Im Zeichen der Schwerter: Dresden bringt Mozarts „Entführung“ ohne Tiefgang und Schärfe


(nmz) -
Just am Vorabend der erdoganistischen Selbstermächtigung brachte Dresdens Semperoper eine Neuinszenierung der „türkischsten“ aller Mozart-Opern heraus. Das kann nur ein Zufall gewesen sein. Mozart und sein Librettist wären dafür heute wohl trotzdem in Ketten gelegt worden.
18.04.2017 - Von Michael Ernst

Ein Sumpf zieht am Gebirge hin … Das ist kein Kommentar zu weitsichtigen Politikdarstellern à la Erdogan, Kaczynski, Orbán und Trump, das ist das Bühnenbild zur „Entführung aus dem Serail“, wie sie an Dresdens Semperoper Premiere hatte. Ein Sumpf der Gefühlslandschaften von Entführungsopfern und Entführern? Vielleicht sogar das Versinken im Stockholm-Syndrom?

Der niederländische Regisseur Michiel Dijkema hat bei seinem Semperoper-Debüt zum Auftakt der dortigen Mozart-Tage (einem frühlingshaften Angebot für Touristen und wahre Mozart-Fans, während die Sächsische Staatskapelle zu den Osterfestspielen in Salzburg weilt) auch gleich in seiner Zweitprofession als Bühnenbildner gewirkt. Zusammen mit den Kostümbildnerinnen Claudia Damm und Jula Reindell entstand eine bonbon-bunte Opernproduktion, die sich wohltuend vom oft austauschbaren Einerlei des Theaterdunkels abhebt. Farbigkeit schützt freilich nicht vor Schwarz-Weiß-Denken, das beweist diese Produktion auch.

Zwar wird das von Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Gottlieb Stephanie d. J. unter dem Eindruck der Türkenkriege verfasste Singspiel nicht auf die Schlachtfelder der Waffenlieferanten und Ölimporteure und schon gar nicht in die Zellen der aller Meinungsfreiheit beraubten Journalisten verlegt, ein blanker Satz wie „Türken verstehen nicht den geringsten Spaß“ evoziert aber im Premierenpublikum unüberhörbares Paralleldenken.

Dennoch bleibt diese Produktion zunächst einmal ganz Mozart-gemäß verspielt, ist mit Augenzwinkern und Hintersinn versehen, scheut sich nicht vor Plattitüden. Wie in frühesten Theaterzeiten schieben sich Landschaften in und durch den von eindrucksvollen Gewitterhimmeln überwölbten Bühnenraum, wird mal ein riesiges Krokodil in den Weg gestellt und dürfen zwei ziemlich realistische Kamele (dies nun wohl weder als Anspielung auf Recep noch auf Tayyip) durch die Gestade stolzieren. Irgendwann werden dort auch mal Rüben geerntet. Wo also soll das alles spielen? Gibt es ein Sumpfland mit Rübenanbau, Krokodil und Kamel? Gibt es nicht. Aber derartige Nebensächlichkeiten hätten wohl auch einen Mozart kaum interessiert, wenn er sich nur musikalisch darauf austoben durfte.

Das versuchte der britische Dirigent Christopher Moulds (der bereits vor dem Brexit mit Händels „Alcina“ in Dresden debütierte) bei seinem Semperopern-Serail ebenso, ja es schien, er habe es mit orchestralem Tempo sogar noch überbieten wollen. Vergaß aber bei diesem Herangehen leider allzuoft das Personal auf der Bühne. Das hechelte mitunter dem Rauschen des Grabens hinterher, war jedoch selbst dann nur begrenzt textverständlich, als sich Oben und Unten auf rhythmisches Gleichmaß geeinigt hatten.

Obwohl die A-Besetzung der Kapelle überwiegend noch in der Mozart-Stadt Salzburg zu den dortigen Osterfestspielen weilte, spielte der verbliebene Rest des seinen Akademisten auch mal eine Premieren-Chance gebenden Orchesters recht achtbar auf. Keine Mozart-Entdeckung und ganz gewiss auch alles andere als „überprobt“, so aber doch energisch kraftvoll im Sound.

Dem schlossen sich die Solisten überwiegend an. Allen voran Tuuli Takala als Blonde – eine verführerische Schelmin mit viel Glanz und Kraft in der Stimme. Simona Saturová als Konstanze stach ebenfalls mit schönem Klang sehr hervor, steigerte sich sogar im Verlaufe des Abends, hinterließ aber kaum ein verständliches Wort, dafür allerdings brillante Koloraturen und den Hauch einer doppeldeutigen Koketterie. Kein Wunder, dass Belmonte so sehr hinter ihr her ist und alles daransetzt, die Entführte aus dem Serail zu befreien. Kein Wunder, dass auch Bassa Selim die Entführte gerne verführen will; sei es mit echtem Gefühl, sei es mit harscher Gewalt.

Gegensätzlicher als in der Darstellung durch den schlanken Tenor Joel Prieto und den auf der Bühne recht hilflos agierenden Filmschauspieler Erol Sander konnten Belmonte und Selim wohl kaum besetzt werden. Was die Eifersuchtsszene vor der Flucht eigentlich obsolet machen würde. Herbe Kontraste boten auch Manuel Günther als etwas tollpatschiger Pedrillo, der aber die eigentlichen Fäden knüpft und sich stimmlich sehr flexibel zeigte, sowie Dimitry Ivashchenko als böser Osmin, der diese Negativrolle leider auch vokal bediente.

Viel für’s Auge, etwas weniger für die Ohren, so ließe sich diese „Entführung aus dem Serail“ wohl zusammenfassen. Was aber bekamen Herz und Hirn geboten? Wer sich vom beeindruckenden Gewitter und geschwungenen Schwertern nicht völlig ablenken ließ, konnte da nur ein übergroßes Manko ausmachen.

Die beiden Damen haben durchaus für hinreißende Momente gesorgt, als großen Spannungstrumpf sollte wohl auch die Folterkammer mit ihren raumgreifenden Instrumenten Fernsehbilder möglichst noch toppen. Doch die Grundidee der verzeihenden Menschlichkeit fiel schier durch den Rost, nein, in den Sumpf. Der rachegeile Osmin musste seine schaurige Gerätschaft unbenutzt lassen und sich Selims plötzlicher Gnade beugen, der die Entführten frei nach Textbuch ziehen ließ.

Derlei kommt vor und findet auf der Bühne wie im richtigen Leben durchaus sein Publikum. Aber wollen wir nicht gerade auch im Theater Reifeprozesse und psychologische Schärfe erfahren, um gedanklichen Tiefgang ins Verhältnis zu den Höhen (und Untiefen) des eigenen Daseins zu setzen?

  • Termine: 24., 30.4., 5., 15., 19.5., 9., 11.6.2017
Erol Sander (Bassa Selim), Simona Šaturová (Konstanze). Foto: © Jochen Quast
Vordergrund: Joel Prieto (Belmonte), Simona Šaturová (Konstanze), Hintergrund: Tuuli Takala (Blonde), Manuel Günther (Pedrillo). Foto: © Jochen Quast

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