„Jedermann“ in Salzburg musikalisiert: Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes wird 100


(nmz) -
Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“, unleugbar zum Sinnbild der Salzburger Festspiele geworden, begeht in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Lange, bevor Max Reinhardt den „Jedermann“ vor dem Salzburger Dom inthronisierte, hatte er das „ Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ am 1. Dezember 1911 im Zirkus Schumann in Berlin und anschließend in einer Reihe von Messehallen und Theatern inszeniert.
05.08.2011 - Von Peter P. Pachl

Das vom Regisseur beim Dichter auf der Grundlage des anonymen britischen Morality Plays „Everyman“ aus dem 15. Jahrhundert bestellte Stück hat sich nicht nur bei den Salzburger Festspielen gehalten. Plakate werben in der Festspielstadt für weitere Aufführungen in nahe liegenden Orten, zumeist von Laien realisiert. Und auch in Berlin ist „Jedermann“ im Dom zur Tradition geworden. Max Reinhardts Salzburger Inszenierung war zunächst schlicht, sie wurde am Tag, also ohne Beleuchtung, realisiert, und am Ende gab es, wie lange Zeit bei Wagners Bühnenweihfestspiel in Bayreuth, am Ende keinen Applaus.

Obgleich das ohne gesprochene Worte auskommende, komplett vertonte Massenspektakel „The Miracle“ in Reinhardts wechselnden Inszenierungen in Europa und in den USA zu Lebzeiten des Regisseurs die meisten Zuschauer erreichte, wurde „Jedermann“ postum zu Reinhardts meistbesuchter theatraler Attraktion. Die Eröffnungsinszenierung der Salzburger Festspiele des Jahres 1920 stand hier bis 1937 auf dem Programm. Nach der Nazi-Zeit und dem Tod Reinhardts inszenierten Heinz Hilpert, Reinhardts Witwe Helene Thiemig, Ernst Lothar und William Dieterle im Sinne des Erfinders. Bis 1960 blieb auch die von Einar Nilson original im Auftrag Max Reinhardts komponierte Musik unverändert. 1961 erneuerte Reinhardts Sohn Gottfried die Szene als einen Totentanz, mit Ernst Krenek als Komponisten. Diese Fassung wurde jedoch als zu modern rezipiert, und man kehrte zu ursprünglichem Regiebuch und Musik zurück. Auf Helene Thiemig folgten als Regisseure Leopold Lindtberg, Ernst Haeussermann und Gernot Friedel und ab 2002 Christian Stückl.

Der Chef des Münchner Volkstheaters und der Passionsspiele Oberammergau hat auf einem erweiterten Spielpodest vor dem Dom den Text Hofmannsthals deutlich verändert und dabei die Figur des Glaubens eliminiert, aber Reinhardts faszinierendste Einfälle, wie die aus der Ferne, bis vom Möchsberg her, ertönenden Jedermann-Rufe, beibehalten.

Komponist ist Stückls ständiger Mitstreiter Markus Zwink, der in der neuen Musik zum Salzburger „Jedermann“ den Bogen zwischen Barock- und heutiger U-Musik schlägt. Unter der musikalischen Leitung von Gunar Letzbor macht die 20-köpfige Gruppe Ars Antiqua Austria, spezialisiert auf österreichische Barockmusik in musikhistorischer Aufführungspraxis, die gesungenen Szenen zu einem echten Höhepunkt der mit allerlei pyrotechnischen Effekten aufgepeppten Inszenierung. Thomas Limpinel als Dünner Vetter erweist sich dabei auch als ein trefflicher Sänger, der Charakterisierung und Parodie mit stimmlichen Mitteln auszudrücken versteht.

Auch die Riederinger Kinder, die Stückl statt eines Spielführers, die Handlung initiieren läst, schaffen mit Tuben, Trompeten, Hörnern und großer Trommel eine musikalische Stimmungsgrundlage für ein Spiel zwischen Volks- und Startheater. Und das Publikum, das zeigt sich deutlich am Applaus, weiß offenbar im Sprechtheater besser als im Musiktheater selbst zu beurteilen, wer nur ein großer Name und wer ein wirklich guter Darsteller ist. Auf Peter Jordan in der Doppelrolle als Jedermanns guter Gesell und Teufel, sowie auf Nicholas Ofcarek in der Titelpartie trifft beides zu.

Weitere Aufführungen: 6., 9., 15., 16., 19., 20., 22., 26., 29. August 2011.

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