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Kent Nagano und Jörg Widmann lassen sich feiern. Foto: Juan Martin Koch
Kent Nagano und Jörg Widmann lassen sich feiern. Foto: Juan Martin Koch
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Mehrheitsfähiges aus dem Schiffsbauch: Zur Uraufführung von Jörg Widmanns Oratorium „Arche“ in der Elbphilharmonie

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Am dritten Tag des Eröffnungsfestivals hatte das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano seinen ersten Auftritt in der Elbphilharmonie. Unter großem Jubel wurde Jörg Widmanns Oratorium „Arche“ uraufgeführt – passend zum Anlass ein repräsentatives Mammutwerk.

Dich teure Halle grüß’ ich wieder! Wie schnell man sich doch an einen Konzertsaal (und seinen Preis) gewöhnen kann, wenn er so einladend gelungen ist wie in Hamburg. Ohne von der Musik abzulenken bietet er mannigfaltige Anregungen für’s Auge, drängt sich nicht auf und öffnet doch eine für sich stehende ästhetische Perspektive. Die Elbphilharmonie als Ganze in ihrer Hafenlage als aufbrechendes, aber nie wirklich ablegendes Schiff zu deuten, liegt auf der Hand. Jörg Widmann hatte eine darüber hinausgehende Assoziation und komponierte als Auftragswerk für das Philharmonische Staatsorchester das Oratorium „Arche“.  

Arche? Die Philharmonie als der rettende Rückzugsort für eine von der Sintflut der Zeitläufte gefährdete Kultur? Ein etwas schiefes Bild, doch geht es Widmann dabei eher um eine allgemein religiöse Aura, die der Saal im Bauch des Schiffes in seinen Augen ausstrahlt. Diesen Bauch füllt Widmann mit einer Textvielfalt von der Bibel über Matthias Claudius und Friedrich Schiller bis zu Nietzsche und Klabund und entwirft ein opulentes, über 90-minütiges Tableau, das mit riesigem Orchesterapparat, Solisten, Chören und Orgel alle Register der oratorischen Überwältigungsmaschinerie zieht. Auch die Lichtregie leistet dabei ihren Beitrag.

Zwei Kinder als Sprecher (Jonna Plathe und Baris Özden mit stoischer Professionalität) erden den überambitionierten, zunächst aber sehr kurzweiligen Entwurf immer wieder und auch Thomas E. Bauer spielt seine Rolle als unbedarft hereinplatzender Baritonsolist mit einigem Witz. Was Widmann an unterschiedlichen, historisch konnotierten Stillagen nebeneinander stellt, macht schon der erste von fünf Abschnitten klar: Das „Es werde Licht“ ist eine modernistisch effektsichere Variante des Haydn’schen Schöpfungsbeginns, für Heines „Ein Fräulein stand am Meere“ schlägt der Bariton einen operettenhaften, für Klabunds „Der arme Kaspar“ einen Jugendstil-Tonfall zwischen Mahler und Berg an. Claudius’ „Empfangen und genähret“ schließt den Satz mit einem postbachischen Choral. 

Die Sintflut des zweiten Teils schrammt dann phasenweise nur knapp am sakralen Schwulst vorbei, und dankbar vernimmt man plötzlich die betörende Marlis Petersen, die von den Zuschauerrängen herabgurrend den dritten Satz („Die Liebe“) eröffnet. Hier beginnt man dann auch wieder über die viel diskutierte Akustik des Saales nachzudenken, so natürlich verströmt sich ihre brillant geführte Stimme unbegleitet im Raum. Vor dem Orchester stehend haben sie und Thomas Bauer dann aber mitunter Probleme, sich gegen das Orchester durchzusetzen, in dem insgesamt die Holzbläser etwas unterbelichtet erscheinen. 

Phänomenal ist die Präzision, mit der der Saal alles Perkussive abbildet. Wie schon am Vorabend bei der Wiederholung des Eröffnungskonzerts, wo man in Bernd Alois Zimmermanns „Photoptosis“ jedes einzelne Korn in den Maracas zu hören glaubte, trifft einen zum Beispiel die Attacke der Pauken mit elektrisierender Wucht, ohne dass der Gesamtklang dadurch verunklart würde. Enttäuschend dagegen, dass nach dynamischen Ausbrüchen (der „Israel!“-Schrei in der Sintflut) im Raum so gut wie nichts stehen bleibt. Was die Durchhörbarkeit solcher Fortissimo-Passagen betrifft, so kommt es eben stark darauf an, wer deren Klangentfaltung ausbalanciert. Wo Thomas Hengelbrock mit dem NDR-Orchester vieles dem Zufall zu überlassen schien und von der gnadenlosen Akustik entsprechend bestraft wurde, war Kent Nagano ein souveräner Organisator.

Zurück zum Stück, das im leicht ironisierenden Liebes-Satz trotz Schunkeleinlage des Chors („Verratene Liebe“) erste Durchhänger hatte und bei dem im anschließenden „Dies Irae“ die heraufbeschworene Apokalyptik eher behauptet den wirklich zum Sprechen gebracht wurde. Die beste Passage war ausgerechnet jene, in der Widmann einfach die Schlussapotheose aus Beethovens Chorfantasie (selbstredend mit zwei Klavieren statt nur mit einem) mit Auszügen aus der Frühfassung von Schillers „Ode an die Freude“ unterlegt.

Für den versöhnlichen Ausklang skandieren die rhythmisch sehr sicheren Alsterspatzen ein Alphabet der modernen digitalen Welt und stimmen dann einen Friedenskanon an, der sich nach und nach zu einem üppigen kontrapunktischen Gebilde steigert.

Darauf können sich alle einigen und der Jubel will kein Ende nehmen. Den nehmen verdientermaßen die Solisten, ein Knabensopran der Chorakademie Dortmund, die Sprecher, das Philharmonische Staatsorchester, der Chor der Hamburgischen Staatsoper, die Audi Jugendchorakademie, die Alsterspatzen, die Chorleiter Eberhard Friedrich, Martin Steidler und Jürgen Luhn sowie Kent Nagano und Jörg Widmann entgegen. Der hat ein dem Anlass entsprechendes, mehrheitsfähiges Stück komponiert. Eine Antwort darauf, wie der Aufbruch in jene musikalische Zukunft klingen könnte, den die Elbphilharmonie mitgestalten möchte, hat er damit allerdings nicht gegeben.

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