(K)ein Blick aufs Meer … – Anthony Pilavachi entfesselt in Meiningen Mozarts Cosi fan tutte


(nmz) -
In der Rezeptionsgeschichte der letzten Jahrzehnte hat sich auf den Bühnen eine Art Konsens über die Modernität von Mozarts dritter DaPonte Oper herausgebildet. Dem prüden 19. Jahrhundert war dieses Laborexperiment über erotische Anziehungskraft, ihr Auflodern und Abebben, den beständigen Konflikt zwischen Konvention und Leidenschaft zu unmoralisch.
20.11.2017 - Von Joachim Lange

An der Oberfläche der Handlung stiftet Don Alfonso seine Freunde, den Tenor Ferrando und den Bariton Guglielmo dazu an, die Treue ihrer Verlobten Dorabella und Fiordiligi (ihres Zeichens und stimmlich komplementär mit einem Mezzosopran und einer Sopranistin besetzt) auf die Probe zu stellen. Er lässt sie dafür zum Schein in den Krieg ziehen und in exotischer Verkleidung zurückkehren. Mozart und DaPonte hätten ihr Anliegen gerade noch im Rahmen geltender Moralbegriffe durchspielen können, wenn der eigene Mann in der Verkleidung der Verführer wäre. Aber es ist natürlich der jeweils andere Partner, der plötzlich anziehender ist. Doch auch wenn nach über zweihundert Jahren Gleichberechtigung und sexueller Selbstbestimmung zumindest theoretisch Konsens sind, ist die Suche nach dem Cosi fan tutti (also nicht nur tutte für alle Frauen, sondern tutti für alle Menschen) der Pfad durch dieses Stück. Den lässt Pilavachi links liegen und greift stattdessen nach jedem Witz, jedem Kalauer, lässt Grapschen, was das Zeug hält. Immerhin ist das weibliche Personal von Don Alfonso so reichlich, dass sie jeweils im Halbdutzend über die smarten Uniformierten herfallen, die Don Alfonso in seine Villa mit Meerblick nach Neapel eingeladen hat. Alle sind gekleidet im Look des beginnenden 19. Jahrhunderts – gerechnet wird in den Übertiteln allerdings in Euro.  

Anthony Pilavachi entfesselt die Komödie – manchmal bis an den Rand der Klamotte  - und vermauert ihr dann den Ausblick. Am Ende sogar den aus allen Fenstern.

Aber dabei belässt er es nicht. Ferrando nimmt mit Fiordiligi Gift und Guglielmo feuert mit seiner Pistole auf Don Alfonso. Ein Katastrophenfinale als jähe Wendung. Das ist etwas aufgesetzt, schon, weil es im Umkehrschluss ein „treu bis in den Tod“ einschließen würde. Und weil es sich dabei auf ein einmal gegebenes Versprechen und nicht auf die wandelbare Stimme des Herzens oder erotische Anziehungskräfte bezieht. 

Sicher kann man Don Alfonsos Experiment als arrogant sexistisch kritisieren. Aber wenn man es so existenziell kritisiert wie Pilavachi mit seinem Finale, dann schüttet man das Kind mit dem Bade aus. 

Abgesehen davon ist bis dahin aber allerhand los, bleibt die Komödie in Schwung, bekommen alle Protagonisten und der Chor reichlich Gelegenheit, sich zu profilieren und differenzierte Charaktere zu zeichnen. Die beiden Schwestern, die in ihrer Aufmachung an das berühmte plastische Doppelporträt der populären preußischen Königin Luise und ihrer Schwester erinnern, nutzen ihre Möglichkeiten dazu am intensivsten. Elif Aytekin als die etwas ernsthaftere, länger mit sich ringende Fiordiligi und Carolina Krogius als lebenslustige und auch sexuell neugierigere Dorabella. Die beiden liefern aber nicht nur differenzierte Rollenporträts vom Feinsten, sondern machen auch ihre großen Arien zu Höhepunkten des Abends. Darstellerisch etwas grober (auch im Wortsinn) zupackend, ist Marián Krejčík der nobel kraftvolle Guglielmo. Für seinen Freund Ferrando bietet Dovlet Nurgeldiyev hinreißenden tenoralen Schmelz auf. Der an der Hamburgischen Staatsoper engagierte turkmenische Tenor sprang kurzfristig ein. Monika Reinhard reizt das komödiantische Potential der lebensklugen Despina voll aus, gestattet ihr aber am Ende auch sichtbares Entsetzen. Nicht zuletzt über sich selbst und ihre Vorschläge für den Partnerwechsel. Don Alfonso ist bei Daniel Pannermayr nicht auf alt und lebenserfahren geschminkt, er gleicht seine reale Jugendlichkeit mit der Noblesse des eleganten Spielers aus.  

Musikalisch ist der Abend ein pures Vergnügen, weil nicht nur die Protagonisten gut zusammenpassen, sondern auch der Chor des Meiningen Staatstheaters seine (etwas übertriebene) Anwesenheit sängerisch präzise und spielerisch exzessiv nutzt. Vor allem aber, weil Mario Hartmuth der Meininger Hofkapelle einen Drive verordnet, der mitunter schon in der Komödie mehr sieht als nur eine absurde Maskerade, die aus dem Ruder läuft und weil er immer die Einheit mit der Bühne wahrt. Beim Premierenpublikum zündete das. Von der Fallhöhe am Ende, die man auch als Sturz von der Klippe sehen könnte, wollte sich niemand die Laune verderben lassen. Der Jubel war ungeteilt und traf alle Beteiligten.

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