Hier lebt kein Gott: Webers „Freischütz“ am Theater Regensburg


(nmz) -
In einer suggestiv-plakativen Deutung haben Regisseur Matthias Reichwald und sein Ausstatter Alexandre Corazzola den „Freischütz“ in Regensburg auf die Bühne gebracht. Chor und Ensemble überzeugten, aus dem Graben kam leider wenig Unterstützung. Juan Martin Koch berichtet.
12.05.2019 - Von Juan Martin Koch

Webers „Freischütz“ in einer Nachkriegssituation zu erzählen, ist keine neue Idee, aber die Konsequenz, mit der Regisseur Matthias Reichwald dies in Regensburg tut, ist durchaus bemerkenswert. Ob es nun – wie im Libretto vorgesehen – der Dreißigjährige Krieg ist, der da gerade zu Ende gegangen ist, oder der Zweite Weltkrieg – wie Teile der Ausstattung (Alexandre Corazzola) und die Filmzuspielungen suggerieren –, spielt da keine entscheidende Rolle.

Sicher ist: In dieser traumatisierten Gesellschaft „lebt kein Gott“, das Fragezeichen aus Max’ Arie kann man getrost streichen. Stattdessen beherrscht ein weiblicher Samiel als schwarzgeflügelter Todesengel die Szenerie. Andine Pfrepper übernimmt in wechselnden, stets dämonisch-dominahaften Kostümen zum einen manche Teile des stark gekürzten Sprechtexts, rezitiert aber auch aus Schillers „Wallenstein“, Eichendorffs „Einsiedler“ oder aus Regensburger Kriegschroniken.

Nicht nur Kaspar und Max sind Puppen, deren Teufelspakt von ihr gesteuert wird, am Ende ist auch der Eremit nur eine ihrer Marionetten und Max muss sein Probejahr als Soldat absolvieren. Das wird also nicht gut ausgehen, der nächste Krieg kommt bestimmt…

Diese ebenso suggestive wie plakative Deutung, deren Verfremdungseffekt durch die Samiel-Conferencière sich mit der Zeit etwas abnutzt, wurde von dem gut aufgelegten Chor (einstudiert von Alistair Lilley) und dem ausgezeichneten Ensemble engagiert verkörpert: Deniz Yilmaz stattete den Max, neben virilem Kern und zuverlässiger Höhe, mit einer Spur weicher italianità aus, Seymur Karimov brillierte als Kaspar mit differenzierter Durchschlagskraft und gefährlicher Geschmeidigkeit. Sara-Maria Saalmann stahl mit ihrem natürlichen, vokal perfekt kontrollierten Ännchen der Agathe Theodora Vargas ein wenig die Schau. Die Arie im zweiten Aufzug gestaltete sie mit ihrer großen stimmlichen Bandbreite überzeugend, bei der Kavatine im dritten hatte sie, wohl auch bedingt durch die anfängliche Bühnenposition, Probleme beim Kontakt mit dem Graben.

Leider hatten GMD Chin-Chao Lin und das Philharmonische Orchester keinen guten Abend erwischt. Webers dramatisches Feuer köchelte auf Sparflamme, es fehlte an Tiefenschärfe und an Mut, die wegweisenden Klangfarben mit aller Deutlichkeit herauszuarbeiten. Schade.

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