeit: Kurgäste, auch ihr Pflege- und Bodenpersonal, fanden sich en bloc ein und warteten mit Eierbechern und -löffeln in den Händen. Sie klöppelten eine Schlagzeug-Improvisation auf ihren Frühstückseiern in den frühen Abend. Gerahmt wurden sie von der Gastlichkeit eines Thermalbads in der ostfranzösischen Provinz. Einschlägiges Mobiliar und medizinisches Gerät, ein Badebassin linker Hand und eine Empore mit Gerümpel waren in Wartestellung gebracht worden.

Anna Viebrock hat Madame Corteses Badehotel „Zur goldenen Lilie“ in Plombières-les-Bains nachbearbeitet: Innenarchitektur und Möblierung aus der Zeit um 1990 diente als Ausgangsbasis. Ästhetisch signifikanter wäre gewesen, wenn die Ausstatterin im verelendeten Contrexeville Augenmaß genommen hätte. Oder gar im Schwefelbad von Vernet-les-Bains (aber das liegt am Ende der Welt in den Pyrenäen und könnte einem Film über die DDR der 60er Jahre ungeschminkt als Kulisse dienen). Die Architektur- und Spießergeschmackskritikkomponente des Duos Marthaler/Viebrock fällt diesmal also eher milde aus. Nicht einsichtig werden die Auswahl- sowie Anordnungskriterien für die großen Portraitfotos von Ludwig Erhard, Elizabeth II. und weniger markanten Köpfen. Wollen sie alle nach Reims? Auch als Staats- und Zaungäste zur Krönung des quer durch alle Bevölkerungsschichten verhassten Ultraroyalisten Charles X? Zum Schulterschluss mit jenem politischen Taugenichts, den fünf Jahre nach Rossinis heiterer Huldigung die Juli-Revolution ins englische Exil fegte?

Bevor man Fragen wie diesen gründlicher nachsinnen kann, kommt Daniele Rustioni doch noch des Wegs und greift in die Vollen. Der Dirigent kurbelt Gioacchino Rossinis Brio nach besten Kräften an. Er lässt bei allem Willen zur Quirligkeit den SolosängerInnen den nötigen Luftraum zum Gurgeln und Quinquilieren ihrer Kadenzen und Girlanden: Mehr als ein Dutzend anspruchsvoller Partien entfaltet Turbulenz und sorgt dafür, dass die Protagonisten sich selbst feiern können. Die modebewusste Gräfin Folleville muss sich mit dem Verlust einer relevanten Lieferung Modeschnickschnack abfinden. Der nicht unbedingt vertrauenerweckende Arzt Dr. Prudenzio, ein musiktheoriebesessener deutscher Baron, ein von Grandezza verblendeter spanischer Admiral und der in die Sängerin Corinna verliebte Lord Sidney treten in sängerische Idealkonkurrenz. Der russische Tenor-General Liebenskof – Javier Camarena mit Hoch- und Nachdruck sowie spezifischem Schmelz – sowie der brillant parlandogewaltige Scott Conner als italienisch-literarische Plaudertasche treiben die disparate Handlung voran (in sprachlicher Hinsicht Heimvorteil!). Letzterer punktet, indem er die mehr oder minder schmeichelhaften Nationaleigenschaften der verschiedenen Herren im Schnelldurchgang zusammenfasst. Liebevoll nimmt sich die Regie der allwaltenden kleinen Peinlichkeiten beim Anbahnen der Paarungen an – z.B. des Kratzens an den Waden oder des Fehltritts ins Durchschreitebecken vorm Schwefelwasserpool.

Die Herrschaften auf der Bühne stürzen sich in gemeinsame Reisevorbereitungen, verehren und begehren, scheuen auch Intrigen um die Gunst einer Dame nicht. Aus deren insgesamt vorzüglicher Riege sticht Rosa Feola als Corinna mit austrainiertem luzidem Sopran hervor: Welch Funkeln der Kaskaden! Aber auch die anderen entledigen sich der virtuosen Aufgaben fast durchweg so gekonnt wie gegebenenfalls der national-patriotischen oder komischen Pflichten – z.B. mit ausgeziertem Hymnengesang. Eine absurde Einlage (auf Französisch) erinnert an einen König, den ein besonders treuer Untertan umbringen will, weil der Obertan ihn bis ins Schlafzimmer verfolgt. Ein Ballett elektronisch gesteuerter Teppichkehrmaschinen überbrückt gleichfalls die quälenden Wartezeiten. Denn die Abreise selbst scheitert: In der ganzen Umgebung sind keine Pferde aufzutreiben. Marthaler lässt Trümmerteile eines Flugzeugs hereintragen und die Kennziffern der Spurensicherung aufstellen – in Erinnerung daran, dass auch in neueren Zeiten gelegentlich Reisen scheitern (und sei es wegen des unkontrollierten Gemütszustands von Piloten). Trotz vieler meisterhafter szenischer Aperçus und ironischer Brechungen bleibt der Kommentar zur Reise nach Reims fast durchgängig einer schlicht narrativen Opernerzählweise verhaftet.

So ergibt sich ein gut goutierbarer Opernabend, der aber an die subtile Schärfe einer Produktion wie „Sale“ oder gar an die grandiosen Momente von „The unanswered question“ und „20th Century Blues“ kaum heranreicht. Um dies zu bewerkstelligen, müsste sich die Regie womöglich auf die so ungemütliche Frage einlassen, ob es bei den großen Pendelschlägen im französischen Seelenhaushalt gewisse Parallelitäten zwischen dem ultrareaktionären Intermezzo des Charles X und der neuen Präferenz für den Front National gibt. Ironisch vorgeglühte Textmasse findet sich in Luigi Balacchis Libretto durchaus. Sie wäre zu nutzen gewesen.

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