Klänge aus der Zukunft – Abschluss des experimentellen Schulprojekts KLANGRADAR Berlin


(nmz) -
Ein tanzender Dirigent, ein lebendiger Anrufbeantworter und konzentrierte Klang-Laboranten – das Abschlusskonzert des experimentellen Schulprojekts KLANGRADAR Berlin ist vielseitig, stimmig und witzig.
06.02.2018 - Von Till Dahlmüller

Eine mystische Klangfläche entfaltet sich im Raum der Akademie der Künste. Becken, Ratschen, Trommeln und Xylophone strömen in einen wabernden, schwirrenden Synthesizer-Sound. Vor einer riesengroßen Leinwand zeigen Schüler*innen von drei Berliner Schulen, was sie zusammen mit jeweils einem Komponist*innen und ihrer Lehrkraft in drei Monaten experimenteller Auseinandersetzung mit Klängen erarbeitet haben. Zum Abschlusskonzert waren Eltern, Geschwister, Großeltern und Freunde eingeladen. Es ist der achte Durchlauf des Berliner Musikvermittlungsprojekts.

In „SUONO del FUTURO“, einer Komposition der 6b der Hasengrundschule aus Berlin Pankow, verbinden die Schüler das klassische Orff-Instrumentarium mit Elektronik durch Live-Sampling. Die Köpfe der zwanzig Schüler*innen folgen aufmerksam den Bewegungen ihres dirigierenden Mitschülers. Mit klaren Gesten verteilt der schmächtige Dirigent elegant Einsätze und zeichnet die Dynamik. Hier ist einer am Werk, der sein Ensemble im Griff hat. Mit wirbelnden Händen und einknickenden Beinen, seinen Oberkörper nach vorne werfend, lässt er nicht zuletzt die experimentelle Musik seiner Schulklasse für die anwesenden Eltern, Großeltern und Geschwister auch visuell erfahren.

„Torps Paralleluniversum“ der Paul-Klee-Grundschule verzichtet auf einen Dirigenten; die Schüler*innen kennen die Abläufe oder arbeiten mit Partituren. Während die Hälfte der Gruppe Fragmente aus einer Geschichte über die Fantasie-Figur Torp erzählt, vertonen die anderen sie lautmalerisch und mit dem Orff-Instrumentarium. Da brabbelt ein Anrufbeantworter unverständliche Nachrichten und entwickelt klanglich ein Eigenleben. Das Stück arbeitet mit mit vielen Pausen und Schüler wechseln koordiniert und akkurat ihre Positionen im Raum.

Der Klasse 5a der Ernst-Habermann-Grundschule dient in ihrem Stück „coming sounds“ ausschließlich die Stimme als Instrument. Kleine Grüppchen, die durch jeweils eines ihrer Mitglieder sich selbst dirigieren, produzieren wimmelnde Klanggebilde. Sie klingen wie kleine kommunizierende Mikrokosmen, in denen Sprachen gesprochen werden, die für die jeweils anderen Gruppen nicht verstehbar sind. Wie Laboranten sehen die Schüler*innen aus, wenn sie dann schließlich in ihren weißen T-Shirts hinter Tischen im kalten Licht von sechs Laptops stehen und ihre Stimmexperimente digital verfremden. Eine unüberblickbare und chaotische Klangwolke entsteht, und man fragt sich beim Anblick der konzentrierten Blicke der Kinder, was dort auf den Bildschirmen vor sich geht.

Nur drei Monate Zeit hatten die Komponisten Antje Vorwinckel, Martin Daske und Thomas Meier um zusammen mit den Lehrkräften und Schüler*innen eine Komposition zu entwickeln. Für die Aufführung wurden die Stücke von den Dramaturginnen Victoria Schätzle und Rebecca Selle mit dezenten, aber wirkungsvollen Mitteln stimmig inszeniert: Eine große Leinwand, die über die gesamte Bühne gespannt war, bildete Fläche für atmosphärische Farbwechsel und Schattenspiele.  Aus drei sehr unterschiedlichen Kompositionen wurde so ein stimmiges Ganzes.

Dass die Kinder ihre Stücke in einem so professionellen und hochwertigen Setting aufführen dürfen, zeigt, dass KLANGRADAR sich nicht nur als prozess- sondern auch ergebnisorientiertes Musikvermittlungsprojekt versteht. Wenn die Stücke so interessant, das Publikum so ruhig und die Darbietung so konzentriert wie an diesem Abend sind, dann löst KLANGRADAR diesen Anspruch ein.