Internationale Schostakowitsch-Tage mit Schostakowitsch-Uraufführung


(nmz) -
Gibt es das, ein Musikfest, das seit beinahe zehn Jahren besteht und noch nie enttäuscht hat? Das gibt es. In einem beschaulichen Kurort in der Sächsischen Schweiz, eine knappe Stunde östlich von Dresden, dorthin lockt seit 2010 ein kleines, aber sehr feines Fest eine stetig wachsende Hörergemeinde.
25.06.2018 - Von Michael Ernst

Die Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch sind ein Unikum. Ins Leben gerufen, weil ein halbes Jahrhundert zuvor der Komponist Dmitri Schostakowitsch ganze drei Tage lang dort zu Gast war – was für sich allein genommen noch kein Anlass für ein solches Festival gewesen wäre. Doch er hat im Gohrischer Sommer 1960 sein einziges Stück Musik außerhalb seiner Heimat geschrieben, das aufgrund seiner biografischen Bezüge zu besonderer Berühmtheit gelangte: das Streichquartett Nr. 8 in c-Moll.

Aus diesem Nukleus heraus hat ein Häuflein Unentwegter das Festival kreiert – und wahrscheinlich kaum für möglich gehalten, daraus schon bald einen unverzichtbaren Anziehungspunkt für ein internationales Publikum wachsen zu lassen. Nicht nur der Austragungsort, eine zur Konzertstätte umfunktionierte Scheune (die das restliche Jahr über landwirtschaftlich genutzt wird), auch die kluge Programmplanung machen das Fest zum Fest. Natürlich stehen Leben und Werk von Schostakowitsch im Zentrum des Ganzen, doch in jedem Jahr werden andere Bezugspunkte dazu etabliert. Nachdem bereits Komponistenfreundschaften etwa zu Benjamin Britten, Mieczyslaw Weinberg und Sofia Gubaidulina durchdekliniert worden sind, galt es in diesem Jahr zu den 9. Schostakowitsch-Tagen, die Bezüge des Meisters zur polnischen Moderne zu zeigen.

Neben Krzysztof Meyer, Stammgast in Gohrisch von Anbeginn an, sollten Krzysztof Penderecki und Witold Lutoslawski im Mittelpunkt stehen. Deren Begegnungen mit Schostakowitsch führten zu künstlerischem Austausch, zu wechselseitigen Einflüssen und individuellen Abgrenzungen. Deutlich gemacht anhand von frühen Experimenten Pendereckis und Lutoslawskis, mit denen sie vom Warschauer Herbst aus Experimentelles im Osten gewagt haben, fortgeführt in der Uraufführung von Meyers 15. Streichquartett als Gohrischer Auftragswerk. Allein diese Werknummer stellt schon einen Nimbus dar, schließlich schrieb Schostakowitsch ebenfalls 15 Streichquartette (sowie 15 Sinfonien).

Was das Lutoslawski Quartet in einem Spagat von freiheitlicher Geräuscherzeugung auf vier mal vier Saiten bis hin zur Akkuratesse in Schostakowitschs 10. Streichquartett zelebrierte, war beispielhaft für die herausragende künstlerische Attraktivität dieses Festivals, bei dem alle Mitwirkenden nur für ein sogenanntes Frackgeld auftreten. Auch das Klavierduo GrauSchumacher mit drei Schostakowitsch-Bearbeitungen (von Arthur Honeggers 3. Sinfonie, der Psalmensinfonie von Igor Strawinsky und dem Adagio aus Gustav Mahlers unvollendet gebliebener 10. Sinfonie) brillierte mit Hingabe. Vier Hände waren auch im Eröffnungskonzert gefragt, wo Denis Matsuev gemeinsam mit dem 16jährigen Alexander Malofeev atemraubende Paganini-Variationen von Lutoslawski in die Tasten hämmerte. Das bemerkenswerte Nachwuchstalent gestaltete zudem Schostakowitschs Concertino mit der nicht weniger überzeugenden Alexandra Dovgan, die freilich erst zehn Jahre jung ist.

Matsuev hingegen, ganz Berserker, überzeugte gemeinsam mit Solisten der Sächsischen Staatskapelle als unabdingbarem Kooperationspartner der Schostakowitsch-Tage im 2. Klaviertrio des Namensgebers. Bereits am Abend zuvor gestaltete der Brachialvirtuose in der Dresdner Semperoper ein Sonderkonzert mit dem Trompeter Helmut Fuchs und dem Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester unter Leitung von Yuri Temirkanov, der darüber hinaus mit der 5. Sinfonie von Schostakowitsch überzeugte und als langjähriger Sachwalter des Komponisten den diesjährigen Preis des Festivals entgegennehmen durfte.

Bei der festlichen Preisverleihung war ebenso wie während der drei Schostakowitsch-Tage in Gohrisch Irina Schostakowitsch zugegen, die sich vor allem eins nicht entgehen lassen wollte: Die Uraufführung eines erst im vergangenen Jahr entdeckten Impromptus für Viola und Klavier ihres 1975 verstorbenen Mannes. Der glückliche Solist dieser Sensation – eine Art Albumblatt aus dem Jahr 1931 – ist Nils Mönkemeyer gewesen, der mit dem kongenialen Pianisten Rostislav Krimer auch das Opus ultimum aufgeführt hat, die in ihrer Abschiedsstimmung unter die Haut gehende Bratschensonate op. 147.

Das hätte der Schlusspunkt der diesjährigen Schostakowitsch-Tage in Gohrisch gewesen sein können. Doch im sonntäglichen Abschlusskonzert folgte noch eine weitere Premiere, die Präsentation der „kapelle 21“ mit Pendereckis „Ciaccona“-Fassung für Streichsextett als weiterer Uraufführung, Lutoslawskis „Chain I“, Meyers „Musique scintillante“ und Schostakowitschs 3. Streichquartett als Kammersinfonie von Rudolf Barschai.

Auch diese sehr wandelbare Formation, ein Zusammenschluss von Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle unter der musikalischen Leitung ihres Kontrabassisten Petr Popelka, bewies mit ihrem Engagement unüberhörbar, dass bei diesem von Tobias Niederschlag initiierten und künstlerisch von ihm geleiteten Musikfest in der Sächsischen Schweiz bislang nichts falsch gemacht worden ist. Beste Voraussetzungen also für die 10. Internationale Schostakowitsch-Tage Gohrisch, die vom 20. bis 23. Juni 2019 stattfinden und tags zuvor mit einem Sonderkonzert unter Sakari Oramo im Kulturpalast Dresden eingeleitet werden sollen. Auf dem Programm: Schostakowitschs 11. Sinfonie und Mozarts d-Moll-Klavierkonzert KV 466 mit Kirill Gerstein.