Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Mozarts „Le nozze di Figaro“ an der Münchner Staatsoper


(nmz) -
Figaro traut seinen Augen nicht. Was anfangs noch eine überschaubare Puppenbühne war, ein Nationaltheater en miniature, hat sich Akt für Akt zu einem Mammutbühnenbild (von Johannes Leiacker) ausgewachsen. So wie dieser „tolle Tag“ ihm und allen anderen zunehmend über den Kopf wächst.
27.10.2017 - Von Juan Martin Koch

Doch da gibt es noch weitere Männer am Rande eines Nervenzusammenbruchs: Cherubino zum Beispiel, der liebestrunkene Page, der (schwindel)erregend zwischen den Geschlechtern wechselt, und natürlich der Graf Almaviva. Er hat sich ernstlich in Susanna, die Zofe seiner Gattin verliebt, und seine Bemühungen, deren Hochzeit mit Figaro zu verhindern, fallen ihm allesamt auf die Füße. Die Frauen in Christof Loys Münchner Neuinszenierung strahlen dagegen bei aller Gefühlsverwirrung und -enttäuschung immer eine gewisse Würde und Souveränität aus. Ihre Lebensklugheit und Güte rettet den Tag vor der totalen Katastrophe.

Die erste große Frauenarie ist es auch, die den Premierenabend vor einer mittleren musikalischen Katastrophe bewahrt und ihn in ruhigeres Fahrwasser führt. Bis zum Beginn des zweiten Akts hatte Dirigent Constantinos Carydis das Staatsorchester im hochgefahrenen Graben zu einer absurden Hetzjagd durchs Mozarts Partitur genötigt. Ohne jede Rücksicht auf sängerischen Atem und die akustischen Gegebenheiten des großen Hauses erging er sich in selbstgefälligen, mit Handkantenschlägen signalisierten Tempo- und Dynamikeffekten. Zusammen mit den ohne erkennbares Konzept oft abrupt zwischen Hammerklavier und Cembalo wechselnden, ebenso atemlosen Rezitativbegleitungen ergab das im ersten Akt eine Mozart-Karikatur. Originellklang statt Originalklang.

Darunter hatte vor allem die ansonsten sehr überzeugende Solenn’ Lavanant-Linke in der Hosenrolle des Cherubino zu leiden, die mit ihrem „Non so più“ kaum eine Chance zur Entfaltung hatte. Dann aber Federica Lombardi mit „Porgi amor“: Plötzlich schien Carydis anzufangen, auf die Sänger zu hören, und man mochte seinem extrem elastischen und subjektiven Mozartstil mehr und mehr folgen. Auch die Ensembles fingen nun bei aller Rasanz an weiter auszuschwingen, die fließenden Übergänge zwischen Rezitativen und Nummern wurden plausibel, die in der Partitur nicht vorgesehenen Stillstände hatten etwas mit der Szene zu tun.

Und der Moment, da Loy und Carydis am stärksten in den Notentext eingriffen, entfaltete gar eine besondere Magie. Denn anstelle der nicht sonderlich dankbaren Arie von Ziegenbock und Ziege durfte die große Anne Sofie von Otter als Marcellina ihren neu entdeckten Sohn Figaro zu Beginn des vierten Aktes mit Mozarts schönstem Klavierlied in den Schlaf wiegen. In der „Abendempfindung“ rundete sich manche Schärfe ihrer Stimme zu einem intimen Trostgesang.

Christof Loys Stärke ist es, Personen behutsam, aber klar in ihrer Beziehung zueinander darzustellen und Konflikte ruhig, aber unerbittlich zuzuspitzen. Selten hat man das Zerbröseln aller Gewissheiten am Ende des dritten Aktes so desaströs vorgeführt bekommen. Das Orchester steuert dazu passend fahle Marsch- und Tanzklänge bei. Wenn Loy dann noch einen Charakterdarsteller wie Christian Gerhaher zur Verfügung hat, ergibt das Momente von größter theatraler Wahrhaftigkeit. Auch sängerisch gelang es Gerhaher, mit feinster Diktion zwischen den Zeilen zu lesen, seine Zurücknahme in Pianissimo-Bereiche war allerdings eine nicht immer gelingende Gratwanderung. So war sein herzergreifendes Vergebungsflehen am Ende kaum zu vernehmen. Und in seiner großen Arie im dritten Akt unterlief ihm bei der finalen Koloratur (ein Missverständnis mit dem Dirigenten?) ein schwerer rhythmischer Patzer.

Alex Esposito als ein von der Gesamtsituation zunehmend überforderter Figaro kam von Beginn an mit Carydis’ Extremen am besten zurecht, charakterisierte zupackend und nur in der tiefen Lage fehlte es ihm bisweilen an Volumen. Mit Federica Lombardis warm-volltönender Gräfin und Olga Kulchynskas berührend inniger Susanna hat diese am Ende beinahe einhellig umjubelte Produktion zwei wunderbare Mozartinterpretinnen, und auch die kleineren Rollen sind mit Sängern wie Manuel Günther (Basilio) oder Anna El-Khashem (Barbarina) ausgezeichnet besetzt.

Am Ende glaubt Figaro, den Spuk unbeschadet überstanden zu haben, aber auch er muss erst noch die mittlerweile riesige Tür durchschreiten. Was ihn dahinter wohl am Tag danach erwartet?

Die Vorstellung vom 28. Oktober wird ab 18.00 unter www.staatsoper.de/tv kostenlos live übertragen.

 

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