Märtyrer mit Kettensäge: Roland Schwab inszeniert Weills „Mahagonny“ in Gera


(nmz) -
Parallel zum Kurz-Weill-Fest 2017 in Sachsen-Anhalt bringt das Theater Altenburg-Gera im Jugendstil-Theater Gera „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Die Frage nach dem stimmigen Weill-Stil stellt sich hier: Der Autor plädiert – wie bei Ernst Krenek – für Pluralität von Romantizismen bis Bänkelton und Parodie. Denn ganz auf opernhafte Opulenz wollten ja weder Weill noch Brecht radikal verzichten („Tristan“ in „Street Scene“) - und bei den von letzterem so geliebten Zigarren kommen in Roland Schwabs Inszenierung möglicherweise noch andere Gedanken…
05.03.2017 - Von Roland H. Dippel

An musikalischen Auslegungen von Kurt Weill in Opernhäusern scheiden sich die Geister. Einige wollen zum in Leipzig 1930 uraufgeführten Skandalstück „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ nur knarzenden Sound und Diseusen mit Sprechgesang. Aber trotz authentischer und hinreichend bekannter Erläuterungen beinhaltet Weills Partitur für die Huren und Haifische in Bertolt Brechts „Netzestadt“ auch reichlich Angebote für Brillanz und Strahlen. Das darf man im Theater Gera jetzt hören, nach Halle ist diese „Mahagonny“-Premiere bereits die zweite in Mitteldeutschland 2017. Fast neunzig Jahre nach Entstehung ist auch die Anti-Oper „Mahagonny“ ein Klassiker und deshalb offen für Pranke, Eleganz oder beides. Takahiro Nagasaki hält das glänzend aufspielende Philharmonische Orchester Altenburg-Gera auf der Bühne des Theaters Gera in viel besserer Durchmischung, als das aus der offenen Akustik des Grabens möglich wäre. Er fordert von den Musikern satte und feingestufte Balzgirlanden um das exotisch girrende Banjo, Gitarre, Saxophon. So kommen Radau und Supergau der Stadt Mahagonny in die Nähe einer stimmgewaltigen „Götterdämmerung“ und sogar des Tanzes um das goldene Kalb bei Arnold Schönberg. Dabei bleibt diese musikalische Fülle immer federnd und im schwingenden Puls mit dem szenischen Geschehen. Ganz im Sinne der Weill-Apologeten, also passgenau ordinär, lässt Holger Krause den Opernchor agieren und der stürzt sich dazu freudvoll in die spielerische Schlacht. 

Da fährt Roland Schwab, immer markanter ein Quentin Tarantino des Musiktheaters, mit seiner Ausstatterin Christl Wein einiges auf. Die Gitterböden der Bühne um eine verdreckende Pfütze sind ein Menschenzoo mit viel Ledermieder-, Bolzen- und Bomber-Fashion wie aus der Techno-Höhle des Geraer „Rigoletto“: Zielscharf maßlos also für Brechts Zersetzungen durch Völlerei, eine Vergnügungsindustrie der mechanisierten Liebesakte und jenes aggressive „Du darfst!“, das der vergnügungswillige Jim Mahoney wie ein Barbar Conan von der scharfen Unternehmerin Begbick bis zur Vergewaltigung erpresst. Wenn es sein muss mit der Quelle seines Reichtums: Kettensägen der reichen Holzfäller aus Alaska spenden später käuflichem Frauenmaterial schale Lust. Hier ist wirklich alles erlaubt im Kopfkino über Zigarren, armlange Gummihandschuhe, aufgespießte Fleischbrocken, Slips und blutrote Boxhandschuhe. Die letzten Zärtlichkeiten: Nackenmassage und Wimpernrupfen in der Wellness-Zone.

An „Verwerflichkeit menschlicher Existenz“ spart der Abend nicht. Da liegt die Gefahr der Pose nahe und wird doch überhöht, weil die Figuren mehr mit der Kamera kommunizieren als mit den Menschen-Untieren neben sich. René Grüner (Video) kennt das Metier des Social-Media-Broadcast gründlich, auch die Erotik postfaktischer Manipulation: Einig sind die Massen im Rausch, entschärft wird jedes Greul. Auf dem Laufsteg durchs Parkett und Abgesängen aus dem Foyer kommen die Akteure zum Greifen nahe und bleiben doch fern trotz Schweiß und anspringender Leiblichkeit. In Schwabs Münchner Inszenierung von Boitos „Faust“-Oper „Mefistofele“ hat die nur geringfügig milder gestaltete Lusttruppe noch Ausblick in eine zerstörte Weite, in Gera bleibt sie hermetisch. Ein Außen gibt es dort nicht mehr: Wenn Mahagonny vom Hurrikan, gemeint waren 1929 die Nationalsozialisten, verschont bleibt, ist das für die Menschen-Kakerlaken der Startschuss zur sozialen Verwahrlosung.

Das alles wird vom glanzvollen Ostthüringer Opernensemble gewuchtet mit jener vokalen Souveränität, die man hier nach „Jenufa“, „Rübezahl“ und „Freischütz“ fast schon allzu selbstverständlich nimmt. Ja, es sind „echte“ Opernsänger, die gar nicht erst den ihnen schwer fallenden Diseusen-Ton der Göttinnen Lotte Lenya und Gisela May imitieren, sondern mit den Tugenden ihres Metiers Weills oft unterschätzte Anforderungen meistern: Tolle Diktion, funkelnde Gesangsrhetorik, gestandene Megapräsenz in Roland Schwabs großem Horrorladen! Die Überreichung der Medaillen bleibt da nur subjektiv. Zweimal Gold: Für Christel Loetzsch als sphinxhaft energische Witwe Begbick, die so wunderbar entfernt ist von den in diesem Part oft gemütlich zelebrierten Klischeeschlampen-Attitüden, und Hans-Georg Priese als Jim, der Revoluzzer und mit Stromstößen gekillte Heiland. Für seinen Fast-Heldentenor sollten Gera und Altenburg alle Seligpreisungen anstimmen. Strahlendes Silber schon im „Moon of Alabama“ für Anne Preuß (Jenny), die hier mit Wonne von der lyrischen Heroine zur nuttigen Kanaille und Superhexe wird. Und dazu die feinste Überraschung: Paul Kroeger (Fatty) aus dem Thüringer Opernstudio zieht als aufgeschossener Kobold-Conferencier problemlos durch im Kreis kraftvoller Sängerkollegen, sogar wenn diese einander mit Fäusten und Krafttönen attackieren wie Kai Wefer (Dreieinigkeitsmoses) und Ulrich Burdack (Joe). Viel Applaus für ein zapfendusteres und dabei grelles Weill-Spektakel in Schwarz-Rot-Grau.

  • Wieder am 17. (19:30)., 18. (19:30) März 2017 im Theater Gera, Großes Haus – www.tpthueringen.de  – Tel. 0365-8279105