Hans Werner Henzes Salzburg-Erfolg „L'Upupa“ kommt nach Dresden


(nmz) -
In Dresden dürften sich Freude modernen Musiktheaters derzeit nicht beklagen: Die Sächsische Staatsoper bringt nach Manfred Trojahns „Grande Magia“, Othmar Schoecks „Penthesilea“ und Paul Hindemiths „Cardillac“ am 1. Juni das 2003 zu den Salzburger Festspielen uraufgeführte Lustspiel „L'Upupa und der Triumph der Sohnesliebe“ von Hans Werner Henze heraus. Der 1926 in Gütersloh geborene Komponist, der seit mehr als einem halben Jahrhundert in der Nähe von Rom zu Hause ist, sprach vor seinem neuerlichen Dresden-Besuch mit Michael Ernst über Reminiszenzen an diese Stadt und über sein Schaffen.
31.05.2009 - Von Michael Ernst

Allmählich entwickelt sich Dresden, wo Ihre Musik 1962 erstmals erklang und fünf  Jahre später die DDR-Erstaufführung Ihrer Oper „Der junge Lord“ herausgekommen war, zu einer zwar kleinen, aber festen Größe für Hans Werner Henze. Überrascht Sie das?
Hans Werner Henze: „L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe“ ist zwar ein Lustspiel, aber nur im Sinne des deutschen Lustspiels von Lessing, Kotzebue oder Kleist im frühen 19. Jahrhundert.
Die kleine Größe, von der Sie sprechen, macht mich stolz und dankbar.

Welche Erinnerungen haben Sie an diese Stadt, wo Ihre Werke beizeiten von Philharmonie und Staatskapelle, aber auch von Ballett- und Opernensemble gepflegt wurden und werden?
Erinnerungen an freundliche, begabte und hochzivilisierte Menschen und Kunstfreunde.

Insbesondere die im Februar 2006 in der Frauenkirche aufgeführte 9. Sinfonie, zu der Hans-Ulrich Treichel Motive aus Anna Seghers’ „Das siebte Kreuz“ verwandte, scheint sich bekenntnishaft in Dresdens, ja in Deutschlands Geschichte zu fügen?
Meine 9. Sinfonie hat etwas Autobiografisches; ich habe die Tragödie Dresdens im Jahre 1945 mit starkem Mitgefühl und großer Bewunderung für die Bürger dieser Stadt miterlebt. Zu diesen Gefühlen gehörte auch eine Art nationaler Trauer.

Auch in Leipzig gab es Interesse an Ihrer Kunst und engagierte Förderer Ihrer Musik?
In Leipzig hat es einige sehr gute Aufführungen meiner Musik gegeben, wie ich mich wohl erinnere. Gerade vor kurzem noch gab es dort eine Uraufführung von mir, „Elogium musicum“ für Chor und Orchester. Der neue Chefdirigent, Riccardo Chailly, hat mir die Freude gemacht, das Stück mit großem Engagement einem kunstbegeisterten Publikum vorzuführen. 

Im Gegensatz zu vielen anderen Zeitgenossen hatten Sie Unterstützer schon beizeiten nicht nötig, sondern waren sehr früh ein gefragter Komponist. Hat dies Ihre enorme Schöpferkraft zusätzlich gefördert? Oder bot sich „nur“ das Glück, dem Kreativen freien Lauf zu lassen?
Für mich ist es das höchste Glück, Verständnis und Sympathie zu erfahren, ganz einfach, um nicht isoliert und ratlos vor sich selbst zu stehen.

Inzwischen hatten Sie mehrfach eine Oper als Ihre letzte angekündigt. Wie ernst war das gemeint?
Mit der Ankündigung einer neuen Theaterarbeit hat man gehofft, sich selber eine gewisse Erleichterung zu verursachen,

Fällt es schwer, solche Ankündigungen zu widerrufen? Oder übertönt der innere Schaffensdrang die Frage nach der eigenen Glaubwürdigkeit?
Wie ein innerer (oder auch äußerlicher) Schaffensdrang übertönt der Wunsch, mich nicht zu langweilen. Ich denke nicht, dass mein Verhalten deswegen Symptome von Unglaubwürdigkeit bedeutet.

Ihre Werke wurden, die Semperoper beweist es erneut, beizeiten nachgespielt und zählen längst mit zum Repertoire. Auch dies ein Gegensatz zu vielen Kollegen – wird heute zu wenig für die neue Musik getan oder ist das ein normaler Kristallisationsprozess?
Es kann ja sogar vorkommen, dass ein großer Meister wie Alban Berg ein halbes Jahrhundert vergehen lassen musste, bevor sein Werk die ihm gebührende Anerkennung erfahren durfte.
Manchem Kritiker gelten Sie bis heute als Vertreter einer „gemäßigten“ Moderne, wie gehen Sie mit derartigen Klassifizierungen um? 
Es  ist falsch und irrtümlich, mich als Vertreter der einen oder anderen Denkschule zu sehen. Deswegen hege ich auch keinerlei Umgang mit Klassifizierungen, weder mit guten noch mit unbequemen.

Sie haben in der vergangenen Zeit heftige persönliche Attacken hinnehmen müssen: 2005 ein Infarkt, 2007 der Tod Ihres langjährigen Lebensgefährten, Anfang 2009 die vermeintlichen Beweise einer NSDAP-Mitgliedschaft. Wie steckt ein vom Erfolg verwöhnter Künstler derartige Einschnitte weg, hilft da „Abtauchen“ oder eher die „Flucht“ in Produktivität?
Ja.

Dann eben noch einige Worte zu „L’Upupa“ – wie kam es zu diesem arabisch angehauchten deutschen Lustspiel, wie wurde es in Salzburg aufgenommen und was erhoffen Sie von der bevorstehenden Umsetzung durch Nikolaus Lehnhoff?
Wie man weiß, und wie besonders ich weiß, durfte und darf „L’Upupa“ seit seiner Uraufführung in Salzburg einen großen Publikumserfolg sein eigen nennen. Zu Lehnhoff habe ich großes Vertrauen; vor einigen Jahren erst hat er mein Erstlingswerk „Boulevard Solitude“ in einer glänzenden und berührenden Façon in London, Genua und Barcelona herausgebracht. Ich freue mich, die Aufführung seiner Lesart meines deutschen Lustspiels kennen zu lernen.
 

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