Im Torf: Aribert Reimanns „Medea“ an der Komischen Oper Berlin


(nmz) -
Den Auftakt eines Reimann-Triptychons der drei Berliner Opernbühnen bildet „Medea“: die im Jahre 2010 als Auftragswerk der Wiener Staatsoper aufgeführte Oper von Aribert Reimann wurde bei ihrer Berliner Erstaufführung an der Komischen Oper zu einem Triumph für den Komponisten und für Nicole Chevalier in der Titelrolle.
23.05.2017 - Von Peter P. Pachl

Das geraubte „Goldene Vlies“ zieht sich als dramaturgischer Faden durch die gleichnamige Trilogie Franz Grillparzers, dessen letzten Teil sich der Komponist als Opernlibretto eingerichtet hat.

In der Inszenierung des australischen Regisseurs Benedict Andrews hat Medea, die von Jason als Fremde aus Kolchis nach Korinth, in seine Heimat mitgebrachte Königstochter und Zauberin, das mit Goldstaub besprühte Widderfell an einen kahlen Baumstammen gehängt und vergräbt es anschließend in ihrer „schwarzen Kiste“. Diese ist hier ein silberner Alu-Kasten, der auch eine goldene Flasche mit jenem tödlich wirkenden Giftstoff enthält, der am Ende Medeas Rivalin einen brennenden Tod bereiten wird. Später streut Media Kalk über den Torfboden und schmiert sich selbst Körper und Gesicht damit ein. Aus Mauersteinen bat sie Sitze für sich und für die griechische Königstochter Kreusa, die Medeas Mann Jason für sich gewonnen hat und auch ihre beiden Kinder abspenstig machen wird.

Der Herold ist an der Komischen Oper eine glatzköpfige Transe im blauen Paillettenkleid, mit roten Stöckelschuhen. Er führt in Plastikbeuteln Gesichtsmasken mit sich, die er den fünf handelnden Personen aufsetzt um diese so zu unfreiwilligen Darstellern zu machen, auf dass diese dann, wie in Shakespeares „Hamlet“, die Vorgeschichte enthüllen.

Tatsächlich kommt die Berliner Inszenierung mit nur sechs Protagonisten aus, denn die beiden Kinder Medeas – sonst eine besondere Herausforderung für Regisseur_innen –sind hier durch perfekt funktionierende, führbare Gliederpuppen ersetzt, wie sie an diesem Haus bereits in Barrie Koskys Inszenierung von „Moses und Aron“ eindrucksvoll zum Einsatz gekommen sind.

Bühnenbildner Johannes Schütz hat den Boden des kahlen Raums der schwarz gestrichenen Bühne mit Torf bedeckt, hilfreich für die Grabe-Aktionen der Protagonistin. Im vorderen Bühnenbereich signalisieren elastische Bänder die geometrischen Aufriss-Linien von Medeas Haus. Parallel zum Bühnenportal streckt sich in Leichtbauweise vierlagige Mauer.

Wie bereits der erste Teil, so beginnt auch der zweite mit einem stummen Vorspiel; Media gräbt sich ein und streckt im gleißenden Licht eines wandernden Leuchters ihre Hände aus dem ostentativ gewählten Grab.

Kreon hat Medeas Kasten gefunden und erpresst von ihr das Goldene Vlies. Das Gift lässt Medea der Rivalin durch ihre Amme Gora als Geschenk aushändigen. Dass Kreusa daran peinvoll zugrunde geht, ist nur als ein vom Orchester drastisch untermalter Botenbericht zu erleben. Doch die Inszenierung will auf den Effekt der brennenden Kreusa nicht verzichten: ein Stuntwoman als Double geht in Flammen auf und versinkt brennend in der Bühnenmitte.

Jenes Messer mit welchem Medea die Kehlen ihrer Kinder durchgeschnitten hat, klebt sie an den entlaubten Baumstamm und schneidet damit die elastischen Stricke ihres Hauses durch. Eine letzte Aussprache mit dem reumütigen Gatten Jason (Günter Papendell) für den Medea zur Räuberin und Mörderin geworden war, dann geht die starke Frau in Einsamkeit und Tod.

Der erfahrene Sängerbegleiter Reimann weiß auch in dieser Partitur für Sängerstimmen zu schreiben. Als besondere Farbe in seiner melismenreichen Stimmführung legt er auf das Ende beinahe jedes mehrsilbigen Wortes einen melismatischen Sprung, was auf die Dauer auch unfreiwillig komische Wirkung erzielt. Der Einsatz der Instrumente ist sparsam, mit kontrapunktischen Bläsern gegen flächige Streicher. Dennoch ist das große Orchester so raumgreifend, dass das Schlagwerk neben dem Graben im Auditorium platziert werden musste. Als Positivum entsteht auf diese Weise eine starke Stereowirkung der Becken-Sequenzen links und rechts vom Zuschauer. Aufgrund der immer noch auf einige Zuhörer verstörend wirkenden Tonsprache Reimanns waren nach der Pause im Auditorium deutlich gelichtete Reihen zu konstatieren.

Die gesanglichen Leistungen des Abends, deklamatorisch deutlich, bewegen sich auf unterschiedlichem Niveau. Das untere Ende bildet der Tenor Ivan Turšić als Kreon, die im Bayreuther „Ring“ eindrucksvolle Nadine Weissmann bleibt in der Partie der Amme farblos. Eindrucksvoller gestalten der Counter Eric Jurenas den Herold und Anna Bernacka die Kreusa. Bariton Günter Papendell als Jason agiert reduziert, konzentriert auf die musikalische Seite. So versammelt sich alle Faszination auf die Titelrolle, die von Nicole Chevalier durchaus eigenwillig, stimmlich in allen Facetten überzeugend verkörpert wird. In jenem gedachten Haus, welches für ihr Ego steht, tigert sie wie in einem Gefängnis hin und her; von ihrem Gatten verlassen, mutiert sie zu einem hässlichen Entlein, um dann, von der Idee der erbarmungslosen Rache getrieben, alle magischen und zerstörerischen Elemente neu in sich aufleben zu lassen und damit neue Jugend und Schönheit zu gewinnen.

Der inzwischen auch mit einer Professur an der Universität der Künste in Berlin betraute Chef der Bochumer Symphoniker, Steven Sloane sorgt für eine durchwegs spannungsreiche Umsetzung von Reimanns Partitur.

Der ungeteilte Schlussapplaus jener Premierenbesucher, die geblieben sind, zeugt von echter Begeisterung: differenziert für die Solisten, feiern die Bravorufe die Sängerdarstellerin der Titelrolle, das Regieteam und insbesondere den 81-jährigen, jung gebliebenen Komponisten.

Nächste Beiträge des Reimann-Triptychons werden die „Gespenstersonate“ in der Werkstatt der Staatsoper und in der kommenden Saison die Uraufführung von „L’invisible“ an der Deutschen Oper Berlin sein.

  • Weitere Aufführungen: 25.Mai., 5., 20., 25. Juni, 2. und 15. Juli 2017 und noch bis 28. Mai als auf www.theoperaplatform.eu nachzusehen.

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