Im Ritual erstarrt oder die Schönheit des Häßlichen – Peter Sellars und Teodor Currentzis mit Mozarts „Idomeneo“ bei den Salzburger Festspielen


(nmz) -
Mozarts Opern gehören nach Salzburg. Sie sind wie der „Jedermann“ oder die Musik von Richard Strauss auch in die DNA der Salzburger Festspiele eingeschrieben. Das kleine Festspielhaus wurde sogar im Jubiläumsjahr 2006 als „Haus für Mozart“ wiedereröffnet. Im gleichen Jahr gab es hier sämtliche Mozart-Opern. Joachim Lange berichtet.
04.08.2019 - Von Joachim Lange

Aber auch in der Felsenreitschule kann man die Musik des Salzburger Hausgottes so zelebrieren, dass sich der Klang an die Wände anschmiegt und leuchtet. Die Musiker des Freiburger Barockorchesters haben das gerade vorgemacht. Und haben dabei sogar mit den Temperamentsausbrüchen und den vom Körper bis zum Fingerspiel durchchoreographierten Dirigat von Teodor Currentzis mitgehalten. Manchmal auch dessen gefürchteter und aus dem Ruder laufender Individualität, ihre Professionalität hinzugefügt bzw. zur Verfügung gestellt.

Was der Grieche mit der russischen Berufsvergangenheit hier bot, war eine Show, mit der er sich glatt einen zweiten Vornamen hätte verdienen können: Teodor Amadeus Currentzis. Aber nicht im Sinne einer Interpretation, die an den Noten klebt und sie exekutiert, sondern eine, die der uns lieb gewordenen Vorstellung eines sich manchmal außer Rand und Band gebärdenden Ausnahmegenies wie in der berühmten Miloš Forman Verfilmung von Peter Shaffers „Amadeus“- Stück nahekommt.

Nun steht der 1781 in München uraufgeführte „Idomeneo“ des damals 25jährigen nicht gerade der Spitze die Hitliste seiner Hauptwerke, führt diese Gruppe aber chronologisch an. Er hatte vorher schon ein Dutzend Opern geschrieben – bei Mozart gelten halt andere Maßstäbe, was das Früh- und das Spätwerk betrifft.

Teodor Amadeus Currentzis

In der Programmdramaturgie der Festspiele ergibt es durchaus Sinn, nach Jahrgängen mit dem DaPonte-Zyklus oder der Zauberflöte, seiner späten Oper „La clemenza di Tito“ vor zwei Jahren, jetzt den „Idomeneo“ vom anderen Ende der Zeitskala gegenüberzustellen und dafür auch noch das gleiche Gespann für die Regie und am Pult (damals mit dem Permer Orchester des Dirigenten) zu verpflichten.

Auch diesmal mit Eingriffen in die Musik. Beim „Idomeneo“ sind die Secco-Rezitative fast komplett gestrichen, das eingesetzte Hammerklavier ist mit seinem klimpernden Anschlag gewöhnungsbedürftig (besonders im Kontrast zu den geradezu himmlischen Freiburger Bläsern). Das Bass-Solo „Ihr Kinder des Staubes“ aus „Thamos, König in Ägypten“ KV 345, das David Steffens singt und das sich als Akzentuierung der Katastrophe, die über Kreta hereinbricht, als der König versucht, sich aus der Falle seines Schwures zu mogeln, fügt sich inhaltlich gut ein. Auch das an den Schluss gesetzte Ballett (KV 367) als Ausdruck der Utopie eines Neuanfangs passt durchaus und ist mit seinem Charisma geeignet, den Jubel des Publikums anzuheizen. Die Choreografie des fernen Fremden, die Brittne Mahealani Fuimaono und Arikitau Tentau als Bild einer möglichen Utopie zelebrieren, wirkt trotz ihrer Fremdartigkeit überzeugend. Und das trotz des laut zwischen die Musik knallendem Aufklatschen der Hände auf die Lederschürze beim Zeremonietanz, den der Choreograf Lemi Ponifasio seiner Heimat Samoa entlehnt hat. Das ist jedenfalls origineller als die Chorrituale, die zwar sehr sichtbar unmittelbar der Musik folgen, aber über eine Illustration nicht hinauskommen. 

Die leuchtenden, aus dem Boden auffahrenden, wahlweise Meeresblau oder Wutrot leuchtenden Röhreninstallationen von George Tsypin, mit denen Peter Sellars jeden konkreten Raum umgeht bzw. der Aura der Felsenreitschule nicht in die Quere kommt (was kein Nachteil ist), erinnern an deren Vorgängerarbeit in Salzburg. Diesmal kommen Elemente hinzu, die eine stilisierte Variante von Plastikmüll in den Weltmeeren sein könnten. Als Neptun in Wut gerät und sich gegen Idomeneo so empört, wie es heute die Natur gegen die Willkür der Menschen macht bzw. wie es zum Spitzenthema der politischen Debatten geworden ist (und auch die Eröffnungsreden der Festspiele, von denen auch Peter Sellars eine hielt), dann schweben diese Elemente unter einer in den Bühnennebel projizierten Wasseroberfläche. Ein eindrucksvolles Bild, das in seiner Stilisierung als Schönheit des Hässlichen im Gedächtnis bleibt. Die Kostüme von Robby Duiveman hingegen illustrieren vor allem den Willen zur politischen Korrektheit. Bis hin zu der unvermeidlichen Quote von Uniformen für die Machthaber und Kopftüchern fürs hoffende Volk im Schlussbild. Auch der Pyjama-Look, der die Gruppen von Einheimischen und begnadigten Gefangenen nicht wirklich unterscheidet, bleibt ziemlich dürftig.

Als Regisseur ist Sellars weniger darauf aus, wirklich Musiktheater zu machen, als Rituale zu illustrieren und zu arrangieren. (Da war das konzertante Divenduell von Anna Netrebko und Anita Rachvelishvili in der „Adriana Lecouvreur“ Vorstellung dichter am Theatralischen, als die Inszenierung von Sellars.)

Hinter all den Chor-Ritualen und den Auf- und Abmärschen des von Vitaly Polonsky fabelhaft einstudierten musicAeterna Chor of Perm Opera versteckt sich die ja eigentlich dramatische Handlung zu oft. Wer das Stück kennt ist eindeutig im Vorteil. Dass der aus dem Krieg heimkehrende König mit dem Meeresgott einen Kuhhandel nach dem Motto „Rettung gegen Menschenopfer“ abgeschlossen hat, wird unterstellt. Idamante wiederum geht ziemlich gelassen sowohl mit seiner Opferrolle als auch mit der Rettung aus heiterem Himmel um. 

Fluch- und Wutarie der Elettra von Nicole Chevalier: Höhepunkt des Abends

Immerhin folgt Sellars Mozarts geschickter Brechung eines ja immer trügerischen lieto fine durch den fulminanten Auftritt der Elettra, die hier den Preis für das „Ende gut, alles gut“ bezahlt! Nicole Chevalier, die in dieser Rolle ohnehin deutlich über dem Niveau des übrigen Ensembles singt und spielt, macht aus der großen Fluch- und Wutarie der Elettra den Höhepunkt des Abends! Das ist ein (am Ende auch sie selbst) umwerfendes Kabinettstück von ersungener Emotion auf der Bühne, wie sie dort an diesem Abend ansonsten nicht vorkam!

Am nächsten kam ihr noch Ying Fang mit ihrer präzisen und höhensicher lyrischen Ilja. Paula Murrihy als Idamante macht ihre Sache solide, erreicht aber nicht den Glanz, den man in Salzburg wohl zu recht in einer Mozartproduktion hören möchte. Die Männer Russell Thomas (Idomeneo), Levy Sekgapane (Arbace), Issachah Savage (Gran Secerdote) und Jonathan Lemalu (der La Voce auch den Neptun persönlich auf der Bühne verkörpert) erreichten das Niveau nur ansatzweise und trübten den Gesamteindruck des Abends, der am Ende dann doch gegen einige selbstgestellte Fallen ankommend, musikalisch mitriss. Der Regie bescherte nicht die Premiere auch einige Buhs.

Im Vorgespräch zur Inszenierung sprach Currentzis von einer Einladung des Regisseurs in dessen „spirituelle Praxis“. Das trifft es. Zum Glück waren das wunderbare Orchester und er selbst näher am musikalischen Genie Mozarts dran. Bei Amadeus eben. So herum gesehen konnte es sogar die selbstgemachte Dirigierchoreographie des exzentrischen Griechen meistens mit der Bühne aufnehmen.

  • Premiere: 27. Juli 2019. Weitere Vorstellungen: 2., 6., 9., 12., 15., 19. August 2019

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