Kurschatten können tödlich sein – Hector Berlioz‘ „Trojaner“ in Paris


(nmz) -
Die Musterexemplare der Grand opéra gehören an die Bastille-Oper. Wohin auch sonst. Das Genre ist gleichsam der französische Wagner. Bedarf in Paris aber der Pflege. Gerard Mortier etwa war kein Fan. Auch das Haus ist selbst so was von grand, dass es dem Besucher manchmal Angst macht. Wenn er nach der Vorstellung den Saal verlassen will etwa. Oder vor der Vorstellung versucht, die Garderobe loszuwerden. Oder in der Pause das bewusste Örtchen … lassen wir das. Frankreich hat andere Vorzüge. Und größere Probleme.
27.01.2019 - Von Joachim Lange

Das Haus ist auf der anderen Seite aber auch imponierend. Es bietet über 2700 Zuschauern Platz und hat eine erstaunlich gute Akustik. Außerdem hat Intendant Stephane Lissner in dieser Spielzeit schon die zweite Grand opéra angesetzt. Nach den „Hugenotten“ von Giacomo Meyerbeer in der Regie von Andreas Kriegenburg und unter Leitung von Michele Mariotti folgten jetzt die „Trojaner“ von Hector Berlioz. Also wenn man so will die französische Ring-Ausgabe. Man muss zwar nicht gleich mehrere Tage veranschlagen, aber ein ausgewachsener Fünfstünder ist es schon. Weil die Bastille nach ihrer Eröffnung vor 30 Jahren den regulären Spielbetrieb mit den „Trojanern“ aufnahm, setzten die sich 2019 quasi von selbst aufs Programm. Als Jubiläums-Chefsache. Mit handverlesenen Protagonisten.

Zum musikalischen Fazit der jüngsten Premiere an der Opera Bastille gehört, dass sich die Wiener auf Philippe Jordan als avisierten Chef im Graben der Staatsoper freuen können. Wie der smarte 44-jährige Schweizer, der sich als Barenboim-Assistent einen Namen zu machen begann und dann alsbald auf eigenen Füßen stand, die Moderne beherrscht, demonstrierte er bei der Uraufführung von Michael Jarrells „Bérénice“ zur Saisoneröffnung mustergültig im Palais Garnier. Als Musikchef der Pariser Oper gehören natürlich auch Prunkstücke französischer Operngigantomanie, also der Grand opéra, von Amts wegen zu seinem Kerngeschäft. Dass die Neuproduktion von Hector Berlioz’ „Les Troyens“ (1863) jetzt zu einem musikalischen Triumph geriet, war vor allem ihm zum verdanken. Mit bemerkenswerter Souveränität und Umsicht, mit Sinn fürs Detail und dem großen aufrauschenden Ton. 

Im ersten Teil des Abends überstrahlt Stéphanie d'Oustrac als verzweifelt hellsichtige, aber ungehörte Cassandre das Personaltableau. Das besteht vor allem aus der Herrscherfamilie um den König Priam (Paata Burchuladze) mit seinen Kindern nebst deren Partnern. Mit Ausnahme der mit Weitsicht geschlagenen sagenhaften Seherin nehmen alle den Abzug der Griechen von den Mauern Trojas für bare Münze und deren tückische Geschenk des Riesenpferdes an. Was mit selbstzufriedenen Herrscherposen und einer ungehörten Mahnerin beginnt, endet mit einem Gemetzel, das die triumphierenden Eroberer anrichten, dem Massenselbstmord (fast) aller trojanischen Frauen mit einer sich selbst entzündenden Cassandre als loderndem Fanal und der Flucht der Männer, samt Staatsschatz auf der Suche nach einem Neuanfang in einem verheißenen Italien. 

Diesen Teil erzählt der im Westen reüssierende russische Regisseur Dmitri Tcherniakov ziemlich klar und nachvollziehbar. Dafür findet er als sein eigener Bühnenbildner auch die entsprechenden Bilder. Die Riesenbühne beherrscht eine imponierende, kriegslädierte Stadtlandschaft, die mit ihren Brutalo-Bauten mehr nach dem Beirut unserer jüngeren Vergangenheit, als nach dem antiken Troja aussieht. Dazwischen wirkt der separate, holzgetäfelte Nobelsalon für die rausgeputzte Herrscherfamilie wie eine Insel. Im Kontrast zu deren Posen feiert das Volk ausgelassen auf der Straße. Laufend eingeblendete „breaking news“ in französisch und englisch halten uns über den Ablauf der Katastrophe genau auf dem Laufenden. Da braucht’s nicht mal das leibhaftige Riesenpferd. So weit, so gut.

Musikalisch gibt es auch am zweiten Teil nichts zu deuteln. Zwar hatte Elina Garanča im Dezember ihre Didon „aus gesundheitlichen Gründen“, wie sie selbst schrieb, komplett zurückgegeben, doch konnte dafür Ekaterina Semenchuk in der königlichen Partie glänzen. Als Énée bewies der mit dieser Partie bestens vertraute Brandon Jovanovich sein angenehm timbriertes tenorales Stehvermögen. Die beiden machten das große, an Tristan und Isolde erinnernde Liebesduett – wie zu erwarten – zum vokalen Höhepunkt des Abends. Auch die übrigen Protagonisten, die Chor- und Statistenmassen waren in Hochform und wurden entsprechend gefeiert.

Dass dem Regisseur aber beim Schlussapplaus ein heftiger Buhsturm aus allen Richtungen entgegenschlug, lag definitiv nicht an seiner, wie immer, peniblen Detailarbeit. Es lag an dem prinzipiellen Zugang zum zweiten Teil des Abends. Der berichtet ausführlich von der Zwischenstation, die die Trojaner auf ihrem langen Weg ins gelobte Land Italien einlegen. Mit allen Problemen, die Migration so mit sich bringt, aber auch mit etlichen Integrationserfolgen. Als es nämlich wirklich zu neuen Ufern gehen soll, wollen einige der Trojaner lieber bei ihren inzwischen gegründeten Familien und dem Leben in der neuen Heimat bleiben.  

Tcherniakov interessiert das aber offensichtlich nicht. Er lässt die Trojaner gar nicht erst in dem gastfreundlichen Karthago der Königin Didon an Land gehen, sondern weist sie in eine Rehaklinik für psychotraumatische Störungen ein. In Aix-en-Provence hatte Tcherniakov 2017 auch Carmen (bzw. Don José) in eine ähnliche Einrichtung geschickt. Dort hatte er der Story damit eine neue Dimension eröffnet und fasziniert. In Paris verkleinert dieser Zugang die Geschichte aber allzu drastisch. Königin(sein) wird hier zum Krankheitsbild. Die Lovestory zwischen Didon und Énée degeneriert zur fixen Idee von zwei Patienten. Didons Minister Narbal (Christian Van Horn) und ihre Schwester Anna (Aude Extrémo) avancieren zu Obertherapeuten in roten Westen – alle anderen sind hier ihre mehr oder weniger schwer Traumatisierte. Was sonst passiert, wird im großen Gemeinschaftsraum der Klinik unter ärztlicher Anleitung von den Patienten nur „gespielt“. So werden aus den (warnenden) Visionen eines künftigen Clashs der Kulturen und vor einem dauernden Krieg der Völker fixe Ideen der hoffnungslosen Fälle. Damit kam Tcherniakov bei aller Liebe zum szenischen Detail vielen Parisern wohl zu weit vom Wege ab. Fazit: Diese Reha-Kur ist dem alten Opernschmuckstück nicht so recht bekommen.

  • Weitere Aufführungen: 28.1., 31.1., 3.2., 6.2., 9.2. und 12.2. 2019

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