Magie der Bilder – „Don Pasquale“ bei den Tiroler Festspielen Erl


(nmz) -
Melancholischer Volltreffer. Mit zwei Jahren Corona-Verzögerung kam im Festspielhaus Erl Caterina Panti Liberovicis Inszenierung von „Don Pasquale“ heraus. Giuliano Carella zeigte zu ihren morbiden Commedia dell'arte-Reminiszenzen, was in Gaetano Donizettis letzter Opera buffa an berührenden Schmelz- und Herztönen steckt. Donato di Stefano macht den zu oft als Polterpartie missverstandenen Pasquale zu einer lyrischen Paraderolle, Bianca Tognocchi ist eine souveräne und schlichtweg ideale Norina. Roland H. Dippel
28.12.2022 - Von Roland H. Dippel

Don Pasquale schreibt mit Federhalter, Blätter wirbeln. Bis zum Ende bleibt unklar, ob es sich um Lebensaufzeichnungen oder Poesie handelt, die der Mann in seinem vom Zahn der Zeit angegriffenen Palazzo zu Papier bringt. Ist es ein Harlekin, der auf Pasquales breitem Bett sitzt, oder schon der Tod, welcher mit seinem langen Schnabel nach dem erinnerungs- oder fantasieseligen Greis hackt? Sergio Mariottis patinierter Saal mit viel Schwarz und etwas Gold wirkt wie materialisierte Melancholie. Zwei Doubles spiegeln drei Hauptpartien von Donizettis letzter Opera buffa. Von durchgängig wirklichem Fleisch und Blut ist nur der Titel-Antiheld Pasquale, dem die anderen übel mitspielen: Neffe Ernesto will sein fettes Erbteil vom hier nur finanziell flott gepolsterten und ziemlich wendigen Onkel, um die Witwe Norina heiraten zu können. Diese wird dem Senior als Klosterinternatsblümchen untergeschoben, das sich nach Unterzeichnung des falschen Ehekontraktes als Teufel erweist. Also ist Pasquale froh, dass alles nur ein schlechter Scherz ist und verzichtet notgedrungen. Die bittere Pille des einsamen Lebensabends wird zum schönen fernen Traum von Jung- und Glücklichsein. Alles ist Behauptung und musikalisch üppiges Traumgespinst: Die Sinnlichkeit, die Sinnestrübung, der düster-schöne Schein. Erst könnte man denken, dass Caterina Panti Liberovici Donizettis in Paris 1843 uraufgeführte Partitur, welche im Erler Festspielhaus mit dem Luxus einer zu Verdis „Falstaff“ und Puccinis „Gianni Schicchi“ ebenbürtigen Komödien-Zukunftsmusik zelebriert wird, als inneren Film eines Sterbenden versteht. Doch alles bleibt offen.

Die Figuren-Double (Kathrin Freihube und Katharina Glas) stiften mit Fächer, Krinoline und Dreispitz identitäre Verunsicherungen. Sänger und Pantomimen wechseln in Raphaela Roses Kostümen zwischen bürgerlicher Kleidung und Commedia dell'arte-Figuren, der tolle Chor bleibt konzertant im Orchestergraben. Die Stilisierung der Bewegungen holt schon mal aus zur erotischen Deutlichkeit, bleibt dann in einer erlesenen Haltung. Irgendwann wird die Suche nach inhaltlicher Logik mühselig, da nicht zielführend. Es triumphiert die Magie der Bilder. In Joachim Kleins Lichtsäulen und -punkten für das überwiegende Bühnendunkel erinnerte sich das Produktionsteam an Donizettis fortschreitende Syphilis-Erkrankung. Jede Komödien-Reminiszenz hat einen zutiefst melancholischen Gestus. Das Erstaunliche: Dieser wirkt nicht aufgesetzt.

Szene und Musik sind bis zum letzten Takt von schlüssiger bis bewegender Einheit. Auf der musikalischen Seite kommen dazu ideale Glückspunkte. Giuliano Carella macht es mit dem hervorragenden Orchester der Tiroler Festspiele Freude, in „Don Pasquale“ die gleichen Herbstfarben und Seelentöne zu finden, wie sie in Donizettis „Liebestrank“ stellenweise und in „Maria Stuarda“ ständig aus den Figuren herausbrechen. Alle vier Hauptpartien zeigen delikates Stilgefühl. Ohne Larmoyanz haben sie das Donizetti-Gen. Allen voran Bianca Tognocchi als Norina mit einem ideal konditionierten Belcanto-Sopran, souveränen Verzierungen und kongenialer Persönlichkeit, die Komödie nicht mit outrierter Spielwut gleichsetzt. Donato di Stefano ist auf das italienische Opernkomödien-Repertoire spezialisiert und lässt sich auf die Paradepartie des Don Pasquale dennoch mit einer Ernsthaftigkeit ein, dass man vieles Vertraute wie zum ersten Mal hört. Enttäuschung darüber, dass es kein raubeinig komödiantischer „Don Pasquale“ wurde, ist bei dieser Lesart nicht angebracht. Brayan Ávila Martínez als Ernesto und Danylo Matviienko als Malatesta haben Leichtigkeit und Nachdruck, immer in den goldrichtigen Momenten. Nur Nicolas Legoux als Notar wurde von Donizetti im Partien-Umfang zu kurz gehalten. Ein Sängerfest in edelstem Anthrazit, über das man auf Bernd Loebes Intendanz-Achse zwischen der Oper Frankfurt und dem Tiroler Inntal stolz sein kann. Vorstellungen am 27.12. 2022 – 04. und 06.01.2023, 18.00 Uhr (besucht: Generalprobe 23.12.)

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