Im Zweiten sieht man besser: Mozarts „Così fan tutte“ am Staatstheater Nürnberg


(nmz) -
Der Nürnberger Staatsintendant Jens-Daniel Herzog hat die neue Produktion von Mozarts „Così fan tutte“ zur Chefsache erklärt und inszeniert höchstselbst. Keine so tolle Idee, findet Juan Martin Koch:
24.02.2019 - Von Juan Martin Koch

Beim abendlichen Get-together einer Firmenveranstaltung im Tagungshotel kann man schon mal auf blöde Ideen kommen. Die Freunde Ferrando und Guglielmo lassen sich mit dem zynischen Spötter Don Alfonso auf eine fragwürdige Wette ein. Die Treue ihrer Verlobten wollen sie testen, nachdem es darüber zum handfesten Streit gekommen ist. Die Anwesenden Kolleginnen und Kollegen filmen die kleine Tätlichkeit mit dem Handy mit und werfen dann selbst ihren Wetteinsatz in den Schampuskühler.

Die Opfer des perfiden Spiels, die Schwestern Fiordiligi und Dorabella, werden dann in einer Art Big-Brother-Container zur Schau gestellt. In diesen glotzen wir, so offenbar das Konzept von Regisseur und Intendant Jens-Daniel Herzog, wie durch einen Smartphone-Bildschirm hinein. Von diesem Setting abgesehen, schnurrt der erste Akt dann allerdings in der üblichen, routiniert servierten Klamauk-Manier ab.

Die soeben tränenreich in den Kriegsdienst verabschiedeten Liebhaber kehren hier zunächst in der Verkleidung arabischer Gangsta-Rapper mit Goldkettchen zurück, um sich jeweils an die Partnerin des Freundes ranzumachen. Bei der Heilung der vermeintlich aus Verzweiflung sich vergiftenden Schwerenöter wird dank entsprechend aufgepeppter Übertitel aus dem Mesmer’schen Wunderstein des Originals ein „erektiler Magnet“ – mit entsprechender Wirkung in der Hüftgegend.

So wie die Treue der Frauen wird in jeder Così-Produktion im zweiten Akt auch stets die Tragfähigkeit des Regiekonzepts auf die Probe gestellt. Hier entscheidet sich, ob es beim oberflächlichen, leicht misogynen Ulk bleibt, oder ob man zusammen mit Mozart tiefer in die Psychologie dieses desillusionierenden Liebes-Vierecks einzusteigen bereit ist.

Jens-Daniel Herzog will von Beidem ein wenig und scheitert somit. Für die offenkundige Frage, warum die Schwestern die beiden, nun als Mekka-Pilger nur noch rudimentär Verkleideten nicht als das erkennen, was sie sind, hat er keine plausible Erklärung anzubieten. Dass auch den Männern das Ganze nun zunehmend emotional über den Kopf wächst und sie die Verführung nur mehr widerwillig durchziehen, wird angedeutet, aber nicht konsequent ausinszeniert. Vor allem aber bleibt die Big-Brother-Assoziation folgenlos. Erst am Ende, beim notdürftig herbeigeredeten Happy-End der „richtigen“ Partner, schmeißen die Protagonisten – bis auf Alfonso lauter übel vorgeführte Fernsehkandidaten? – uns die Blumensträuße vor die Füße.

Das unausgegorene Regiekonzept wird bei dieser Premiere von einem ausgezeichneten, jungen Ensemble mit Leben erfüllt, das für künftige Nürnberger Mozart-Unternehmungen zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Julia Grüter als Fiordiligi brillierte trotz weniger stark ausgeprägter Tiefe in der Felsenarie und sang das „Per pietà“ des zweiten Aktes als anrührende Innenschau einer verunsicherten Seele. Zusammen mit der temperamentvollen, vokal nicht minder überzeugenden Amira Elmafda bildete sie ein auch in den Stimmfarben perfekt harmonierendes Schwesternpaar. Akrobatisch-quirlig  mischte die sängerisch souveräne Andromahi Raptis als Despina in Glitzerleggings und Leoparden-Shirt die Szenerie auf. Martin Platz’ kultivierter, im richtigen Moment aber auch kernig zupackender Tenor war eine Wohltat, Wonyong Kangs Alfonso hielt aus der Tiefe die Intrige geschmeidig am Laufen. Vom Klang her überstrahlte Denis Milos Guglielmo sie alle – was für eine Stimme!

Am Pult der in Blech und Pauke wunderbar historisch knackenden Staatsphilharmonie sorgte Lutz de Veer für pointiert-flüssigen, aber nie verhetzten Orchesterklang. Die bisweilen rhythmisch übers Ziel hinausschießenden Sänger fing er immer wieder erfolgreich ein. Große Zustimmung für alle Beteiligten – so kann man’s machen, musikalisch zumindest.

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