„Im Spiegel der Angst“ – Uraufführung von Müller-Hornbachs Luther-Oratorium in Mainz


(nmz) -
„Angst trennt nicht mehr die Einzelnen, sondern verbindet sie im Ganzen“ ist ein markanter Satz aus der schon 2014 erschienenen Studie „Gesellschaft der Angst“ des Berliner Soziologen Heinz Bude. Als Gerhard Müller-Hornbach zum Reformationsjubiläum 2017 einen Kompositionsauftrag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau bekam, entschied sich der Frankfurter Komponist für ein oratorisches Werk, dass die Angst des Reformators Martin Luther in den Blick nimmt und das Publikum einlädt, sich „Im Spiegel der Angst“ – so der Titel – nicht nur selbst zu erkennen, sondern auch von da aus weiter zu schreiten „auf der Suche nach Entängstigung“ – so der Untertitel. Die Landeskirche allerdings reagierte verängstigt und verschob 2017 die Uraufführung um ein Jahr.
29.10.2018 - Von Andreas Hauff

Ein Jahr später ist es nun doch so weit, und in der gut besuchten Mainzer Christuskirche haben sich das von Müller-Hornbach schon 1982 gegründete Mutare Ensemble und der Bachchor Mainz unter dessen Leiter Ralf Otto zur Uraufführung zusammengefunden. Vieles aus der 2017 abgefeierten Reformationsdekade der evangelischen Kirche dürfte inzwischen vergessen sein; Müller-Hornbachs Oratorium „Im Spiegel der Angst“ aber könnte als zeitgemäße Form der Auseinandersetzung Bestand haben. Den dramaturgischen roten Faden bilden fünf wichtige Etappen aus Luthers Biographie. Teil 1 führt vom legendären Gewitter-Erlebnis über den Eintritt ins Kloster bis zur existentiellen Angst des Augustinermönchs, die er durch das Bewusstsein von einem gnädigen Gott überwindet. Teil 2 fokussiert sich auf die berühmte Szene am Rande des Wormser Reichstags, bei der Luther vor dem Kaiser den Widerruf seiner Schriften verweigert. Teil 3 kontrastiert seine mutige, aber ambivalente Vorstellung von der Freiheit eines Christenmenschen mit seinem heftigen Aufruf gegen die aufständischen Bauern. Teil 4 konfrontiert uns mit seinen Hasstiraden gegen Türken und Juden. Teil 5 zeigt den alternden Reformator, der die Angst vor dem Tod überwindet. Zitiert wird neben Psalm 46 („Ein feste Burg“) aus Luthers Schriften, seinen Tischreden und vor allem seinen Liedtexten.

Disposition

Ein Solo-Bariton, eindringlich gestaltet von Hans Christoph Begemann, verkörpert den Reformator. Doch seine Partie ist eng verwoben mit dem achtstimmig gesetzten Chor. „Die Stimme des einzelnen wird zur Stimme der Vielen“, sagt der Komponist.dazu. Begleitet, gestützt, aber auch bedrängt wird „Luther“ durch das ihm beigesellte „Ensemble 3“ aus 15 Instrumentalsolisten, bestehend aus je einem Holzbläser- und einem Blechbläserquartett, Streichquintett und Schlagzeug. Die ganze große Gruppe hat ihren Platz in der Mitte des Chorraums. Eine wesentliche literarische, dramaturgische und inhaltliche Bereicherung erfährt das Werk durch die zwei Seitenchöre. Links spielt als „Ensemble 1“ eine leicht orientalisierend wirkende Besetzung aus Blockflöte, Gitarre, Kontrabass und Schlagwerk mit der Sopranistin Maren Schwier, rechts als „Ensemble 2“ eine folkloristisch gefärbte Gruppe mit Akkordeon, Streichtrio und dem Tenor Christian Rathgeber. Für „Ensemble 1“ hat Müller-Hornbach kommentierende und kontrastierende Texte von Khalil Gibran, Hannah Arendt und Erich Fried vertont, für „Ensemble 2“ Texte von Ingeborg Bachmann, Henrik Ibsen und Fernando Pessoa. Die Übergänge zwischen den verschiedenen Gruppen sind mal fließend, mal klar konturiert. Den dramaturgischen Höhepunkt bildet der Dialog zwischen Ensemble 1 und 2, bei dem Luthers beängstigen Hasstiraden gegen Türken und Juden Auszüge der Ringparabel aus Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ gegenüber gestellt werden. In den gemeinsamen Schluss der drei Ensembles sind noch einmal Worte von Epikur und Gibran über den Tod eingeblendet.

Obwohl Müller-Hornbach als Studierender über seinen Kompositionslehrer Hans-Ulrich Engelmann (1911-2011) früh mit den „Darmstädter“ Ideen und Konzepten in Berührung kam, zählt er zu seinen Vorbildern eher Olivier Messiaen, György Ligeti, Giacinto Scelsi und Morton Feldman – Komponisten also, denen bei aller Unterschiedlichkeit das Hineinhören in den Klang wichtiger ist als ein kompositorisches System. Seine Musik lädt den Hörer erst zum Aufhorchen ein, und dann zum gespannten Zuhören. So auch hier von Beginn an. Von dem im Textbuch abgedruckten Luther-Choral „Nun freut euch lieben Christen g‘mein“ ist kein Wort zu verstehen. Stattdessen steigern sich Chor und Orchester in eine geräuschhafte und dissonierende Attacke, gegen die das Bariton-Solo mit dem vorerst erlösenden Satz „Hilf du, Sankt Anna, ich will ein Mönch werden“ kaum ankommt. Maßgebend für den Komponisten ist die Choralzeile „Die Angst mich zu verzweifeln trieb“. Immer wieder durchzieht das gedehnte, überdeutlich artikulierte Wort „A-ng-ssstt“ die Chorpartie. Dem traditionellen protestantischen Hörer-Reflex, sich in vertraute Choral-Melodien fallen zu lassen, entzieht dieses Verfahren den Boden. Entängstigung und Gottvertrauen werden hier nicht geschenkt, sondern singend, spielend, hörend langsam erworben. Erst am Ende, als der sterbende Luther sich in Gottes Willen fügt, klingt mehrmals eine Liedzeile aus dem Choral „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“ versöhnlich in das nun zarter gewordene musikalische Gewebe hinein.

Immer wieder hat Luther zu kämpfen, mit sich, mit Gott, mit der Welt, aber er ist dabei nicht allein – zumindest im Nachhinein. Der erste Zuspruch kommt vom „Ensemble 2“ rechts. Christian Rathgebers Tenor artikuliert deutlich und klar Worte aus Ingeborg Bachmanns „Monolog des Fürsten Myschkin“. Wenig später singt Maren Schwier Khalil Gibrans Satz „Wenn es eine Angst ist, die ihr verjagen wollt, ist der Sitz dieser Furcht in eurem Herzen und nicht in der Hand des Gefürchteten.“ Dabei umspielt die Blockflöte die Singstimme freundlich nach orientalischer Weise. Doch Luthers Horizont verdüstert sich wieder, der Tumult im Chorraum wächst, und mit dem hasserfüllten Aufruf gegen die aufrührerischen Bauern reduziert sich auch die zuvor ausdrucksvolle Melodik der Baritonstimme auf wenige harte Floskeln. Begemanns Körperhaltung wirkt dabei wie gepanzert. Müller-Hornbachs präziser schriftlicher Werk-Kommentar beschreibt Luthers Geisteshaltung hier aus doppelter Perspektive von innen und außen: „Angst vor dem Wirken des Satans in der Zerstörung der gottgebenen Weltordnung durch die Revolution – fehlendes Vertrauen dahinein, dass Gleichheit auch im Diesseits möglich sein könnte.“ Werkimmanent lässt der Komponist den Pastor und Bürgerrechtler Martin Luther King sprechen: Hass resultiert aus Angst, die wiederum aus Unkenntnis, die aus fehlender Kommunikation, und letztere aus dem Voneinander-Getrennt-Sein. Die Sätze sind aktuell angesichts einer gesellschaftlichen Polarisierung, in der – um nochmals Heinz Bude zu zitieren – jeweils „die Angst ums Eigene sofort die Angst der Anderen provoziert.“

Lange wurde Luther als nationalprotestantischer Heros verklärt; jetzt wäre es leicht, ihn seiner Schwächen und Fehlleistungen wegen zu verteufeln oder zu ignorieren. Gerhard Müller-Hornbach lässt Fairness walten und stellt ihm Stimmen aus anderen historischen und kulturellen Zusammenhängen entgegen und zur Seite. Das heißt: Vielleicht konnte Luther, befangen in den Ängsten seiner Zeit und in den Grenzen seiner Persönlichkeit, nicht anders denken und handeln. Aber wir könnten es. Besonders klar und nachvollziehbar wird dieses Verfahren im 4. Teil, wenn Luthers Schriften „Vom Kriege wider Türken“, „Eine Heerpredikt wider die Türken“, „Von den Juden und ihren Lügen“ mit der Erzählung der Lessing‘schen Ringparabel parallelisiert werden. Es mutet leicht absurd an, dass die Evangelische Kirche in Hessen-Nassau die „aggressiv-polemischen Äußerungen Luthers“ als Begründung anführte, die für den 31.10.2017 geplante Uraufführung kurzfristig abzusetzen. Es mag ja sein, wie Kirchenpräsident Volker Jung nun ein Jahr später vor dem Konzert erklärte, dass die evangelische Kirche sich mit Luthers türkenfeindlichen Tiraden noch nicht genügend auseinander gesetzt hat. Doch eine historische Tatsache wie die allgemeine Türkenfurcht angesichts der Belagerung von Wien 1529 verschwindet durch Beschweigen nicht aus der Welt. Und wie man aus der ganzen Anlage des Stückes erkennt, stellt Müller-Hornbach immer wieder reflektierende Distanz her. Schließlich sollte unsere Gesellschaft den Umgang mit der Angst tunlichst thematisieren, bevor eine theologische Kommission zu einem befriedigenden Ergebnis in dieser Sache gekommen ist.

Angst vor dem Thema Angst

Merkwürdig gestaltete sich auch das am Vorabend der Aufführung in der Christuskirche von der Evangelischen Akademie Frankfurt veranstaltete Symposium. Eingeladen zu längeren Vorträgen waren der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, die Zürcher Theologie-Professorin Christiane Tietz und der Göttinger Psychologie-Professor Borwin Bandelow. Sie sprachen teils ziemlich abstrakt, teils anschaulich und erhellend zum Thema „Angst“, aber jeder für sich, ohne einen gemeinsamen Nenner zu suchen. Zum Oratorium „Im Spiegel der Angst“ selbst, das der Komponist und die Mitwirkenden in Auszügen vorstellen konnten, sagten sie nichts, und das Werk als solches wurde dann auch weiter beschwiegen. Ein Abschlusspodium gab es ebensowenig wie ein gemeinsames Gespräch mit den Zuhörern. Allzuoft verfielen die anwesenden Theologen in den Tonfall einer routinierten Sonntagspredigt. Doch von dem gerne beschworenen Gottvertrauen zeugt es gewiss nicht, wenn die Kirche Angst vor dem Thema Angst hat.

Auf die Nachhaltigkeit des Konzerterlebnisses hatten diese Umstände – „gottlob!“ – keinen großen Einfluss. Nachdem das Werk still geendet hatte, dauerte es eine ganze Weile, bis der Beifall einsetzte. Er steigerte er sich zu stehenden Ovationen. Danach blieben zahlreiche Konzertbesucher und Mitwirkende noch in kleinen Gesprächsgruppen beisammen.