Nicht sende-relevant? MDR streicht Produktion mit Werken von Erwin Schulhoff und Issay Dobrowen


(nmz) -
So etwas ist dem Geiger und Pianisten Kolja Lessing in seiner jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit ARD-Anstalten noch nie passiert: der MDR strich eine schon lange verbindlich vereinbarte Musikproduktion mit dem Argument, die zur Aufnahme vorgesehenen Werke seien „nicht sende-relevant“. Dabei handelt es sich um wenig bekannte Violinsonaten der Komponisten Erwin Schulhoff (Nr. 1, 1913) und Issay Dobrowen (op. 15), deren Wirken aufs engste mit Leipzig und Dresden verknüpft war.
24.07.2011 - Von Albrecht Dümling

Erwin Schulhoff studierte bei Max Reger in Leipzig und gründete später die Reihe der „Fortschrittskonzerte“. Der russisch-jüdische Dirigent, Pianist und Komponist Issay Dobrowen lebte ab 1922 in Dresden, von wo er 1934 nach Norwegen floh. Nach der deutschen Invasion musste er 1940 von dort nach Schweden flüchten.

Prof. Lessing, der sich schon lange besonders qualifiziert für Musik verfemter Komponisten einsetzt, bewertet den skandalösen Vorgang als „Ausdruck einer neuen Diffamierung und Ausgrenzung einst verfemter jüdischer Komponisten“.

Indem die verantwortliche Redakteurin Angela Kaiser, die bis 2004 beim NDR Kultur Sendungen wie „Klassisch in die Nacht“, „KlassikClub“ und „Klassikboulevard“ betreute, die genannten Kompositionen für „nicht sende-relevant“ erklärte, erhob sie offenbar die Einschaltquote zum Maßstab. Eine solche zensurierende Einengung des Repertoires entspricht in keiner Weise dem Programmauftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders.
  

MDR

Das ist ein skandalöser Vorgang, der aber ein bezeichnendes Licht auf die zweifelhafte Mentalität in den öffentlich-rechtlichen Anstalten wirft. Wer so argumentiert wie Frau Kaiser hat den Auftrag des Rundfunks nicht verstanden.


Senderelevanz

Ich musste einemal aus einschlägiger Quelle (Abteilungsleiter gegenüber Musikredakteur) die Argumentation ertragen: Wer so abseitiges Repertoire hören wolle, könne sich ja CDs kaufen …


Interessant und erhellend.

Interessant und erhellend. Es ist also tatsächlich so: auch Werke aus dem weiten Umfeld der “Klassik” unterliegen beim MDR einer merkwürdigen, auf zahlenmäßige Mehrheiten und Quoten fixierten Programmpolitik. Der gesamte Bereich Popkultur ist beim MDR ja bereits nie Bestandteil der Programme gewesen, von einigen zwischenzeitlichen (und vor einem Jahr wieder beendeten) zaghaften Versuchen auf der Jugendwelle Sputnik abgesehen.

Ansonsten dudelt der Einheitsbrei für das befriedete Mitteldeutschland. Und das schon seit 1992. Wir waren besseres gewohnt.


Üble Sache - allerdings hat

Üble Sache - allerdings hat der MDR für mich so wenig Hörer-Relevanz…


MDR streicht Produktion

Sehr geehrter Herr Radiowaves:
“Wir waren besseres gewohnt.” !!!!
“Der gesamte Bereich Popkultur ist beim MDR ja bereits nie Bestandteil der Programme gewesen…” Ich stimme Ihnen zu.

Das es geht zeigt der RBB mit radioeins.

20 Jahre MDR, Der MDR - eine Erfolgsgeschichte kann man auf der Homepage lesen…..


Programmauftrag

Es bedarf wohl ganz allgemein einer Klärung, warum bei den öffentl.-rechtl.Sendeanstalten überhaupt eine Einschaltquote eine Rolle spielen darf - private Sender, die sich über die Werbeeinnahmen finanzieren, machen die Quote zum Multiplikator, öffentl.-rechtl Sender beziehen hingegen über die GEZ feste Einahmen und haben deswegen geradezu die Verpflichtung Nischenprogramme zu produzieren. Wahrscheinlich aber ist die Macht, bzw. die Zusammensetzung der Programmbeiräte wichtiger, als der Programmauftrag?


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