Musikalischer Zwischenstatus der Moderne – 4. Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein Main cresc…


(nmz) -
‚Transit‘ bedeutet die Durchreise von Waren oder Personen durch ein Drittland. Es ist weder Herkunft noch Ziel, sondern zu überwindendes Gebiet – ein Zwischenstatus, unter dem man, wenn man ausreichend lange sinniert, alles verorten kann. Damit ist der Begriff ideal als Festivalthema. Die 4. Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein Main cresc… nahm sich dessen an und veranstaltete vom 22. bis 26. November 2017 in Frankfurt am Main, Hanau und Wiesbaden Konzerte, Roundtables, Performance, Klanginstallationen und Oper unter diesem Motto.
29.11.2017 - Von Juana Zimmermann

Als Seitenthema des Festivals war der Komponist Isang Yun, der dieses Jahr 100 Jahre geworden wäre, gesetzt und so begann das Festival mit einer Vorführung des Films In Between North and South Korea von Maria Stodtmeier in der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt. Der Film ist eine Dokumentation über die gegenwärtige Rezeption Yuns in Nord- und Südkorea und vermittelt dabei, warum seine Musik sehr aktuell ist. Der Musiker, der häufig deshalb in Erinnerung ist, weil er 1967 vom südkoreanischen Geheimdienst entführt wurde, träumte von einem unabhängigen und vereinigten Korea und versuchte mit seiner Musik dafür Brücken zu bauen. Nach der Filmvorführung gab es Kammermusik von Yun und ein Gespräch zwischen Stefan Fricke (hr2-kultur) als Moderator, Maria Stodtmeier und Walter van Hauwe (dessen Studierende hatte eines der Stücke aufgeführt). Ein passender Einstieg für ein Festival, wenn es sich um den Komponisten Isang Yun drehen soll. Schade nur, dass in den folgenden Tagen Yun fast nur noch am Rande auftauchen sollte.

Ständige Ortswechsel

Am selben Abend folgte eine Tanzperformance im Mousonturm von Antibodies, Mamaza und dem Ensemble Modern über Holderlins Hyperion. Dieser ständige Ortswechsel war prägend bei cresc…. Man war als Publikum ständig im Transit. Nach der zu langen und phrasenhaften Darbietung – man erfuhr, dass der Mensch die Natur unterjocht und dass die Polkappen schmelzen, auf 80 Minuten gedehnt, präsentiert – strömte man ins Foyer und durfte kaum innehalten oder sich austauschen, denn es folgte das „Pinke Sofa“. Das „Pinke Sofa“ war eigentlich ein kleines schwarzes Sofa mit einer rosa Decke überworfen und sollte die Festivaltage mit Kammermusik und Gespräch zwischen Festivalbeteiligten ausklingen lassen, doch fühlte es sich wie noch ein Programmpunkt an.

Am Donnerstag, dem Programmeröffnungstag laut Programmheft, wurde dann auch das Thema aufgegriffen, mit dem man ‚Transit‘ in dieser Zeit zumeist in Verbindung bringt: Flucht. Schülerinnen und Schüler der Frankfurter Bettinaschule stellten ihr musikalisches Ergebnis aus der Zusammenarbeit mit der Projektgruppe „Bridge“ – die sich aus Musikerinnen und Musiker, die eine Flucht hinter sich haben, zusammensetzt – vor. Danach noch eine etwas kleinere Aufführung der „Bridge“-Musiker und Musikerinnen, Ensemble Modern- und Internationale-Ensemble-Modern Akademie-Mitgliedern in den Foyers der Alten Oper. Damit war das Thema „Zwischen Kunst und Politik“ abgehakt, welches der dritte Untertitel der Biennale war.

Nun konnte man zu der ‚ernsthaften‘ Musik schreiten, wie man sie in Darmstadt, Donaueschingen & Co findet: dem Eröffnungskonzert mit Zeynep Gedizlioğlus Verbinden und Abwenden für Ensemble und Orchester als deutsche Erstaufführung und Philippe Manourys In Situ. Der Große Saal der Alten Oper, der bis zu 2400 Personen fassen kann, war für dieses Vorhaben dann doch leicht überdimensioniert mit schätzungsweise 350 Besucherinnen und Besuchern. Künstlerinnen und Künstler dieses Konzerts setzten sich aus veranstaltenden Ensembles des Festivals zusammen: das Ensemble Modern und das hr-Sinfonieorchester. Sie agierten ausgesprochen homogen miteinander und die Mitglieder des Ensemble Modern erkannte man nur daran, dass sie im Gegensatz zum schwarz tragenden hr-Sinfonieorchester bunte Hemden trugen.

Allheilmittel

Der dritte Tag war ruhiger als die anderen Tage und fand ausschließlich im Hessischen Rundfunk statt. Zunächst gab es einen Jüngere-Komponist*innen-Roundtable mit u.a. Zeynep Gedizlioğlu und Martin Grütter, dessen Allheilmittel für Orchester mit Klavier und Hyperklavier im danach folgenden Konzert uraufgeführt wurde. Ungewöhnlich an den abendlichen ‚großen‘ (in großen Sälen stattfindenden) Konzerten waren die Impulsvorträge nach der Pause. Denn damit war die sprachliche Auseinandersetzung mit Kunst nicht nur ein Rahmenprogramm, sondern zentral gesetzt.

Der nächste Ortswechsel führte einem am vorletzten Tag nach Wiesbaden, wo es zu einem Festival im Festival kam: Unter dem Konzepttitel Tectonics bringt der Dirigent Ilan Volkov regelmäßig experimentelle Musik für kleine Besetzungen auf die Bühne. Angefangen hat dies 2012 mit einem Tectonic-Festival in Reykjavík. Im Rahmen von cresc… präsentierte er vor allem Musik und Klangperformance von Alvin Lucier. Bedauerlicherweise überschnitt sich dieses Programm sowohl mit der Oper Schönerland von Søren Nils Eichberg als auch mit dem „Schlippenbach“ übertitelten Konzert mit Alexander Schlippenbach, seiner Frau Aki Takase, seinem Sohn DJ Illvibe und der hr-Bigband. Festivaluntypisch überschnitt sich bei cresc… an den anderen Tagen nämlich nichts. So muss man wohl eher von einem Festival über oder auf einem Festival sprechen. Denn der zweite Teil von Tectonics musste verspätet anfangen, weil die Parallelveranstaltungen wiederum über die Zeit hinausragten und dann doch nicht auf das Publikum verzichtet werden sollte.

‚Transit‘ war letztlich das Gefühl, dass man als Zuhörer oder Zuhörerin mit sich herumtrug, wodurch ein Festivalspirit versagt blieb. Denn die Chance inne zu halten, gab es nicht, weder psychisch noch physisch. Der letzte Tag hielt für einen morgens Frankfurt, nachmittags Hanau, abends Frankfurt bereit. Nachdem die beiden ersten Konzerte sich bereits etablierten Werken von Isang Yun, erstmals zentral positioniert, und Johann Sebastian Bach widmeten, ist noch das letzte Konzert hervorzuheben, das fünf Uraufführungen von Komponisten (ausschließlich männlichen) der jüngeren Generation (*1984-1993) bereithielt. Matej Bonin wagte mit Shimmer II expressive orchestrale Glissandi. Malte Giesen erweiterte mit Surrogat / Extension das Klavier und schrieb ein Doppelkonzert für Klavier und Keyboard. Ole Hübner trug bei Drei Menschen, im Hintergrund Hochhäuser und Palmen und links das Meer ein opulentes Klangmahl aus Soundscape, Orchester und Elektronik auf. Mit der Sound-Performance Hymns and Laylas of Mascow von Vladimir Gorlinsky gab es einen kurzen, sehr feinen Gegenpart zum restlichen Programm. Und in How to pronounce Alpha – Zwischenlaut und Überzahl stellte Andreas Eduardo Frank die Frage nach den Rollen in einem Ensemble mit einer fulminanten Lichtinszenierung zur Musik.

Zusammenfassend betrachtet war dieses Festival vor allem viel: Avantgarde, Jazz, Tanz, Oper, freies Ensemble, Rundfunk, Politik, Kunst, Neues, Jugend, Zeitgeschehen, Gespräche, Diskussion und Film in fünf Tagen, die an vier davon frühestens um 17 Uhr begannen. Trotz dieser Diversität sei noch nachgetragen, dass die Musik gar nicht so verschieden klang. Es waren vor allem dissonante Klangteppiche, die mit klassischen Orchesterinstrumenten auf recht konventionelle Weise generiert und teilweise von Elektronik ergänzt wurden. Selbstverständlich waren alle Werke hervorragend aufgeführt und interpretiert. Wir sprechen hier vom Ensemble Modern, einem der führenden Avantgarde-Ensembles, dem Sinfonieorchester des hr, Alexander Schlippenbach, Enno Poppe und Co. Die einzelnen Werke konnte man mögen oder nicht. Es war eine bunte Tüte: für jeden was dabei, aber doch nur ein Kompromiss, der einem wohl nur transitorisch beschäftigt haben wird.

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