Klarinettenverrückte unter sich: Bei ihrer neunten Ausgabe platzen die Norddeutschen Klarinettentage in Bremen aus allen Nähten


(nmz) -
„Nur ein Hauch!“, sagt der Dirigent Marco Thomas zu den 70 KlarinettistInnen, die sich auf der Bühnen drängeln, „wenn das alle machen würden, hätten wir eine super Klangfarbe!“. Das machen aber eben nicht alle und das soll auch gar nicht sein. Denn wir befinden uns auf einer Probe des Klarinettenorchesters, das gebildet ist aus den diesjährigen TeilnehmerInnen der neunten internationalen Klarinettentage in Bremen. Und da dürfen alle kommen, die Klarinette spielen, vom jüngsten – dieses Jahr neun – bis zum Ältesten – dieses Jahr 75 Jahre alt.
14.01.2013 - Von Ute Schalz-Laurenze

Marco Thomas ist Professor für Klarinette und Kammermusik an der Bremer Hochschule für Künste; er hat das Konzept entwickelt und 2005 zum ersten Mal durchgeführt. Die Teilnehmerzahl – damals 31 –  hat sich dieses Jahr mehr als verdoppelt, die meisten kommen wieder: „Es bringt Spaß. Wir können uns austauschen, das geht oft in den kleineren Orten nicht“, sagt eine Frau, die Bassklarinette spielt. „Ich kenne zu Hause niemand, mit dem ich spielen kann“, sagt ein Naturwissenschaftler aus Köln, der seit Jahren Feuer gefangen hat an dem Instrument, das der menschlichen Stimme so gleichkommt wie kein anderes. „Man kriegt einen Superpush, es ist alles total locker, ich komme bestimmt wieder“. Die Laienstreicher haben es da viel leichter: Schnell sind die vielen kleinen Orchester gefunden, schnell auch findet man ein Quartett, in das man hineinpasst. Nicht so bei Klarinettisten, die nur hier in unterschiedlichen Kontexten spielen können.

Thomas koppelt in den vier übervollen Tagen mehrere Anliegen, die ihm, dem „Klarinettenverrückten“, wie er von sich selbst sagt, am Herzen liegen. Das ist einmal der Kontakt zu den Laien und zum zweiten das Anliegen, die Vielseitigkeit der Klarinette zu zeigen. Die angebotenen Kurse umfassen Klezmer, Bassklarinette, Meisterkurs, Jazz, Saxophon und Tarogato (eine ungarische Sonderform der Klarinette). Darüber hinaus sind die vier abendlichen Konzerte dazu da, den Reichtum der Literatur aus allen Stilen zu zeigen. „Viele sehen hier auch zum ersten Mal alle Instrumente der Instrumentenfamilie, wie die hohe Es-Klarinette, die Bassklarinette, die Bassettklarinette, die Kontrabassklarinette“, erläutert Regine Müller, eine der Dozentinnen. Und das dazwischen liegende Bassetthorn, das Mozart so liebte. Alle können in der Ausstellung der Instrumentenbauer ausprobiert werden.

Wir macht man das nun, dass alle siebzig aus siebzig verschiedenen Leistungsebenen – auch einige Profis waren dabei – auf ihre Kosten kommen? Eine logistische Meisterleistung, denn alle hatten bei insgesamt neun Dozenten vier Unterrichtsstunden, Ensemblestunden oder Kursteilnahme.

Viele Klarinettenlehrer sind mit ihren Schülern von weit hergekommen, „und es ist eine helle Freude, zu sehen, mit welchen Impulsen aus den Kursen vom Vorjahr sie sich entwickelt haben“, sagt Thomas, „es ist auch interessant, dass die meisten mit klaren Vorstellungen kommen, welches Problem sie haben und was sie lernen wollen“. Sicher können nicht alle Profis derart auf Laien eingehen, wie Thomas das kann: Es war erstaunlich zu erleben, was mit seinen Korrekturen in Bezug auf Dynamik, Bögen, Atem und vieles mehr umgesetzt werden konnte. In diesem Sinne waren alle siebzig dann im so genannten „Klarinettenorchester“ gefordert, das im Konzert, in dem alle Ensembles ihre Ergebnisse präsentierten, mit einem Stück von Debussy und einem von Rachmaninow – selbstverständlich Arrangements – wunderschön zum Ausdruck kam.

Vier Konzerte gibt es, ein klassisches mit namhaften Spielern und das Abschlusskonzert „Happy end“ mit den Ergebnissen der Ensemblearbeit. Dazwischen gibt es wechselnde Konzepte, dieses Jahr trat viel bejubelt die Big Band der Hochschule unter der Leitung von Martin Classen auf und das Klarinetten-Ensemble „Clarinet News“, das in aller Welt erfolgreich gastiert und deren sechs Mitglieder der Dozentenstamm der Bremer Klarinettentage sind. „Clarinet News“ tummelten sich, launig moderiert von Mitglied Thomas, in einem „America“-Programm unterhaltsamster Art. Im klassischen Konzert entstanden mit den Wiedergaben von Schumanns Märchenerzählungen und Mozarts „Kegelstatt-Trio“ mit Esther van Stralen  (Viola) und Liga Skride (Klavier) wunderbare Stimmungen.   

„Ach, wenn wir nur auch Clarinetti hätten!“, schrieb Mozart 1778 an seinen Vater, „Sie glauben nicht, was eine Sinfonie mit Clarinetten einen herrlichen Effect macht!“ Davon hat Marco Thomas mit seinem Team wieder einmal alle überzeugt.  Die nächsten Klarinettentage finden vom 2. bis 5. Januar 2014 statt. 
  

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