Heftig gefeiert – Aribert Reimanns „Medea“ am Aalto-Theater Essen


(nmz) -
Unser Autor Christoph Schulte im Walde kommt begeistert vom Besuch von Aribert Reimanns Oper „Medea“ am Aalto-Theater Essen zurück. Da schien alles gut ineinander gegriffen zu haben. Herausragend: Claudia Barainsky in der Rolle der Medea. Kay Links Essener Inszenierung werde bleibende Aufmerksamkeit auf sich ziehen, meint unser Autor.
26.03.2019 - Von Christoph Schulte im Walde

Aribert Reimann hat es wie nur wenige andere zeitgenössische Komponisten geschafft, mit seinem Oeuvre für das Musiktheater über Jahre hinweg und bis heute auf der Bühne präsent zu sein. Dem Schicksal, nach der jeweiligen Uraufführung wieder in der Schublade zu verschwinden, sind viele seiner Opern glücklicherweise entronnen. „King Lear“ von 1978 etwa gehört schon fast zum Kernrepertoire. Und Reimanns vor neun Jahren in Wien herausgebrachte „Medea“ wurde kurz danach in der Oper Frankfurt am Main nachgespielt, ging 2012 nach Tokio und erfuhr vor zwei Jahren am Ort der Uraufführung ihre Wiederaufnahme. Jetzt wurde am Essener Aalto-Theater eine Neuinszenierung von Kay Link vom Publikum heftig gefeiert.

Medeas Rache ist grausam: erst tötet sie hinterlistig ihre Nebenbuhlerin, Jasons alte Jugendliebe Kreusa. Dann sind ihre eigenen Kinder an der Reihe, die Medea buchstäblich über die Klinge springen lässt. Sicher nicht leichtfertig. Denn Medea ist in Aribert Reimanns Oper kein Monster, sondern eine Frau mit zutiefst menschlichen Gefühlen und reich an negativen Erfahrungen der Ausgegrenztheit, der Verletztheit, der enttäuschten, ja verratenen Liebe.

Dies alles spürt man in den rund 150 Minuten auf der Bühne des Aalto-Theaters, die allen Beteiligten, dem Orchester, den Solisten und schließlich auch dem anwesenden Aribert Reimann nach der Premiere einen wahren Beifallssturm einbrachten.

Regisseur Kay Link und sein Ausstatter Frank Albert finden für Reimanns (sich an Franz Grillparzers Drama orientierende) „Medea“ starke Bilder, die in ihrer Klarheit der Essenz der antiken Sage nachspüren und diese unmittelbar direkt erzählen. Ihren Fokus richten sie ganz auf die handelnden Personen – in einem Bühnenbild, das kühl und sachlich wirkt, zu Beginn sogar ein leeres Areal präsentiert. Nur Medea und eine schwarze Kiste, in der sie ihre Zaubersachen verstaut. Kurz darauf wird eine Drehbühne nach vorn geschoben: Kreons Palast, ein Betonbau mit vielen Treppen, viel Glas und Stahl. Gleich wird klar, dass ungezügelte Emotionen hier keinen Platz haben. Sie gehören eingesperrt in die Raubtiergrube, die der König sich angelegt hat. Menschen wie Medea können hier nicht heimisch werden, jedwede Form von Assimilation ist unmöglich.

Ein sehr heutiger Konflikt

Es ist ein sehr heutiger Konflikt, aufgeladen mit viel zwischenmenschlicher Psychologie, aber auch sozialen Ausgrenzungsmechanismen: Medea ist und bleibt „die fremde Zauberin“, ihr Gatte Jason dagegen outet sich als Opportunist, der lieber bei Kreon sein Fell rettet. Eine ausweglose Konstellation. Die Emotionen peitschen hoch, die Lage eskaliert.

Bis dahin ist die Bühne erfüllt von allem, was das Ende einer Liebe zur Qual machen kann: Ohnmächtig muss Medea zusehen, wie der Mann, für den sie alles getan hat - vielleicht sogar gemordet - sich von ihr entfernt und eine Zukunft für sich in einer ihr feindlich gesinnten Welt aufbauen will. Doch Jason will nun aus Kalkül Kreons Tochter ehelichen - und Medea ihre eigenen Kinder nehmen. So ungeheuerlich dieser Plan, so ungeheuerlich muss ihre Rache sein.

Claudia Barainsky überragend

Eine schier übermenschliche Aufgabe für Claudia Barainsky in der Titelrolle. Sie durchlebt die Hölle mit jeder Faser ihres Körpers und sämtlichen Bestandteilen ihres Stimmapparates. Barainsky ist unangefochten der Star dieser Inszenierung. Ihre nicht nur stimmtechnisch, sondern vor allem auch mental strapaziöse Rolle hatte sie bereits vor neun Jahren studiert und bei der Deutschen Erstaufführung der Oper 2010 in Frankfurt am Main bravourös ausgefüllt, später dann auch in der Wiederaufnahme in Wien. Nun also ein weiteres Mal in Essen.

An ihrer Seite ist ein Ensemble zu sehen und zu hören, das Reimanns Werk auf hohem Niveau umsetzt und ihm alle gebotene Sorgfalt angedeihen lässt. Marie-Helen Joël als Amme Gora kennt Medea genau und sagt düster prophetisch voraus, was diese tun wird. Rainer Maria Röhr singt mit befehlsgewohntem Tenor den König Kreon - ein rational geprägter Machtmensch. Liliana de Sousa ist seine Tochter Kreusa. So sicher ist sie davon überzeugt, eine gemeinsame Zukunft mit Jason zu haben, dass sie alle Warnzeichen ignoriert. De Sousas wunderbar beweglicher Mezzo verbindet sich ganz ausgezeichnet mit Barainskys Sopran im musikalisch ungemein berührenden Duett im ersten Bild: zwei Frauen treffen aufeinander, die um der Liebe willen alles richtig machen möchten.

Aufhorchen lässt Countertenor Hagen Matzeit als Herold, der stimmlich so intensiv Mordanklage gegen Medea und Jason erhebt, dass man sie nicht beiseite wischen kann. Sebastian Noack verströmt als Jason mit seinem schönen Bariton weitestgehend selbstgefälliges Phlegma – ideal für diese Rolle!

Großen Applaus vom Publikum und vom Komponisten höchstpersönlich bekommen die Essener Philharmoniker und deren 1. Kapellmeister Robert Jindra. Vom ersten Moment an schaffen sie eine nie abreißende Spannung, setzen den packenden Bildern auf der Bühne kraftvolle akustische Tableaus entgegen, geprägt von einer enormen dynamischen Bandbreite. Die reicht von extrem aufgefächerten Streichern in oft hoher Lage bis zu martialischem Blech und Schlagwerk. Bis die Musik zum Schluss, wenn alle Kämpfe gekämpft sind, in einem extremen Spaltklang geradezu im Boden versinkt und in höchste Höhen diffundiert – großartig!

Kay Links Essener Inszenierung wird bleibende Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

  • Weitere Termine: 28. März, 6., 11., 17. April, 10. Mai

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