Korngold-Entdeckung beim Operetten-Workshop des Deutschen Musikrats: „Rosen aus Florida“ an der Musikalischen Komödie Leipzig


(nmz) -
Es war vom 08. bis 13. Januar 2019 der 16. Operetten-Workshop Junge Dirigenten mit Abschlusskonzerten in der Musikalischen Komödie Leipzig. In den Proben unter der künstlerischen Gesamtleitung von Stefan Klingele saß auch Roland Seiffarth, der Initiator des Projekts, und beobachtete, wie die Werkauswahl für das Dirigentenforum des Deutschen Musikrats immer raffinierter und in diesem Fall für Interpreten deutlich komplizierter wird. Nach „Das Lied der Liebe“ lagen die Noten zu Erich Wolfgang Korngolds erfolgreichster Operette „Rosen aus Florida“ (Wien 1929) nach Fragmenten von Leo Fall in der Dialogbearbeitung von Christian Geltinger und Stefan Klingele auf den Pulten: Schwierig, prickelnd, raffiniert!
13.01.2019 - Von Roland H. Dippel

Dieses Jahr hat Stefan Klingele mit den drei Teilnehmern des Operettenworkshops genau eingetaktet, wann jeder in den beiden Teilen der Aufführung zum Zug kommt. Sie probten nur die Teile, die sie in den beiden Vorstellungen auch dirigierten. Der Schweizer Reto Schärli ist freischaffend. Die beiden Südkoreaner haben bereits feste Engagements, wo sie als Kapellmeister sicher nicht allzu lange auf eigene Operetten-Einstudierungen warten müssen. Bei den Arbeits- und Schlussproben standen zwei Schwerpunkte im Vordergrund: Die richtigen Klangfarben, also eine bei Korngold sehr intensive Herausforderung, und die korrekte Proportionierung von Dynamik und Ausdruck.

Das Projekt soll nicht nur den Zielvorstellungen des Deutschen Musikrats entsprechen, sondern auch dem unter Stefan Klingele und Cusch Jung spannend-ambitionierten Spielplan der Musikalischen Komödie zusätzliche Reizstoffe injizieren. Die Messlatte ist noch höher, seit im Herbst Korngolds „Das Lied der Liebe“ nach Melodien von Johann Strauß, das Werk des Operetten-Workshops 2018, als CD-Weltpremiere erschien. Allerdings dirigierte bei den Aufnahmen Klingele das Orchester der Musikalischen Komödie und deren Ensemble selbst, nicht die Teilnehmer des Dirigentenforums.

Chanmin Chung, Reto Schärli und Yura Yang werden sich sicher noch lange mit Freude daran erinnern, wie wenig Mühe sie mit den Gesangssolisten wie Desirée Brodka (a. G. ), Lilli Wünscher und Adam Sanchez hatten. Diese beherrschen alle Tücken des Metiers, der pikanten bis pathetischen Dialoge, der zwischen Raffinesse und Eingängigkeit changierenden Melodien und das dröhnende Herausschleudern der Refrains. So bekommen die jungen Dirigenten Impulse, die sie zu Höchstleistungen und entspannter Konzentration herausfordern. Aber irgendetwas ist immer bei der Mischung aus Leo Fall und Erich Wolfgang Korngold, der im Jahr 1929 für das Theater an der Wien mit „Rosen aus Florida“ seine zu Lebzeiten erfolgreichste Operette schrieb: Ausgefeilt in der Rhythmik und in der Melodik ist das Werk nur mit Hybridstücken wie Künnekes „Die große Sünderin“ oder des späten Lehár vergleichbar. Erich Wolfgang Korngold hatte den von Leo Fall hinterlassenen Musiknummern seiner eigenen musikalischen Individualität angeglichen: Falls klare Melodik und rhythmische Prägnanz kommen hier zur Synthese mit Korngolds differenzierter bis rauschhafter Orchestration.

Selten sind sich die späte Operette und die Screwball-Komödien Hollywoods so nahe wie in diesem Stück. Fiktive Identitäten, die der Milliardär Goliath Armstrong und die russische Fürstin Irina Naryschkin (die Kritik um 1930 setzte sie gleich mit einer jener realen russischen Adeligen, die in Rudeln vor der Oktoberrevolution nach Amerika fliehen) annehmen. Das jedoch verzögert nicht nur deren eigene amouröse Vereinigung, sondern auch die der heiratswilligen Amerikanerin Dorrit Farring mit Tommy Webbs (Andreas Rainer, der in der zweiten Duett-Nummer seine Position gegen ein Solo-Banjo verteidigen muss). Bei den konzertanten Aufführungen, zu denen Cusch Jung als Erzähler und Bettina Volksdorf als Moderatorin umfänglich mitbeschäftigt sind, sieht man leider nicht, dass die Chordamen eigentlich in sündteuren Bademoden à la Hollywood stecken sollten. Cusch Jung bleibt mit freundlicher Ironie nichts anderes übrig, als an manchen Stellen Wichtiges zu rekapitulieren. So schön wirr ist das alles.

Die drei, noch bis kurz vor der Premiere durch Stefan Klingele gecoachten Teilnehmer, kommen unterschiedlich mit der großen Besetzung des Orchesters und den recht kurzen Musiknummern zurecht. Es scheint, dass Yura Yang die rational strukturierende Tüftlerin ist, die die Funktion des Schlagwerks für viele Kombinationen gut zu nutzen weiß. Chanmin Chung setzt mehr auf Brio und Durchsichtigkeit. Reto Schärli vertraut vor allem dem melodischen Zug der Sänger, die er mit den Orchesterklängen elegant umhüllt. Doch um diese Eindrücke zu präzisieren, ist die Partitur eigentlich zu komplex und viele Nummern im Aufbau der musikalischen Formen zu kurzatmig.

Korngold brachte das Saxophon selbst an unmerkbaren Stellen in reizvoll außergewöhnliche Kombination mit anderen Instrumenten, mit Solo-Banjo und Celesta. Für die Mitwirkenden wurde es im Verlauf der Proben immer komplizierter zu entscheiden, wie weit das Material im Stand bei Leo Falls Tod 1925 einfloss und was Korngold mit eigenen melodischen Erfindungen 1929 transformiert wurde.

Korngolds raffinierte und dabei hypertrophe Instrumentation macht den Reiz des Stückes aus. Keine Vorerfahrung kann den jungen Dirigenten den Weg zu dieser ebnen etwa wie zu den in vergleichbarer Weise anspruchsvollen Aufführungen der Opern von Richard Strauss. Die Würdigung der Teilnehmer-Leistungen ist deshalb nicht einfach: Man kann es bei der engagierten Kollegialität des Sängerenensembles den jungen Dirigenten nicht verübeln, wenn einige Stellen sehr süffig geraten und Korngolds instrumentale Detailarbeit dann wegrutscht. Bei anderen Stellen führt das Orchester etwas auf Kosten der Spannung in den edlen, dabei vor Retardierung nicht sicheren Übergängen. Da steckt der Teufel im Detail. Denn die flächige Akustik der Musikalischen Komödie verschluckt bei leiseren Passagen einige solistische Reizungen, bevor diese im Saal wahrgenommen werden könnten.

Ergebnis also unentschieden. Macht nichts, denn es geht beim Operettenworkshop nicht um Wettbewerb und deshalb ist das Allerschwerste gerade gut genug. Außerdem sind die von den Teilnehmern des Dirigentenforums hier gemachten Erfahrungen überall anwendbar. Hoffentlich bekommt man auch diese Entdeckung bald als CD.


Sa 12.01./19:00 und So, 13.01/15:00: Leo Fall/Erich Wolfgang Korngold: Rosen aus Florida / Musikalische Komödie / Operettenworkshop des Deutschen Musikrats

  • Chanmin Chung: Geboren in Südkorea. Ausbildung an der Seoul Arts Highschool (Hauptfach Komposition). Nachwuchsförderklasse an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“: Dirigieren bei Anhoon Song und Prof. Helga Sippel. Studium an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar: Orchesterdirigieren (BA/MA) bei Prof. Nicolás Pasquet, Prof. Ekhart Wycik, Prof. Gunter Kahlert, Johannes Klumpp und Markus L. Frank. Assistenzen u.a. bei Lorenzo Viotti mit dem Joven Orquesta Nacional de España (JONDE), bei Johannes Klumpp mit dem Landesjugendorchester Berlin,bei Johannes Braun mit dem Landesjugendsinfonieorchester Hessen. Seit der Spielzeit 2017/18 Anstellung als zweiter Kapellmeister am Theater Erfurt. Seit 2018 Förderung durch das Dirigentenforum des Deutschen Musikrats.
  • Reto Schärli: Geboren in der Schweiz. Vorstudium am Konservatorium Winterthur in den Fächern Klavier, Violoncello und Theorie. Privatstudium Orchesterdirigieren bei Prof. Liutauras Balciunas. Erasmus-Studium im Fach Orchesterdirigieren an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien bei Prof. Mark Stringer. Bachelor und Master im Fach Orchesterdirigieren an der Zürcher Hochschule der Künste bei Prof. Johannes Schlaefli. Aufbaustudium im Fach Korrepetition an der Dreiländereck Akademie Lörrach bei Giuliano Betta. Meisterkurse u.a. bei Bernhard Haitink, David Zinman, Michael Jurowski und Esa-Pekka Salonnen. Erste Operndirigate, u.a. „Der Schauspieldirektor“ und „Viva la Mamma“. Konzerte mit dem Berner Sinfonieorchester, 2016/17 Chefdirigent des KHG-Studentenorchesters Freiburg im Breisgau. Seit 2017 Förderung durch das Dirigentenforum des Deutschen Musikrats.
  • Yura Yang: Geboren in Südkorea. 2009 bis 2013 Studium im Fach Dirigieren bei Prof. Joachim Harder an der Musikhochschule Detmold. Im Rahmen des Studiums Zusammenarbeit mit dem WDR Rundfunkorchester Köln (heute WDR Funkhausorchester), der Kammerphilharmonie Hannover und dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie. Korrepetitorin am Stadttheater Bielefeld. 2013 – 2018 Engagement als Solorepetitorin mit Dirigierverpflichtung am Musiktheater im Revier. Dirigate von Kinderkonzerten, Musikalische Leitung von Moultakas „König Hamed und Prinzessin Sherifa“, von „Anatevka“ sowie von „The Wizard of Oz“. Seit der Spielzeit 2018/19 Kapellmeisterin, Solorepetitorin und Musikalische Assistentin des GMDs am Theater Kiel. In der Spielzeit 2014/15 Dirigentenstipendium der Bergischen Symphoniker. Assistentin u.a. von Valtteri Rauhalammi bei der Produktion von Wagners „Der Fliegende Holländer“ am Musiktheater im Revier, von Julia Jones bei der Produktion von Mozarts „Don Giovanni“ an der Nederlandse Reisopera, von Andreas Schüller bei der Produktion von Linckes „Frau Luna“ an der Staatsoperette Dresden und von Alexander Meyer beim Landes-Jugend-Symphonie-Orchester Saar. Seit 2016 Förderung durch das Dirigentenforum des Deutschen Musikrates.

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