Mono-Oper bei der 29. Euro-Scene Leipzig: „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ mit Ozren Grabarić


(nmz) -
Ohne explizit am Musiktheater als geschlossene Sparte zu partizipieren, ergeben sich bei der Euro-Scene Leipzig immer wieder streifende oder direkte Brücken zu diesem. Nikolaus Habjan und Romeo Castellucci gehören zu den Künstlern, die Leiterin Ann-Elisabeth Wolff für umfangreiche Werkschauen nach Leipzig geholt hatte. In der 29. Festival-Ausgabe ging es vom 5. bis zum 10. November viel um Tanz. Ein Bericht von Roland H. Dippel.
13.11.2019 - Von Roland H. Dippel

Neben dem Wettbewerb „Das beste deutsche Tanzsolo“ gastierte das Theater der Klänge aus Düsseldorf mit „Das Lackballett“ nach Oskar Schlemmer anlässlich des 100jährigen Bauhaus-Jubiläums. Der Schweizer Choreograf Gilles Jobin beschäftigte sich in seiner Performance „VR_I“ mit den „Parallelwelten“, so lautete das diesjährige Festivalmotto, von Tanz und Virtual-Reality-Technologie. Eindeutig Musiktheater ist das Dreipersonen-Opus „Diary of a madman“ des Moving Music Theatre (MMT) aus der nordmazedonischen Stadt Bitola.

Genau: Der Untertitel lautet „Mono-Oper“, aber trotzdem ist „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ („Diary of a madman“) ein Dreipersonen-Stück. Der szenische Darsteller wurde von Marjan Nečak durch die ihn einschnürenden Sekundär-Protagonisten Video, Projektionen und elektroakustische Mittel derart konditioniert, dass eine Unterscheidung der künstlerischen und technischen Mittel sinnlos wird. Eine Maschinerie generiert und illustriert in der Dramatisierung also Geistesverrückung als soziale, nicht physisch-psychische Krankheit. Ist das die performative Botschaft von Marjan Nečak? Der Gründer des Moving Music Theatre (MMT) in Bitola betreibt dieses Projekt seit 2015 als künstlerischer Leiter, Textdichter, Komponist, Szenograph, Denker. Ein ‚Multiartist‘ also, bei dem sich das Bühnenbild im Kleinen Saal des Theaters der Jungen Welt aus einem Mischpult, einem Projektor und einer Tisch-PC-Office-Box für den einzigen Darsteller reduziert. Kaum eine szenische Gattung inklusive Film, für die Marjan Nečak nicht tätig war: Zeitgenössisches Ballett, choreographisches Theater, Oper, Mono-Oper, zeitgenössische Oper, Musica, Schauspiel mit Musik. Auch bei schmalen personellen und materiellen Ressourcen greift er gerne zur Technik – egal ob in Eigen- oder Co-Produktionen mit den Theatern in Zagreb und Ljubljana. Angetan haben es ihm jene poetischen Figuren, die – aus welchen Gründen auch immer – mit ihrer Realität in extreme Reibungen geraten: „Galilei in Ketten“, „Der Kaufmann von Venedig“, „Timon von Athen“. Der Schritt zu Aksenti Iwanowitsch Popristschin, dem fiktiven Verfasser des „Tagebuchs eines Wahnsinnigen“ in Nikolai Gogols Novelle, ist also naheliegend.

Gogols poetisches Ich fabuliert und irritiert sich aus dem Stumpfsinn seines Arbeitsplatzes weg in Größen-, Omnipotenz- und sinnestaumelnde Phantasien, in denen es Titulargraf und schließlich König Ferdinand von Spanien wird. Aber Popristschin kommt nicht von seiner lähmenden technokratischen Arbeitsscholle los. Marin Lukanovic hat alle technischen Fäden, Knöpfe, Regler in beiden Händen. Es gibt einige schöne Animationseffekte, die Musik reiht verschiedene Soundmuster und vor allem droht sie plakativ. Diese Theatermaschinerie vereint viele Mittel, die längst von der Innovation in die Konvention hinüberschwappten. Das technisierte Gesamtkunstwerk wird durch seinen großartigen Darsteller doch noch zum packenden Personentheater.

Woran liegt es, dass Ozren Grabarić, den deutsche Kinogänger derzeit in dem kroatischen Spielfilm „Das Geheimnis des grünen Hügels“ erleben können, erst im Equipment zu verschwinden scheint und trotz professioneller Disziplin dann alle technischen Spieleinheiten so gut wie unwichtig macht? Zu deutschen Übertiteln spricht, skandiert, singt, prosodiert, schreit und propagiert Ozren Grabarić seinen umfangreichen Text auf sehr langem Atem, oder atemlos. Erst auf Englisch und dann, nach der virtuellen Selbstbeförderung in den Hochadel, auf Spanisch. Beide Sprachen spricht er mit einem gewinnend runden und Vokale hervorhebenden, dabei immer top-verständlichen Akzent. Der körperliche Einsatz ist beträchtlich. Attribute wie sportiv, virtuos, brillant verbieten sich. Das sind nur ansatzweise zutreffende Kategorien für diese imposante Leistung, die weniger aus einem analytischen als den kraftvollen Reserven eines intuitiven Annäherns zu strömen scheint.

Durch den Darsteller wächst die Aufführung der Mono-Oper, bei deren Vorbereitung sechs dramaturgische Kräfte mitwirkten, über sich hinaus. Ozren Grabarić belebt Marjan Nečaks Anthologie postmoderner Theater- und Performance-Mittel durch eine bezwingende darstellerische Energie, mit der er aus Gogols wächsernen Subalternen eine von Energie strotzende Persönlichkeit macht. Marjan Nečaks technokratisches Environment erweist sich als Gefängnis, so gewinnt die von den technischen Mitteln diktierte Dramaturgie eine schon kafkaeske Doppelbödigkeit. Der Applaus steigerte sich vom lauen Beginn mit einem kräftigen Crescendo zu hartnäckiger Zustimmung. Die 30. Leipziger Euro-Scene findet statt vom 3. bis zum 8. November 2020.


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