Mahnmal für Verdis Totenmesse im NS-Zwangslager und Ghetto Theresienstadt


(nmz) -
Ausnahmsweise muss einem Buch die musikdramatische Wucht von Giuseppe Verdis „Messa da requiem“ zugestanden werden - voran den Donnerschlägen der Pauken des „Dies irae“ – und dann Stille des Entsetzens! Das verdient und beinhaltet Josef Bors „Theresienstädter Requiem“ – und daher auch die Vorstellung neben aller Musik an dieser Stelle.
22.04.2021 - Von Wolf-Dieter Peter

Mit „Libera me“ verklingt Verdis Totenmesse im Pianissimo. Was wird da alles mitgeschwungen haben, als diese Bitte 1944 im heillos überfüllten Ghetto Theresienstadt erklang? Von über   140.000 dort durchgeschleusten, fast durchweg jüdischen Inhaftierten haben nur 23.000 überlebt. Doch in der von der NS-Propaganda zynisch geschönten „Stadt für die Juden“ gab es inmitten des Horrors ein frappierend reiches Musikleben: neben der herausragend bekannten Kinderoper „Brundibar“ von Hans Krása entstand dort auch Victor Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“, gab es über Smetanas „Verkaufte Braut“ hinaus zahlreiche und vielfältige Musikabende – und als Gipfel eben Verdis Requiem.

Einer der Beteiligten war Josef Bondy. Der 1906 geborene Rechtsanwalt wurde im Juni 1942 mit seiner ganzen Familie nach Theresienstadt deportiert und war dort im Bereich „Spedition der Selbstverwaltung“ eingeteilt; diese Männer genossen kleine Privilegien und konnten durch die häufigen Fahrten nach draußen und zum Bahnhof allerlei organisieren – auch für die Aufführungen. Daher rührte die kurze Freundschaft mit dem im Prager Konservatorium ausgebildeten Dirigenten Rafael Schächter. Der 38-jährige hatte schon Smetana und Ullman zur Aufführung gebracht und formte 1943-44 den großen, 150 Vokalisten umfassenden Chor für Verdis „geistliche Oper“. Er fand vier, allen Berichten nach beeindruckende Solisten, probte auswendig ohne Partitur und musste ständig „nachproben“, weil Mitwirkende in die Vernichtungslager deportiert wurden. Instrumental standen nur ein alter Flügel und ein Harmonium zu Verfügung. Die drei, wohl hochexpressiven Aufführungen blieben allen Überlebenden unvergesslich.

Josef Bondy überstand als Zwangsarbeiter für die I.G.Farben das Lager Auschwitz-Monowitz, dann im Januar 1945 den Todesmarsch ins KZ Buchenwald. Von den Amerikanern befreit, kehrte er nach Prag zurück und veröffentlichte als Josef Bor 1963 das „Theresienstädter Requiem“ als Novelle.

Im Kern faktengetreu, nahm Bor sich aber auch getreu der Gattungsbezeichnung etwas dichterische Freiheit: hinzuerfundene bedeutsame Randfiguren wirken mit; die „Spediteure“ organisieren etliche Instrumente und als novellen-typisches „ungeheuerliches Ereignis“ lässt Bor auch Adolf Eichmann samt NS-Entourage an einer Aufführung teilnehmen. Insgesamt erhebt sich aus der entsetzlichen Realität die emotionale Wucht von Verdis Werk - und daraus ein schlicht-großes Monument für Rafael Schächter.

„Libera me“? Wolfgang Benz, der Doyen der NS-Geschichtsschreibung, belegt im Nachwort: Die Mitwirkenden wurden im Oktober 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und fast alle, auch Bondy-Bors Familie, sofort in den Gaskammern ermordet. Georg Klein, der komponierend hochbegabte „Korrepetitor“ der Aufführungen, leistete im Außenlager Fürstengrube Zwangsarbeit und wurde am 27.Januar 1945 von der SS erschossen. Dirigent Rafael Schächter leistete gleichfalls Zwangsarbeit, überlebte aber den Todesmarsch nach Buchenwald nicht. Als „Salva me“ bleibt: ein Buch als Mahnmal für ein „Nie wieder!“.

  • Bor, Josef: Theresienstädter Requiem. Novelle. 127 S. u 4 Abb. Reclam Verlag Stuttgart 2021. € 18

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