„O sink hernieder“: Wagner kommentiert Offenbachs „La Périchole“ an der Komischen Oper


(nmz) -
Im Jahre 1870 schrieb Richard Wagner sein Lustspiel in antiker Manier, „Eine Kapitulation“, in der Jacques Offenbach zum Handlungsträger wird und durch seinen Straßengesang den leiblichen Hunger der Pariser stillt. Wagner ließ seine Komödie von Dirigent Hans Richter im Offenbach-Stil vertonen. Aber Richter schämte sich seiner Partitur und es kam zu keiner Aufführung bis zum Jahre 1980, anlässlich eines Wagner-Spectaculums in Pegnitz.
07.06.2010 - Von Peter P. Pachl

Die Antagonie Straßengesang-Hunger ist in Offenbachs 1868 im Théatre des Varietés in Paris uraufgeführter Opéra-bouffe Thema. Die Komische Oper Berlin wird ihre nächste Saison mit Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ eröffnen, nahm aber bereits mit „La Périchole“ den Zweikampf Wagner versus Offenbach auf.

Wie in der kürzlich an der Staatsoper herausgekommenen „L’Etoile“ von Chabrier mischt sich auch in Henri Meilhacs und Ludovic Halévys Libretto der Herrscher unerkannt unters Volk. Er gabelt die Straßensängerin Périchole auf und macht sie zu seiner Mätresse. Da diese gemäß Hofzeremoniell verheiratet sein muss, verehelicht er sie mit dessen Freund Piquillo. Doch der macht das Spiel nicht mit und landet im Gefängnis, wo Périchole ihn befreit. Diese Operette steht in dieser Spielzeit auch auf dem Spielplan des Berliner Ensembles und wird, als ein frühes Seitenstück zur Dreigroschenoper, häufig von Schauspielensembles realisiert.

Regisseur Nicolas Stemann rückt die ursprünglich im Lima des 18. Jahrhunderts angesiedelte Handlung in eine heutige Glimmer- und TV-Welt, mit doppeltem Theatervorhang, Dreh- und Wagenbühne und goldenen Käfigen (Bühnenbild: Katrin Nottrodt). Die ständigen Brechtschen V-Effekte eines Spiels im Spiel im TV (das tatsächlich live, aber zeitversetzt in 3sat übertragen wurde) verhindern bis zur Pause, dass das Spiel in Gang kommt. Gerade einmal aufgebaute Emotionen versanden durch ständige Unterbrechungen, durch die Ansagen per Micro, Aufforderung zur TV-Publikumsabstimmung per Telefon etc. Glücklicherweise verdichtet sich nach der Pause die Erzählweise, mit den aus Stemanns Inszenierungen (insbesondere aus seinem „Hamlet“) bekannten Überlagerungen von Live-Darstellung und Videoprojektion. Das touristische, eifrig knipsende Publikum auf der Bühne (wieder einmal großartig: der von Barbara Kler einstudierte Chor der Komischen Oper) erlebt ein Kostümfest zwischen Rokoko und Rocky Horror Picture Show.

Das völlig überdrehte Solistenensemble auf dem Showsteg schafft es tatsächlich, das Publikum (so weit es im zweiten Teil noch anwesend ist) zum Mitsingen der penetrierend vorgetragenen Liedzeile „Mein Gott, wie sind die Männer dämlich!“ zu animieren. (Die Deutsche Übersetzung stammt von Bernd Wilms, dem ehemaligen Intendanten des Deutschen Theaters Berlin.)

Dirigent Markus Poschner hat die musikalische Latte des Abends bewusst hoch gehängt, indem er Offenbachs Nummern immer wieder mit Richard Wagners „Tristan und Isolde“ bricht. Szenisch steht dafür der Barrikadenkampf im Jahre 1871 in Paris, mit der als durchgehender Figur aufgewerteten Komiker-Rolle des alten Gefangenen im dritten Akt (der Schauspieler Andreas Döhler), hier als ein Arbeiterführer im einsamen Kampf gegen die Spaßgesellschaft, – untermalt von Wagners „Tristan“-Vorspiel. Wollte der Regisseur, laut Programmheft-Interview, „Ironie bei Offenbach, Pathos bei Wagner“ als Gegensätze hervorkehren, so gerinnen die Wagner-Passagen unter Poschners Leitung zu einer Intensivierung der Offenbachschen Partitur, aber auch – entgegen Wagners Attribut von Offenbachs „Wärme des Misthaufens“ – zu einer Aufwertung der Opéra-bouffe durch die Fallhöhe der darin erklingenden, tief empfundenen Emotionen.

Vor dem dritten, vorspiellosen Akt der Operette Offenbachs, erklingt Wagners Vorspiel zum dritten „Tristan“-Aufzug, das anschließend auch als Melodram-Musik genutzt wird. Und im Kerker singen Piquillo und die zu seiner Rettung erschienene Périchole den ersten Teil des Liebesduetts von Tristan und Isolde, „O sink hernieder, Nacht der Liebe“, – so gekonnt und stimmungsvoll, dass dies durch die nachfolgenden Schlussnummern nicht mehr zu toppen ist.

Diese Leistung erbringen Caroline Gumos als attraktive Straßensängerin Périchole und Johannes Chum als hochgewachsener Straßensänger Pequillo, als ein im angeschnittenen Wagnerfach, wie in der Leichtigkeit des Offenbach-Couplets, gleichermaßen überzeugendes Liebespaar. Chum brilliert auch mit einem makellosen A-cappella-Gesang am Anfang des dritten Aktes. Mit Witz und stimmlicher Bravour agieren Peter Renz und Günter Pappendell als politische Potentaten und singende Showmaster. Anna Borchers, Mirka Wagner und Olivia Vermeulen, Mitglieder des Opernstudios, verkörpern das Terzett der Drei Cousinen, in wechselnden Kostümen zwischen Bifis, Animierdamen und Politessen (Kostüme: Marysol del Castillo). Den Vogel schießt der Bariton Roger Smeets ab: als Vizekönig Don Andrès gibt er im Frank-N-Furter-Kostüm jene Hunde-Dressurnummer zum Besten, die im ersten Akt der originalen Operettenhandlung das Volk mehr zu begeistern vermag als die Straßensängerin Périchole selbst.

Das Orchester der Komischen Oper, zunächst in dem von einem breiten Showsteg umrundeten Graben und dann auf einem fahrbaren Bühnenwagen hinter den Sängern, ist in Hochform. Viel Applaus des Premierenpublikums, aber auch heftige Buhrufe gegen Regisseur Stemann und sein Team, für die spielerische bis philosophische Infragestellung gesellschaftskonformer Zwangs-Unterhaltung.

Weitere Aufführungen: 9., 14. 18., 22. 26., 29. Juni, 2. und 4. Juli 2010.

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