Klaus Langs „Der verschwundene Hochzeiter“ als Uraufführung in Bayreuth


(nmz) -
Bereits einen Tag vor der ersten Premiere im Festspielhaus eröffneten die Bayreuther Festspiele mit einer Uraufführung: Klaus Langs eigenwilliges Bühnenwerk erwies sich dabei als eine Art von neuem Gesamtkunstwerk.
25.07.2018 - Von Peter P. Pachl

Die Fragestellung, ob im Bayreuther Festspielhaus auch andere Opern als die Richard Wagners zur Aufführung kommen sollen, ist lange ausdiskutiert und durch Stiftungsbeschluss negativ beschieden. Gleichwohl weitete Festspielleiterin Katharina Wagner das Programm aus, bereicherte es – in Kooperation mit der Oper Leipzig – um die im Aufführungskanon des Festspielhauses ausgeschlossenen drei Wagnerschen Jugendopern in einer Sporthalle und um die Produktionsreihe „Wagner für Kinder“ auf einer Probebühne des Festspielhauses. Im Rahmen der im Vorjahr hinzugekommenen Reihe „Diskurs Bayreuth“, mit Konzerten und Symposien, erfolgte nun eine erste Uraufführung.

Beim Auftragswerk der Bayreuther Festspiele an den 1971 in Graz geborenen Komponisten Klaus Lang scheint die inhaltliche Verbindung zu Richard Wagners „Lohengrin“ mehr äußerlicher Natur zu sein: dem Frageverbot wird in der Opernneuschöpfung das Tanzverbot gegenübergestellt. Doch geht es in der in der alten österreichischen Sage vom „Verschwundenen Hochzeiter“ um einen Mann, der sich an die vorgegebene zeitliche Dauer der Gesellschaftstänze nicht hält. Als er schließlich heimkehrt, sind 300 Jahre verstrichen. Mehr als zu „Lohengrin“ scheint der balladeske Ansatz den Bogen zu Wagners „Der fliegende Holländer“ zu spannen, insbesondere in der Konzeption des Regisseurs Paul Esterhazy. Denn die Braut jenes Bräutigams, der nach drei Tagen Ehe der Einladung des mysteriösen Fremden zum Fest in dessen Haus folgt, wird weder thematisiert noch taucht sie im Spiel auf. Die Handlung beschränkt sich vielmehr auf den Hochzeiter selbst und auf einen Doppelgänger als dessen Alter Ego.

Eine durchaus faszinierende Dimension erhält die Geschichte durch die ungewöhnliche szenische Umsetzung im „Reichshof“, einem seit einigen Dezennien leer stehenden Kino in der Bayreuther Altstadt.

Die Orchestermitglieder des Brüsseler Ictus-Ensembles – solistisches Holz und Blech inklusive Saxophon, Streicher, Akkordeon, Klavier und Harmonium – sind an beiden Längsseiten des Saales positioniert, die Sänger_innen wechseln ihre Einsatzpositionen zwischen dem Rang des Kinosaales und den Saalseiten, neben dem Orchester.

Die Bühne ist in einem Kino naturgemäß ein sehr kleiner Raum. Ein Carre mit einem Heizkörper und zwei Fenstern nach draußen ist die einzige Spielfläche der Handlung. Darauf bewegt sich ausschließlich der Protagonist, in steirischer Tracht mit Lederhose und geschmücktem Hut. Zum Zuschauer hin ist die Bühne durch einen Gazeschleier abgeschlossen, was an den Einsatz eines derartigen Mediums als ästhetische Entrückung bei Wieland Wagner erinnert. Hier aber dient der Gazevorhang in raffinierter Weise als Projektionsfläche, auf welcher der Videokünstler Friedrich Zorn immer wieder Überlagerungen der Dramatis persona mit sich selbst schafft. Ebenfalls per Projektion fällt Schnee. Die Inszenierung integriert den Blick des Auditoriums durch die Fenster der Kinobühne in die Dämmerung und in die einbrechende Nacht. Dann werden auch die Fensteröffnungen zu Projektionsebenen, wobei Zorn mit dem Wechsel von farbigen und schwarz-weißen Filmsequenzen arbeitet. Er illustriert den Weg des Hochzeiters – der Sage gemäß über eine satte Wiese und eine dürre Halde, vorbei an einem Bienenhaus zum Haus des Fremden, der ihn eingeladen hatte. Dabei begegnet der Hochzeiter stets nur Projektionen seiner selbst. In den Schwarzweiß-Sequenzen wird er ersetzt durch ein in Grautönen gewandetes Double (Kostüme: Pia Janssen).

Dabei stellt das Auge des Betrachters seine Realität immer wieder neu ein, richtet den Fokus mal auf die projizierte Figur, mal auf den realen Darsteller. Verstärkt wird dieser Effekt durch die spezifische Besetzung, denn die abwechselnd agierenden Darsteller sind Brüder: Jiri und Otto Bubenicek interagieren exakt mit den vorproduzierten Projektionen ihrer selbst. Überaus faszinierend ist das Zusammenspiel von Aktion und Musik als Einheit, so dass hier tatsächlich von einem neuen „Gesamtkunstwerk“ gesprochen werden kann – obgleich die Komposition de facto nur „Begleitmusik zu einer Lichtspielszene“ ist, wenn auch aufwändiger als Arnold Schönbergs op. 34.

Klaus Langs Musik, die den Zuschauer U-förmig umringt, ist obendrein eine ganz neue Art von Mischklang, in welchem die einzelnen Instrumente kaum auszumachen sind. Auch die Stimmen des 12-köpfigen Frauenchors Cantando Admont (einstudiert von Cordula Bürgi) und die der Solisten mischen sich zu einer tonal flirrenden Einheit, in der nur zeitweise eine Ortung möglich ist. Das Libretto ist die – kurz vor dem ersten Musikeinsatz einmal bereits komplett über Band erzählte – alte österreichische Sage, mit direkten Reden vom Hochzeiter und dem Fremden, interpretiert vom Bassisten Alexander Kiechle und dem Counter Terry Wey.

Langs Komposition arbeitet merklich mit Entschleunigung, um den Rezipienten in eine Art von Trance zu versetzen. Dies gelingt ihm, vom „weißem Rauschen“ bis hin zu zwei eruptiven Momenten einer klanglich nachempfundenen Ballung von Raum und Zeit.

Im Zusammenspiel mit Paul Esterhazys Szene gemahnen die redundanten Szenenabläufe an die frühen Arbeiten von Bob Wilson mit ihrer penetranten Wiederkehr immer gleicher Bewegungsabläufe – allerdings unter Verwendung einer anderen Art von Minimal Music. Klaus Langs deutlich strukturierter Klangteppich, mit dem Zitat einer Sarabande aus dem späten 17. Jahrhundert als Tanz, evoziert durch das kompositorische Copy and Paste-Verfahren für handlungsgemäß identische Blöcke auch Momente von Langeweile. Bei denen konnte man in Bob Wilsons Inszenierungen an der legendären Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin als Besucher die Pausen individuell frei wählen, den Zuschauerraum verlassen und wieder betreten. Dies ist dem Publikum im dunklen Kinosaal in Bayreuth allerdings nicht möglich und wohl auch nicht erwünscht.

Das Premierenpublikum harrte bei der um 21 Uhr beginnenden, pausenlos knapp zweistündigen Aufführung geduldig aus und feierte Klaus Lang in Personalunion von Dirigent und Komponist, das Regieteam und die Interpreten mit einhelligem Zuspruch.

  • Weitere Aufführungen: 26. und 27. Juli 2018.