Musikalischer Ausverkauf – „Das Musikgeschäft“ aus dem Radialsystem Berlin gestreamt


(nmz) -
Während sich Veranstaltungen aktuell wieder in einem Hin und Her zwischen Öffnungen und Schließung befinden, war die Gemengelage im Februar noch klar: Alles blieb dicht. So fand auch „Das Musikgeschäft“, das Komponist Neo Hülcker und Dramaturg Bastian Zimmermann als gemeinsame Regiearbeit über die Bühne des Radialsystems brachten, als Online-Musiktheater statt. Mittelpunkt des musikalischen Kabinetts voller nostalgischer Details der durch Michael Kleine und Lisa Fütterer gestalteten Bühne bildet Ladenchef Armin Wieser mit seinen Angestellten Heinrich Horwitz und Sabrina Ma. Wie alle Beteiligten spielen sie mit echtem Namen auf der Bühne.
05.04.2021 - Von Konstantin Parnian

So richtig findet sich Armin in dieser neuen digitalen Welt nicht zurecht. Trotzdem stellt er sich vor die Kamera, um seinem Musikladen eine Online-Präsenz zu verschaffen, denn für diesen würde er alles tun. „Also… es ist jetzt bisschen altväterlich“, gibt Heinrich in freundlich verständnisvollem Ton nach einem ersten Versuch zu bedenken und fügt hinzu, dass „ab und zu ‘n Anglizismus“ helfen könnte. „Hmm… ja, verstehe. Wir müssen komplett andere People werden“, outet sich Armin in seiner liebenswert unbeholfenen Art als Boomer, wuschelt sich durch die silbrig-seidenen Haare, um dem jungen Style von Heinrich näher zu kommen, stellt sich zurück an den Tresen vor die Kamera und setzt erneut an: „Hey jo Leute, hier findet ihr euren Beat!“, katapultiert er sich jenseits aller jugendlichen Coolness. Nach ein paar Probeshots schließlich obsiegt jedoch Beharrlichkeit über sichtliches Unwohlsein und ein akzeptabler Mittelweg ist gefunden, so dass es ab in den ersten Livestream gehen kann. „Das war doch gar nicht schlecht“, ermuntert Heinrich seinen Chef im Anschluss, „hat’s Spaß gemacht?“ Optimistisch drückt dieser einen bejahenden Stimmlaut aus sich heraus, während er schweißgebadet die Wasserflasche in sich hineinkippt.

Musikalisches Gerümpel

Das Musikgeschäft von Armin sieht von innen aus wie eine Mischung aus Backstage und Lagerraum. Vor dem reichlich bestückten Tresenabschnitt prangt ein Drehständer mit Grußkarten und Kabeln neben Gitarren und Violine. Schräg gegenüber sind hinter einer pink tapezierten Säule am Rand schwer erreichbar vollgepackte Regalbretter an die Wand geschraubt. Auf weiteren Wandbrettern posieren unter Instrumentenkoffern und neben Mischpult kitschig anmutende Alien-Figuren mit Kopfhörern über unsortierten Kisten aus denen weitere Kabel herausragen. Dazwischen, im Zentrum des Raums, gruppieren sich auf einem Podest mehrere Gitarrenvarianten zwischen Saxophonen, Trompeten, Bongos und Pauke. Der Schauplatz scheint im Lichte großer Einkaufsketten mit ihren fortschreitenden Standardisierungen und Funktionalisierungen aus der Zeit gefallen. Weder der Charme von Inhaber Armin noch der der Einrichtung können verbergen, dass diese Art von Geschäftsmodell unter Druck steht. Was an Technik da ist, konnte ähnlich schon vor der Jahrtausendwende erworben werben – CDs hängen von der Decke wie Relikte einer vergangenen Zeit. Einzig das Bimmeln der Ladentür erschallt zeitlos vertraut.

Musikgeschäftmusik

In diese unübersichtliche Ausstellung mit sympathischem Trashfaktor treten nun die unterschiedlichsten Figuren. Da ist etwa der junge Drummer David Benzov, der erst einmal vor dem obskuren Hundepräparat erschrickt, bevor er nervös auf dem Tresen trommelt, woraufhin ihn Armin in den separierten Übungsraum ans Schlagzeug lässt und anschließend auf einem Bildschirm beobachtet, wie sich der Junge mal laid-back, mal vorwärtstreibend austobt, um in steigernder Überlagerung abschließend ganz lässig ein fulminantes Feuerwerk zu zaubern. Ein weiterer Gast ist Multi-Musikerin Valerie Renay, deren Konzert der stets interessierte Armin bereits besuchte, wie er zu erkennen gibt. Konzentriert spielt sie die unterschiedlichsten Instrumente an, kommt ins Experimentieren, schleift Stahlsaiten auf und ab, schraubt, zupft, zirpt. Auch die auf der hektischen Suche nach einem Mundstück hereinrauschende Klarinettistin Carola Schaal erkennt der informierte Ladenbesitzer schnell und wechselt einige wenige Worte, ehe die Musikerin zu ihrem kurz bevorstehenden Konzert eilt. Gäste mimen auch Schauspieler Christian Dieterle und Performancekünstlerin Antonia Baehr, die durch den Hintergrund huschend mit den Fingern tippeln und tröpfeln, wenn sie nicht gerade in irritierende Interaktionen treten: „Kennen sie Sven Åsen Johannsen? Der hatte ein Musiktheaterprojekt: Das Musikgeschäft“.

Geschäftige Geräusche

Zwischen den Kundinnen und Kunden schleicht sich schon früh ein Lieferbote herein, der – „Vorsicht, das Alphorn!“ – gerade noch vorm Stolpern bewahrt werden kann, um anschließend den Berg an Paketen zu vergrößern. Um den Abbau dieses Haufens als Promo-Programm zu nutzen folgt ein Unboxing für den Video-Kanal: Flüsternd knistert das Verkaufsduo aus Armin und Heinrich an Klebeband und Geschenkpapier, schneidet kontrolliert mit dem Teppichmesser ins „Bruchgefahr“-Band, kostet jede Bewegung aus. Hände schaben auf Styropor, knüllen, reißen – Luftpolsterfolie quietscht und knackt. Eine Stahlschnalle schnarrt – das unikate Surren eines Reißverschlusses. Es sind diese Episoden von Geräuschkulissen die den musikalischen Anteil des Abends prägen. Durch Kratzen und Klappern, Sägen und Klopfen, Schlagen und Kugeln versucht „Das Musikgeschäft“ die Sinne für jene Soundscapes zu schärfen, die uns im Alltag umgeben. Zugleich stellt es einen Bezug zum inzwischen immer weiter verbreiteten Phänomen der ASMR-Sounds her, ja persifliert diese geradezu durch die künstlerische Überhöhung.

Die Klangregie von Janine Eisenächer spinnt aus den Fäden der Klangkulisse ein mal eng- mal weitmaschiges Gewebe unterschiedlichster akustische Ereignisse, das wabernd sich aufknüpft und abgewandelt wieder ineinander strömt, ohne sich zu verheddern. Zwischenwelten werden ebenso durch die Gegenüberstellung von Ladenklingel und Glockenspiel hörbar, wie wenn das Klackern am Synthesizer in elektronische Klänge übergeht oder das Hantieren am Instrument die Sphäre von Musik und Geräusch verschwimmen. Hintergründig lässt Florian Dieterle (als weiterer Kunde natürlich) das Saxophon schnattern, spielt sich mit verlorenen Linien melancholisch in den Vordergrund. Freudig beschwingt schaltet sich Carola Schaal mit der Klarinette ein, tänzelt trillernd sportliche Figuren, exotisiert, beschwört – sind wir nun doch in ihrem Konzert?

Musik muss sich verkaufen

Armin stellt den Typus Verkäufer dar, der sich gern viel Zeit für sein Klientel nimmt und sich auch mal in Gesprächen mit den Kundinnen und Kunden verliert. Nicht zuletzt steht er damit auch für die Individualität des Einzelhandels, der nicht erst durch die Krise in Bedrängnis gekommen ist. Die Jüngeren wissen sich mit den neuen Umständen besser zu arrangieren. Sabrina beherrscht das interaktive Teleshopping einwandfrei. Die Mundharmonika von Hohner weiß sie geschickt mit dem Gründungsjahr 1857 zu bewerben: „Das ist eine Zahl, die gibt vertrauen“ und fügt humorvoll hinzu: „Man muss sie gar nicht spielen können … man kann sie auch einfach am Strand in der Tasche haben und wenn wer kommt, sagt man: Hey, magst du was spielen?“ Die Fanny Hensel Lieder haben es da einfacher; schon kommen Anrufe des Publikums von auf der anderen Seite des Bildschirms. Besonders originell befindet sich unter dem Angebot auch eine Gitarren-Skulptur und – persönliches Highlight – eine pinke Büste von Olga Neuwirth. Als diese verkauft wird ist schließlich auch Armin eingespielt, wenn er einer irritierten Anruferin, die sich doppelt hört, zu antworten weiß: „Doppelt hält besser!“

Allein steht Armin in einer ruhigen Minute ins Keyboard versunken da und klimpert herum, sucht improvisatorisch nach einem Jingle. „Das-Mu-sik-ge-schäft“ murmelt er auf den Tönen h-h-d-d-c ein paar mal zufrieden. Vielleicht gibt es doch einen Platz für ihn in dieser wilden Welt, die vom Virtuellen nach und nach vereinnahmt wird. Vielleicht liegt der Schlüssel gerade im Hören, im Hinhören, auch den Kleinen mehr Stimme zu verleihen.

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