Humperdinck-Amalganisierung – Mitterers „Schneewittchen“ an der Staatsoper Unter den Linden Berlin


(nmz) -
Zwerge haben derzeit in Berlin Hochkonjunktur: der bevorstehenden Premiere von Alexander Zemlinskys „Der Zwerg“ an der Deutschen Oper ging am vergangenen Sonntag derselbe Wilde-Stoff als Pantomime von Franz Schreker, „Der Geburtstag der Infantin“ im Konzert der Berliner Symphoniker in der UdK voraus, und nun wurde in der Staatsoper mit einer von Wolfgang Mitterer spielbar gemachten Version von Engelbert Humperdincks unvollendetem Liederspiel-Projekt „Schneewittchen“ Premiere gefeiert. Peter P. Pachl berichtet.
14.03.2019 - Von Peter P. Pachl

Mit E-Piano, Kontrabass, Percussion und Elektronik hat der österreichische Komponist Wolfgang Mitterer das Fragment Engelbert Humperdincks aus dem Jahre 1888 übermalt und als Pasticcio mit Musik aus anderen Opern Humperdincks ergänzt.

Das Programmheft der Reihe „Junge Staatsoper“ führt 23 Namen des hauseigenen Kinderchores als Zwerge und Waldgeister auf; aber es bleibt dann doch bei sieben Zwergen, ergänzt um vier käferartige Waldgeister, die gemeinsam die aus Humperdincks Torso erhaltenen Zwergenlieder (EHWV 91.2) trefflich mehrstimmig intonieren. Überhaupt liegt bei der von Constanze Albert und Gail Skrela inszenierten Produktion, wie so häufig bei Kinderopern, der besondere Reiz in der Mitwirkung der Kinder selbst – um so mehr, wenn diese, wie hier, auch mit Breakdance, auf-den-Händen-Laufen und Einhand-Radschlag aufwarten können.

Im Claudia Noacks Treppauf- und-Treppab-Bühnenbild mit Schattenriss-Tafel zur Erzählung der Vorgeschichte des schönen Schneewittchens, bewegen sich die vier von Ingrid Leibezeder liebevoll und pretiös kostümierten Solisten. Witzig die Dialogfassung von Gerhard Dienstbier nach dem Libretto von Humperdincks Schwester Adelheid Wette, in dem sich die Zwerge als Berg-Ingenieure bezeichnen und dem Prinzen empfehlen, sich einen anderen Vornamen als „Horst“ zuzulegen. Bei ihrem Schlummerlied kämmen sich die Zwerge ihre Bärte. In dieser Bühnenadaption des Märchens der Brüder Grimm wird Schneewittchen nicht durch den Sturz des geschüttelten gläsernen Sarges erlöst, sondern beim Tanz des nekrophilen Prinzen spuckt die Leblose den vergifteten grünen Apfelbissen aus.

Neben atmosphärischer Elektronik hat Mitterer die – noch vor der Liederspielfassung von „Hänsel und Gretel“ für Klavierbegleitung konzipierte – Musik durch Adaption aus anderen Humperdinck-Opern erweitert: die böse Königin singt mit neuem Text die Solonummer der Hexe aus „Hänsel und Gretel“, und die Titelrolle intoniert das ebenfalls umgetextete Gebet der Gänsemarkt aus der Oper „Königskinder“ neben der original erhaltenen Komposition „Schneewittchens Waldlied“ (EHWV 91.1). Durchaus rollendeckend singt und spielt Álfheiður Erla Guðmundsdóttir – mit bleichem Teint und schwarzen Haaren (wenn auch sonst nicht dem im Volksmund die Gestalt klassifizierenden Schneewittchen-Reim entsprechend) – die Titelpartie.

Mit Angela-Merkel-Geste und Mut zu hässlichen Grimassen gestaltet Olivia Stahn die böse Königin, und als Stimme des Spiegels, der in vokalen Verzerrungen der Boshaftigkeit der Königin in Nichts nachsteht, ist Sven-Eric Bechtolf zu erleben.

Zachary Wilson als der von der Königin multipel eingesetzte männliche Partner forciert als Jäger Rupert und klingt als Königssohn dann etwas überanstrengt; aber seine tenorale Stimme mischt sich im Duett der (in zwei Versionen erhaltenen) Schluss-Nummer gut mit der Stimme der Sopranistin. Auch Constanze Jader als Bänkelsängerin der Vorgeschichte und gar nicht so böse Kammerzofe Emma muss sich am Ende, wie die Königin selbst, in glühenden Schuhen zu Tode tanzen (Choreographie: Gail Skrela). Damit siegt dann „Für alle Tapferen ab sechs Jahren“ nach exakt einer Stunde Aufführungsdauer das Gute.

Die von Vinzenz Weissenburger einstudierten Kinderchor-Mitglieder machen die Aufführung unter der musikalischen Leitung von Symeon Ioannidis zu einem besonderen Erlebnis. Die Premiere der „Kinderoper für vier Singstimmen und sieben Zwerge“ im alten Orchesterprobensaal der Staatsoper Unter den Linden wurde bei der Premiere mit Lachen und mit viel Zuspruch aufgenommen.

Der Besuch der zahlreichen Nachfolge-Vorstellungen, soweit diese nicht bereits im Vorhinein ausverkauft sind, ist zu empfehlen.

  • Weitere Aufführungen: 14., 15., 16., 17., 19., 21., 22., 23, 24., 26., 28., 29., 30., 31. März, 2., 4., 5., 6. und 7. April 2019.

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