Logistisches Glanzstück, künstlerischer Mehrwert: Wagners „Der fliegende Holländer“ im Regensburger Hafen


(nmz) -
Ausgerechnet in den Regensburger Westhafen hat es Wagners Holländer-Schiff verschlagen. Weit getrennt durch das breite Hafenbecken blickt das Publikum auf das prächtige Stadtlagerhaus von 1910, vor dem die mikrofonierten, nur per Videoübertragung wirklich sichtbaren Sänger eine „semikonzertante“ Aufführung abliefern. Was sich wie eine eventsüchtige Schnapsidee des Regensburger Theaters anhört, entpuppt sich bald als theatraler Coup.
16.07.2017 - Von Juan Martin Koch

Andreas Hauslaibs spektakuläre Projektionen auf die Lagerhausfassade öffnen einen imaginären Assoziationsraum, wie bestellt laden ihn kreischende Möwenschwärme naturalistisch auf. Die Koordination mittels dreier Dirigenten funktioniert dank Tetsuro Bans souveräner Hauptschlaggebung hervorragend, Orchester, Chor und Solisten tönen erstaunlich gut durch die Lautsprecher.

Durch die unnatürliche Trennung von Gesang und Orchesterklang entsteht eine erstaunliche Textpräsenz und es entwickelt sich eine Art bebildertes Hörspiel, das dann mit dem Einfahren eines veritablen Geisterschiffs zum Finale seinen dramaturgischen Höhepunkt erlebt. Wagners Partitur wird einmal nicht als vermeintlicher Inbegriff genialisch-tiefschürfender Tonkunst zelebriert, sondern als das benutzt, was sie eben über weite Strecken auch ist: theaterwirksame Effektmusik.

Aile Asszonyi liefert als Senta ein Meisterstück kontrolliert-sinnlicher Soprandramatik ab, im Duett mit Steven Ebels kernigem, aber immer wieder auch sensibel charakterisierendem Erik ergeben sich die intensivsten Momente. Angelo Pollaks Steuermann und Yongmin Yoons Daland sind beinahe ebenso gut, Adam Kruzels Holländer kann an Textprägnanz nicht ganz mithalten.

Auch dank der hervorragenden Chor- und Orchesterleistung ist dem Regensburger Theater hier unter der Produktionsleitung von Jona Manow ein logistisches Glanzstück mit künstlerischem Mehrwert gelungen. Wie viel von dieser besonderen Energie sich in die „normale“ Produktion wird hinübertransportieren lassen, wird die kommende Spielzeit zeigen (Premiere: 23. September).

 

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