Musikalisches Niemandsland: „Spieltriebe 8“ am Theater Osnabrück – Drei musikalische Uraufführungen auf Route Rot


(nmz) -
Das Osnabrücker Symphonieorchester feiert in der Spielzeit 2019/20 sein hundertjähriges Bestehen und war auch deshalb in der Route „Gottes Konkurrenz“ des achten Festivals „Spieltriebe“ in einem eigenen Block mit drei Uraufführungen zu erleben: Insgesamt zwölf neue Theaterarbeiten gab es vom 6. bis zum 8. September unter dem Motto MENSCH®. Eine theatrale Rundreise vor Ort von Roland H. Dippel.
10.09.2019 - Von Roland H. Dippel

Auf den Beginn für alle Zuschauer im Theater am Domhof mit einer szenischen Überschreibung von Oswald Panizzas Erzählung „Die Menschenfabrik“ verteilten diese sich in fünf Shuttle-Gruppen auf verschiedene Locations im Stadtgebiet und kehrten nach insgesamt sechs Stunden wieder an den Ausgangspunkt (mit Abschlussparty) zurück. Einige Produktionen sind ‚Dreitagsfliegen‘ des Festivals, andere kommen als separate Produktionen auf den regulären Spielplan. Musik- und Tanztheater zeigten drei Stücke: Die Oper „Das Ebenbild“ von Kyungjin Lim, die Konzert-Installation „Der alte Traum“ von Tingting Pang und das Tanzprojekt „Tabula Rasa“ von Mariachiara di Cosimo.

Klimawandel, Selbstoptimierung, künstliche Intelligenz, Turbokommunikation waren vom 6. bis 8. September zentrale Themen des Fünf-Sparten-Festivals „Spieltriebe 8“ am Theater Osnabrück. Die Lage ist in den vorgestellten Stücken nicht ganz hoffnungslos, der Blick auf die labile Balance der Zivilisation blieb bemerkenswert sachlich. Das galt auch für die Darstellung von Emotionen. Die Genres Tragödie und Komödie gingen hier in Dokumentar-, Lehr- und Parabelstücken auf. Doch sogar die beiden zusammengesetzten Musiktheater-Partituren und das Tanz-Projekt mit Live-Orchester – Werke also jener Genres, denen man noch immer eine gesteigerte emotionale Kraft zuschreibt – finden zu den grell aufschreienden Sujets eher versachlichende, kaum impulsive Töne. Das bemerkten vor allem jene Mehrfach-Zuschauer, die an mehr als einer Route teilnahmen.

MENSCH® schildert die Bestandsaufnahmen der Gegenwart und nahen Zukunft alles andere als rosig. In Jakob Fiedlers Inszenierung von „Die Menschenfabrik“ kommen die von psychisch-physiologischen Gleichlaufschwankungen unbeleckten Humansubstitute gar nicht so schlecht weg und wirken in ihrer androgynen Einschichtigkeit sogar sympathisch, bis der ‚echte‘ Mensch (Oliver Meskendahl als Wanderer) mitsamt Emotionen und biologischem Stoffwechsel gut entsorgt am Bühnenzug hängt. In der Uraufführung von Kevin Rittbergers „IKI.Radikalmensch“ läuft die Sache weitaus skeptischer: In einer nahen Zukunft, in der Bürger*innen zur Regenerierung verbliebener Restressourcen fast alles untersagt ist, kippt die Beziehung eines Menschen zu einer „Intimen künstlichen Intelligenz“ immer mehr in vormoderne Neurosen und belastet durch psychischen Mehraufwand auch noch die elektronischen Datenkapazitäten.

Gemessen an den realitätsnahen Tendenzen, welche die deutschsprachige Erstaufführung von Sarah Berthiaumes „Nyotaimori“ mit einem drastischen Einblick in die turbokapitalistische Lohn- und Imagesklaverei bereichert, bleibt die Orchester-Route „Gottes Konkurrenz“ von fast argloser Besinnlichkeit. Das liegt an der melodischen Faktur, dynamischen Feinheiten und der kompositorischen Akkuratesse dieser drei Partituren für Kammerensembles und auch am narrativ-lyrischen, fast scheuen Gestus der Inszenierungen von Haitham Assem Tantawey. Vor allem in der Oper „Das Ebenbild“ kultiviert er Verhaltenheit. Diese Annäherung an die beiden sehr gestisch und tonal-diatonisch anmutenden Partituren motivierte die Solisten und das hervorragende ‚Chor-Quartett‘ (Heike Hollenberg, Chihiro Meier-Tejima, Mario Lee, Ulrich Enbergs) zu weicher Phrasierung bei prägnanter Diktion. Der Aufführungsort der beiden Werke im Areal des schwedischen Tisch- und Dekoartikel-Herstellers Duni erwies sich mit runder Surround-Wirkung als optimal für die Oper „Das Ebenbild“ von Kyungjin Lim, der in Mannheim Komposition studiert, und die vorausgehende Konzert-Installation „Der alte Traum“ von Tingting Pang (Kompositionsklasse von Arnulf Herrmann in Saarbrücken). Der Mittelgang der langen Lagerhalle war die Spielfläche, das Publikum saß an einem Ende und die Orchestermusiker*innen wechselten ihre Position zwischen den Stücken von der Mitte an die Seite. An-Hoong Song und Markus Lafleur machten am Pult vergessen, dass der transparente und dabei meist getragene, rezitativische Satz offenbar komplizierter ist als in dieser sehr guten Wiedergabe hörbar.

Sonia Hilpert tauchte organische und atmosphärische Materialien in Kontrast gegen graue Wände und gestapelte Europaletten der Duni-Halle in warmes Licht. Zu „Das Ebenbild“ sitzen die Musiker*innen hinter den Zweigen der Krone einer Birke. Deren in grobe Stücke geschnittenen Stamm versucht das Chorquartett auseinander zu ziehen. Retro-Archaik, in der Menschen ihre Grenzen überschreiten und die Natur mit wohlgeordneter Rationalität zerlegen.

„Das Ebenbild“ ist der mit Stammzellen ihres todkranken Mannes (Hans Gröning kurzfristig eingesprungen für den erkrankten Genadijus Bergurulko) in den Körper der Frau (Susann Vent-Wunderlich) eingesetzte Fötus, mit dem sie diesen für sich und die Nachwelt zu erhalten versucht. Der unbedenkliche Forscher (Hans-Hermann Ehrich) lässt die Frau am Ende in ihrer moralischen Irritation allein. Denn der genetische Scan reproduzierte ausschließlich die physiologischen Eigenschaften des Mannes, nicht aber dessen Individualität und Psychostruktur.

Witzig davor die spielerische Installation „Wir lassen vorbei ()“ von Yi-Jou Chuang, in der das Publikum an Tischen saß, aus papiernen Sushi-Imitationen Bilder nimmt, mit Hashtags versieht und andere kommentiert. Online-Alltag als haptisches Gesellschaftsspiel.

Der Beitrag der Dance Company bestach durch Reibungen zwischen Sujet und Schauplatz: Frisch und einladend wirkt die 1923 erbaute Liebfrauen-Kirche in Osnabrück-Eversburg. Hier zeigt sich der Katholizismus von der freundlichen, hellen, tröstlichen Seite. Mit flächigen und dabei melodiösen Partikeln unterlegte Mariachiara di Cosimo (aus der Kompostionsklasse von Sidney Corbett in Mannheim) die performative Choreographie von Company-Leiter Mauro de Candia. Dieser treibt seine Tänzer*innen in asymmetrischen, meist langsamen Bewegungen durch den Kirchenraum, die hölzernen Bankreihen und das sich frei bewegende Publikum. „Tabula rasa“ meint hier das Gedankenspiel, ob und wie sich auch Menschen mit einem Reset von digitaler Bildung und Information auf Null setzen könnten. Die mit bunten ‚Drähten‘ umschlungenen Tänzerkörper in grauen Trikots vereinen sich am Ende vor dem Altarbild Ruth Landmanns und wollen aus dem sakralen Raum heraus. Die Musik dazu: Szenennaffin komponiert und interpretiert unter der Leitung von Sierd Quarré.

Optimistisch, komisch, tragisch, sarkastisch wirkte keine Realisierung der insgesamt sieben Beiträge auf der Musik-Route „Gottes Konkurrenz“. Die drei Partituren von Mariachiara de Candia, Tingting Pang und Kyungjin Lim enthielten bei der Erstbegegnung keine oppositionellen, auch keine subjektiv-affirmativen Ebene. Sie wirken wie tönende Illustrationen auf hohem Niveau, die vor dem durch Algorithmen gelenkten Schwarmverhalten bereits kapitulieren. Möglicherweise lag das an der geballten, improvisierenden und dem Festival-Titel angemessen spielerischen Spielform. Was in der Inszenierung von Haitham Assem Tantawey als Sehnsucht nach organischen Materialien und nicht-digitaler Menschlichkeit aufschien, findet sich in den Kompositionen kaum: Musikalisches Niemandsland in ganz großem Abstand zu den möglichen Polen Rebellion und Resignation.

Laura Martín Rey auf der Roten Route - Tabula Rasa. Foto: Uwe Lewandowski.
Laura Martín Rey auf der Roten Route - Tabula Rasa. Foto: Uwe Lewandowski.
Katharina Kessler, Andreas Möckel in „IKI.Radikalmensch“. Foto: Jörg Landsberg.

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